GastkommentarRettet die Freiheit in der digitalen Welt!

Irgendwann verschwinden die Menschen hinter den Daten
Irgendwann verschwinden die Menschen hinter den Datendpa

Offenbar war ein echter Datenskandal nötig, um die Debatte über die Freiheit in der digitalen Welt voll zu entfachen. Denn tatsächlich ahnten Bürger schon vor den Enthüllungen rund um Cambridge Analytica, dass ihre Daten bei Facebook – und nicht nur dort – ziemlich transparent und abrufbar gelagert werden. Nun musste Facebook-Chef Mark Zuckerberg zum Büßen antreten. Und siehe da: Die europäische Idee vom Datenschutz, der bislang der Geruch von Gängelei anhaftete, duftet in der Not selbst für ihn nach Freiheit.

Dabei hat Freiheit noch nie bedeutet, dass jeder jederzeit machen kann, was ihm gerade passt. Denn die des einen hört immer dort auf, wo die des anderen beginnt. Deshalb gibt es wahre Freiheit nur, wenn sich alle auf ein paar Regeln verständigt haben. Als kleinster gemeinsamer Nenner gelten die Grundrechte. Und selbst diese müssen im digitalen Zeitalter verteidigt werden. Die Freiheit der Gedanken, die Unverletzlichkeit des Körpers und der Wohnung, das Recht auf ein faires Verfahren – alles wird durch die neuen Möglichkeiten berührt.

Bislang hat die Digitalisierung vor allem polarisiert. Während die einen technologiebesoffen ihre eigenen Powerpoint-Vorträge bewundern, prognostizieren die anderen angesichts des Roboter-Zeitalters den Untergang der Zivilisation. Letzteres ist übrigens kein Privileg analoger Smartphone-Verweigerer. Kein geringerer als Silicon-Valley-Visionär Elon Musk hat die Möglichkeit des Weltuntergangs skizziert, gäbe man bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz das Steuer aus der Hand.

Die zentrale Botschaft: Der Mensch muss die Technik gestalten, nicht die Technik den Menschen. Nur so lässt sich Freiheit bewahren. Und nur in Freiheit gedeihen Menschlichkeit und jene Innovationen, die die Welt zu einem besseren Ort nicht nur für jene machen, die die modernen Produktionsmittel besitzen: Daten.

Bürger sein statt Konsument oder Untertan

Derzeit gibt es die digitale Welt grob gesagt in zwei Varianten. Variante eins ist die Konsumgesellschaft kapitalistischer Prägung, die von monopolistischen Konzernen getrieben wird. Variante zwei ist der autoritäre Staat, in dem das Monopol bei der Regierung liegt.

Der Antrieb der kapitalistischen Version ist die Bequemlichkeit, schon manch einer hat sie mit Freiheit verwechselt. Bürger werden als Konsumenten gebraucht, deren Aufgabe es ist, unablässig Daten zu produzieren. Diese werden in Algorithmen eingespeist, die zu weiterem Konsum verleiten und gleichzeitig Anwendungen der künstlichen Intelligenz füttern sollen. Der Consumer wird zum Prosumer.

In dieser Welt herrschen neben Apple, Facebook, Google und Amazon. Vor allem die Geschäftsmodelle letzterer basieren darauf, Aufmerksamkeit zu erlangen und neue Bedürfnisse zu wecken. Die Plattformen suggerieren dem Konsumenten Freiheit, aber in der Regel strukturieren sie seine Wahlmöglichkeiten so, dass er möglichst oft zugreift. Geht es nur um den Kauf einer Kaffeemaschine, sind die Folgen algorithmischer Beeinflussung zu verschmerzen. Werden aber Informationen und Meinungen, die jemand zu sehen bekommt, zu stark strukturiert, leidet der Wettbewerb der Ideen.

In der autoritären Version der digitalen Welt setzt der Staat mit Hilfe von Vernetzung plus Datenanalyse seine Agenda durch. Dazu benutzt er eine Mischung aus Abschreckung („big brother is watching you“), Ablenkung (wer konsumiert, politisiert nicht) und Anreizen. China exerziert derzeit vor, wie das funktioniert. Es gibt ein Punktesystem für die Bürger, nach dem Privilegien verteilt werden. Mit Freiheit hat das nichts zu tun.

Das digitale Zeitalter muss das Zeitalter guten Designs werden. Es gilt, Geschäftsmodelle, Technik, und die Politik zu gestalten, die sie reguliert

Alexandra Borchardt

Soll die digitale Welt eine freie sein, muss sie den selbstbestimmten Bürger fördern. Datenschutz und eine sichere Beteiligung an politischen Prozessen gehören genauso dazu wie die Transparenz öffentlicher Institutionen. Ebenso wie es staatliche Aufgabe ist, einen sicheren öffentlichen Raum zu schaffen, muss es einen sicheren digitalen Raum geben, in dem sich jeder frei äußern kann aber auch zu benehmen weiß. Die Analogie zur Straße passt, denn Verkehrsregeln sind auch dann allgemeingültig, wenn die eine oder andere Strecke privatisiert ist.

Auf das Design kommt es an

Smartphones machen süchtig, heißt es. Wissenschaftler sagen, sie funktionieren wie kleine Dopamin-Pumpen, die uns mit Glückshormonen fluten, wenn wir viele „Likes“ kassieren und uns hormonell beuteln, wenn in unserer „Inbox“ Leere herrscht. Algorithmen können den Massengeschmack fördern, weil sie kondensierte Vergangenheit sind und immer das nach oben spülen, was die Vielen mögen. Und Apps machen Nutzer zu gläsernen Menschen. Aber all das geschieht nur, wenn man es geschehen lässt.

Viel zu lange wurde die digitale Welt als quasi gottgegeben hingenommen, manch eine Prozessionen ins Silicon Valley mutete wie eine religiöse Handlung an. Doch mit dem Wissen schwindet manch spiritueller Zauber. Alle Geräte, die uns mit dem weltweiten Datennetz verbinden, alle Algorithmen, die uns steuern, alle Apps kann man so oder so bauen oder programmieren. Das digitale Zeitalter muss das Zeitalter guten Designs werden. Es gilt, Geschäftsmodelle, Technik, und die Politik zu gestalten, die sie reguliert.

Brecht das Effizienz-Diktat!

Ein weiterer Anfängerfehler könnte uns Zukunft kosten: wenn Digitalisierung allein dazu genutzt wird, Effizienz zu steigern. Innovationen entstehen, wenn Menschen Luft haben zum Denken, Ausprobieren, Kooperieren, durch Zufälle. Wenn wir uns auf Effizienz konzentrieren, konkurrieren wir mit Maschinen, und dann haben wir schon verloren. Wir müssen das trainieren, was uns von Robotern unterscheidet: Empathie, Gesprächskultur, Kreativität, Beziehungspflege. Denn das wird den Menschen 4.0 ausmachen.