ReportageProjekt Seidenstraße: Chinas neuer Plan

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Auf eine rosige Zukunft! Beim Abendbankett des OBOR-Forums prostet Chinas Präsident Xi Jinping den versammelten Staatenlenkern zu
Auf eine rosige Zukunft! Beim Abendbankett des OBOR-Forums prostet Chinas Präsident Xi Jinping den versammelten Staatenlenkern zu (Foto: Getty Images)

Als Xi zu seiner großen Rede ansetzt, entwirft er mit sonorer Stimme das Bild einer vernetzten Welt, in der „Milch und Honig fließen“. Seine Botschaft: Mögen die Kontinente zusammenrücken, die Märkte sich öffnen, der Handel neue Blüten treiben! Wohlstand, Völkerfreundschaft, Frieden – kein Buzzword, das Xi nicht fallen lässt. „Wir werden der Welt und allen unseren Völkern echten Mehrwert bringen!“ Während der Beifall noch braust, verlässt Xi die Bühne. Nun sind die Gäste dran. Einer nach dem anderen treten sie ans Rednerpult.

„Präsident Xi gebührt Dank für diese Initiative, die sehr vielversprechend ist und zur rechten Zeit kommt“, sagt Wladimir Putin. „Ich habe sie von Anfang an unterstützt.“

„Lassen Sie mich betonen, welche Bedeutung Griechenland ihr beimisst“, sagt Alexis Tsipras.

„Ich überbringe euch die Liebe und den Respekt aller Bürger der Türkei“, sagt Recep Tayyip Erdogan. „Dies ist die Art Initiative, die dem Terrorismus ein Ende setzen wird.“

„Indeed, ihr Umfang ist bahnbrechend“, sagt der britische Schatzkanzler Philip Hammond. „In diesem Unterfangen ist Großbritannien für China ein natürlicher Partner.“

„Wir loben und bewundern China“, sagt Pakistans Premier Nawaz Sharif.

Es ist ein bizarres Schauspiel. Was treibt all diese Vertreter stolzer Nationen dazu, sich vor Xi in den Staub zu werfen?

Um das zu begreifen, sollte man sich einen anderen Teil der Seidenstraße ansehen.

Piräus – Chinas Brückenkopf in Europa

„Dieser Ort ist die Brücke zwischen Asien und Europa“, sagt Fu Chengqui. Der 67-jährige Chinese – schlohweißes Haar, gebräunter Teint – blickt über sein Reich: den Hafen von Piräus. Sonnenstrahlen lassen das azurblaue Wasser glitzern, Möwen kreischen, am Kai gegenüber rollen Autos auf die Passagierfähren. Nicht weit entfernt stapeln ein Dutzend turmhohe, halbautomatische Kräne im Sekundentakt tonnenschwere Stahlkästen auf bis zu 300 Meter lange Containerfrachter. Auf den Hebemaschinen stehen chinesische Schriftzeichen. Hier macht Captain Fu, wie alle den Hafenchef nennen, das ganz große Business.

Als Griechenland 2009 in die Euro-Schuldenkrise taumelte, mietete sich Captain Fu im Auftrag seines Arbeitgebers Cosco in Piräus ein. Der staatliche chinesische Logistikkonzern übernahm den Betrieb eines abgewrackten Terminals in einem Hafen, der jahrzehntelang vernachlässigt worden war, misstrauisch beäugt von Gewerkschaftern und Lokalpolitikern, die schmutzige Geschäfte befürchteten.

Sie lagen falsch. Die Chinesen krempelten das Terminal komplett um: investierten, modernisierten, schufen Jobs. Heute gilt Piräus als der modernste Containerhafen der EU. Der Frachtumschlag hat sich seit Coscos Einstieg verachtfacht, bis Ende 2018 soll er um ein weiteres Drittel zulegen. Chinesische Konzerne beliefern von hier aus Süd-, Südost-, künftig auch Mitteleuropa.

Vor dem Gebäude der Hafenleitung weht neben dem blauweißen griechischen Banner auch die rote Fahne Chinas. Seit knapp einem Jahr sind die Chinesen nicht mehr bloß Pächter, sondern Eigentümer. Im August 2016 haben sie die Mehrheit an Piräus übernommen, für 280,5 Mio. Euro. Ein Schnäppchen für sie, aber die griechische Regierung brauchte dringend Geld. „Piräus“, sagt Captain Fu, „ist ein wichtiges Drehkreuz für One Belt, One Road.“

Die Geschichte ist ein Paradebeispiel für Xis Initiative. Ein darbender Staat, in diesem Fall Griechenland, benötigt dringend Investitionen. Das Land hat möglicherweise sogar etwas Attraktives anzubieten, in diesem Fall eine perfekte Geografie: Piräus ist der einzige große Tiefwasserhafen zwischen Sueskanal und Bosporus. Es traut sich aber kein Investor an dieses problembeladene Land heran, denn die wirtschaftlichen und politischen Risiken sind beträchtlich. Vielleicht fehlen die Mittel, vielleicht fehlt die Vorstellungskraft.

Die Chinesen sehen den strategischen Nutzen, sie haben zwei Vorteile: Durch ihre Investitionen in Afrika haben sie im letzten Jahrzehnt gelernt, in schwieriger Umgebung zu operieren. Und: Sie können ihre Staatsunternehmen in Bewegung setzen, wo private zaudern. Nicht nur der Piräus-Betreiber Cosco ist ein volkseigener Betrieb. Auch das Geld kam vom Staat: Wie Captain Fu bestätigt, hat die China Development Bank (CDB) den Deal finanziert.