ReportageRio gegen die Welt

Es ist wieder so ein Tag im Leben von Rios Bürgermeister Eduardo Paes, den er gern im Atlantik versenken würde – und die Medien gleich mit, genau wie den Gouverneur seines Staates und die gesamte politische Klasse Brasiliens. Der Countdown an der Wand seines „Situation Room“ zeigt die verbleibenden Tage bis zu den Olympischen Spielen, er ist voller Tatendrang, aber in den Medien geht es wieder nur um Korruption, Staatspleite, Gewalt, Bauverzögerung.

„Bauverzögerung?“, ruft er empört. „Die Sportstätten sind alle fertig. In einer einzigen Arena, dem Velodrom, fehlten ein paar Sitze, und ihr Journalisten stürzt euch darauf.“ Paes, 46, hat nicht ganz unrecht. Die Olympia-Arenen sind tatsächlich fertig. Am Vortag hat der Präsident des Leichtathletikverbands Rio de Janeiro besucht und das Olympiastadion gepriesen, aber so etwas geht derzeit unter zwischen all den Katastrophenszenarien. Paes kennt den Kreislauf inzwischen nur zu gut: Es beginnt mit einem Bericht der „New York Times“ oder von CNN, andere Medien ziehen nach, und irgendwann schreiben die eigenen Lokalblätter, was die „New York Times“ wieder Schlechtes über Rio schrieb.

„Brazil and Rio let the bad times roll“, titelte die „Times“. Paes sitzt hoch über Rios Zentrum, im 13. Stock eines gesichtslosen Verwaltungsgebäudes, weit entfernt von den Stränden und den Olympiastätten im Stadtteil Barra de Tijuca. Nur das Stadion Maracanã, wo die Eröffnung stattfinden wird, ist von hier zu sehen, einige der gefährlichsten Favelas und schier endlose Verkehrsstaus – zwei Hauptprobleme der Stadt. „Ich weiß, dass das Image Brasiliens angeschlagen ist“, sagt Paes. „Aber wer einen genauen Blick auf Olympia und Rio wirft, sieht: Wir haben geliefert. Pünktlich. Im Rahmen des Budgets. Ohne Bestechung. Ohne Skandale. Wir zeigen eine andere Seite Brasiliens.“

Rios Bürgermeister Eduardo Paes.
Rios Bürgermeister Eduardo Paes.
© Getty Images

Paes kommt gerade aus dem Regen, trägt Windjacke und hat die Ärmel hochgekrempelt, er erinnert ein wenig an Gerhard Schröder im Flutgebiet. So fühlt er sich auch. Wie in einer Sturmflut. Voller Adrenalin. Überall im Land nur Krise. „Und wir in Rio kriegen alles ab.“ So sieht es zusammengefasst für ihn aus: Rio gegen Brasilien. Rio gegen die Welt. Rio gegen alle.

Die Olympischen Spiele kommen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, jetzt, da alle schlechten Nachrichten auf einmal hereinbrechen. Als Rio 2009 den Zuschlag erhielt, schien Brasilien auf dem Weg nach oben. Wachstumsraten von sieben Prozent, eine wachsende Mittelklasse, gewaltige Erdölfunde vor Rios Küste. Zum ersten Mal sollte eine Stadt Südamerikas Olympia ausrichten, und das nur zwei Jahre nach der Fußballweltmeisterschaft. Das war eine Menge auf einmal. Vielleicht etwas zu viel. Inzwischen ist das fünftgrößte Land der Welt auf dem Tiefpunkt. Die Wirtschaft wird in diesem Jahr um 3,8 Prozent schrumpfen. Die Inflationsrate liegt bei zehn Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist binnen zwei Jahren von fünf auf elf Prozent gestiegen.

Gewaltige Korruptionsskandale um den staatlichen Ölkonzern Petrobras und zahlreiche Bauunternehmen haben den Ruf des Landes ruiniert. Investoren bleiben weg. Ölfirmen ziehen ihre Mitarbeiter aus Rio ab. Dazu steckt das Land seit Monaten in einer schweren Regierungskrise. Zunächst leitete der Kongress ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff ein – wegen manipulierter Haushaltszahlen. Dann übernahm ihr Vize Michel Temer vorübergehend das Amt, doch schon nach vier Wochen mussten drei seiner Minister wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten. Insgesamt wird gegen mehr als die Hälfte der Abgeordneten im Kongress ermittelt, vor allem wegen Bestechung. Wichtige politische Arbeit während dieser schwersten Wirtschaftskrise seit 30 Jahren bleibt einfach liegen. Und in diesem Getöse muss Rio sich für die Spiele bereit machen.

Abwasser statt Delfine

Wirtschaftswachstum Brasilien
Quellen: Statista

Die Stadt war das Symbol des brasilianischen Aufstiegs. Als die Erdölfelder vor der Küste entdeckt wurden, die zu den größten der Welt gehören, sah man den Bundesstaat Rio de Janeiro schon als das „Dubai Südamerikas“. Damals schmiedeten sie die großen Pläne für Olympia: neue Sportstätten, eine Wiederbelebung des Hafenviertels, mehr Sicherheit für die Favelas, verbesserter öffentlicher Nahverkehr, neue Kläranlagen – goodbye, Dritte Welt.

Bürgermeister Paes aber kommt gerade vom Ufer der Baía de Guanabara. Den Gestank konnte er wieder über Kilometer riechen. Rio ist am Westufer der gewaltigen Bucht von Guanabara gewachsen, 380 Quadratkilometer, in denen einst Delfine lebten. Heute fließen die Abwässer von mehr als acht Millionen Menschen hier hinein, 18 000 Liter pro Sekunde, etwa 60 Prozent davon völlig ungefiltert. Eigentlich sollten bis Olympia 80 Prozent der Abwässer geklärt werden, so der Plan. Es wurde nichts. „Nicht optimal“, sagt Paes. „Aber nicht unsere Schuld. Das war Aufgabe des Staates.“ Kurz vorher hat er den Tunnel der neuen U-Bahn-Linie besucht, ein weiteres Prestigeprojekt. Bis zum Start am 5. August soll die Linie U4 fertig sein, doch es wird eng. „Auch nicht optimal, aber auch die Verantwortung des Staates“, sagt er. Paes wirkt wie ein Mann der ständigen Krise. Er hetzt von einem Schauplatz zum anderen. Von einem Satz zum nächsten. Wenn er in einer Frage Kritik wittert, schlägt er zu. Lohnt sich Olympia heutzutage überhaupt noch für eine Stadt? „Absolut. Vielleicht nicht die Sportstätten. Aber ich habe Olympia als Vorwand genommen, die Stadt umzukrempeln. Schaut euch das Hafenviertel an! Den öffentlichen Verkehr. Sprecht mit den Menschen!“

Das Hafenviertel Porto Maravilha soll das größte Vermächtnis von Rio 2016 werden. Paes ließ eine Autobahn sprengen und neue Tunnel bauen, um die verwahrloste Gegend zwischen drei Favelas schöner zu machen. Er setzte ein futuristisches Museum ans Wasser, ließ Promenaden bauen, Fahrradwege, eine Straßenbahn. In die Lagerhäuser am Kai ziehen jetzt Restaurants ein, davor legen Kreuzfahrtschiffe an. Hier soll Rio wie Barcelona sein, wie Seattle. Spricht man aber mit den Bewohnern, sind die Meinungen geteilt. Schön sei es ja, sagen viele – aber sie hätten lieber Jobs als Olympia, lieber bessere Schulen als Dauerbaustellen. Andere haben mithilfe der Stadt ihre Fassaden renoviert und setzen nun auf den Tourismus. Aber wie viel helfen neue Fassaden gegen Gewalt, Armut und Korruption?