GastkommentarRenten-Debatte - zurück in die Vergangenheit


Werner Siepe ist Finanzmathematiker im Ruhestand


Parteien und Verbände haben die Höhe des Rentenniveaus im Jahr 2030 als Wahlkampfthema entdeckt – und angesichts der Absurditäten ist es höchste Zeit für eine sachliche Einordnung der Argumente. Beginnen wir mit dem so genannten „Sicherungsniveau“. Dabei wird die verfügbare Standardrente in Prozent des verfügbaren Durchschnittsentgelts ausgedrückt. Es darf – vor Steuern – 43 Prozent im Jahr 2030 nicht unterschreiten. Dieses Sicherungsniveau wird im Rentenversicherungsbericht 2015 der Bundesregierung auf 44,6 Prozent im Jahr 2029 geschätzt. Für 2030 wird es in dem Ende November dieses Jahres erscheinenden Rentenversicherungsberichts 2016 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit rund 44 Prozent ausgewiesen, also einen Prozentpunkt über der Zielvorgabe laut Sozialgesetzbuch. So weit, so niedrig.

Der CDU-Sozialexperte Karl Schiewerling möchte aber für 2030 ein Rentenniveau von 45 Prozent sichern. Bündnis 90/Die Grünen plädieren für ein Rentenniveau von 46 Prozent. SPD-Parteichef Sigmar Gabriel von der SPD macht sich, wie DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach für eine Beibehaltung des jetzigen und bis 2020 zu erwartenden Rentenniveaus von 48 Prozent stark. Verdi-Chef Frank Bsirske und der Paritätische Wohlfahrtsverband möchten das Rentenniveau auf 50 Prozent erhöhen und die Linke sogar auf 53 Prozent wie ehemals im Jahr 2000.

Befürworter einer Stabilisierung oder Erhöhung des Rentenniveaus wollen im Prinzip also zurück in die Vergangenheit. Sämtliche Vorschläge kranken jedoch an drei fundamentalen Fehlern und Problemen: Erstens wird beim Rentenniveau als Sicherungsniveau vor Steuern systematisch mit falschen – nämlich fiktiven – Zahlen gerechnet. Zweitens würde der Verzicht auf die Senkung des Rentenniveaus in 2030 eine grundlegende Änderung der aktuellen Rentenformel bedingen. Drittens ist die Finanzierung fraglich.

Auf Kosten der Jüngeren

Capital 06/2016
Mehr zur Renten-Debatte in der neuen Capital

Beginnen wir mit der Finanzierung: Wer das jetzige Rentenniveau stabilisieren will, möchte die künftigen Renten im gleichen Verhältnis wie die Löhne erhöhen. Steigen die Löhne also beispielsweise um drei Prozent, steigen danach die Renten ebenfalls um drei Prozent. Soll das Rentenniveau sogar gegenüber heute erhöht werden, müssten die Renten relativ stärker steigen als die Löhne.

Beides würde aber nur gelingen, wenn gleichzeitig die Beitragssätze oder die aus Steuermitteln aufzubringenden Bundeszuschüsse zur gesetzlichen Rentenversicherung deutlich steigen. Letztlich müssten also die rentenversicherungspflichtigen Arbeitnehmer oder die Steuerzahler dafür aufkommen. Wer künftig deutlich mehr Rente will, müsste in der aktiven Zeit als Beitrags- und Steuerzahler kräftig bluten. Kaum denkbar, dass dies von den Jüngeren so gewollt wäre.

Unter dem Strich würden die Älteren, die bereits in Rente sind oder bis 2020 in Rente gehen, von einer Stabilisierung beziehungsweise Erhöhung des Rentenniveaus profitieren. Schließlich würden ihre Renten stärker ansteigen als bisher erwartet. Wer das Rentenniveau in 2030 auf 48 bis 53 Prozent erhöhen will, begünstigt also die Älteren auf Kosten der Jüngeren.

Standardrente und Durchschnittsentgelt

Komplizierter wird es bei der Frage nach der Berechnung. Die Messgröße „Sicherungsniveau vor Steuern“, um die es in der Debatte geht (auch „steuerbereinigtes Nettorentenniveau“ genannt), ist seit ihrer Einführung im Jahr 2005 heftig umstritten. Es spricht viel dafür, dass die Berechnung dieses Rentenniveaus seit 2005 schlichtweg falsch ist. Dazu muss man sich mit zwei Wortungeheuern beschäftigen: der verfügbaren Standardrente und dem verfügbaren Durchschnittsentgelt, die entscheidend sind für die Rentenberechnung.

So wird die verfügbare Standardrente definiert: als „Regelaltersrente aus der allgemeinen Rentenversicherung mit 45 Entgeltpunkten ohne Berücksichtigung der auf sie anfallenden Steuern, gemindert um den allgemeinen Beitragsanteil zur Krankenversicherung und den Beitrag zur Pflegeversicherung“.