KommentarDas Schulz-Zugunglück

Ein SPD-Delegierter hält auf dem SPD-Parteitag ein Martin-Schulz-Plakat in die Höhe
Ein SPD-Delegierter hält auf dem SPD-Parteitag ein Martin-Schulz-Plakat in die Höhe
© Getty Images

Manchmal können Aufstieg und Abstieg in ihrem Tempo auch gnadenlos sein. Da haben wir also eine kleine Wahl im kleinen Saarland, da schneidet die CDU plötzlich doch viel besser ab als erwartet und die SPD nicht ganz so gut – und prompt wird aus dem Schulz-Express ein Bummelzug in der Endstation, aus dem „Schulz-Effekt“ ein „Schulz-Defekt“; ein Hype also, der vorbei ist. War’s das schon?

Martin Schulz ist nun in einer gefährlichen Zwischenwelt; die Medien schauen auf ihn wie ein Kind auf ein neues Spielzeug, mit dem es euphorisch gespielt hat – und das nun überlegt, ob es weiterspielen soll oder es wegwirft. So ist das Leben im Medienzirkus, und das weiß Schulz. Was aber, wenn in NRW die SPD strahlender Sieger ist?

Nun, dann wird der Schulz-Zug wieder weiter fahren und dampfen, bis er im Kanzleramt zum Stehen kommt. Weil ja doch viele das Gefühl hatten, dass Angela Merkel ausgelaugt und amtsmüde ist und es eben nicht mehr so richtig wissen will. Schulz wird dann wieder der Star sein, der endlich einmal ausspricht, was in diesem Land angeblich schief läuft, und sich alle etwas ungleicher und ungerechter behandelt fühlen.

In der CDU wird dann wieder kalter Schweiß ausbrechen, und sie wird sich in ihrer Totenruhe unruhig fühlen – und erst wieder etwas wagen, wenn sie sich sicher fühlt. (Immerhin hatte sie nach dem Saarland den Mut, ein paar Lieblingsgesetze der SPD, wie jene zum Recht auf befristete Teilzeit oder zur Absetzung von Managergehältern zu stoppen).

Was also nun? Ist die SPD oben oder wieder auf dem Weg nach unten? Sind die Volksparteien im Aufwind oder wie Bäume, die vor Tod noch einmal ausschlagen?

Infografik: Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre (KW 14) | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Merkels emotionales Vakuum

Uns erwartet bis zum Herbst ein rauschhafter Wechsel der Rausch-Narrative. Ich finde beide Entwicklungen übertrieben: Der Hype um Schulz seit Januar war ungesund und ziemlich albern, weil weder die SPD noch dieses Land einen Heiland brauchen. Zumal er kein Heiland ist. Er hat allerdings einen Nerv getroffen, was für einen EU-Bürokraten, der sich Jahrzehnte in der Brüsseler Bonzen-Blase bewegt hat, eine Leistung ist.

Die Demoskopen haben dennoch übereifrig herummodelliert – und Stimmungen in ihre Formeln hineingerechnet, die es so (noch) nicht gab. Genauso aber ist es Unsinn, den Hype nun für beendet zu erklären –  denn Schulz hat ja etwas bewirkt, auch wenn er keine neue Idee präsentiert hat und die aufgewärmten Ideen (ergo die Rückabwicklung der Agenda 2010) eher abschreckend sind.

Ein Effekt ist nachweislich da: die Mobilisierung von Wählern – okay, im Saarland zwar vom anderen Lager, aber immerhin. Das ist gut für die Demokratie. Der zweite Effekt: Die Ära Merkel hat ja dieses rhetorisch-emotionale Vakuum geschaffen, in dem viele Menschen etwas vermissen: Botschaften, die klar sind und die sie erreichen. Merkel verstand Politik immer als Managementaufgabe, was sie oft mit Bravour meistert, nicht als Kommunikationsaufgabe. Kommunikation ist deshalb seit vielen Jahren Brachland, wir haben die Dürre und Ödnis nur nicht mehr gespürt, weil es vielen immer besser ging und man sich daran gewöhnt hatte. Nun haben einige gemerkt, dass ihnen doch etwas fehlt. Und darauf lässt sich aufbauen, egal, wie NRW und Schleswig-Holstein ausgehen.

Ende des sozialdemokratischen Burn-outs

Der Schulz-Effekt wird bis zum Herbst ein Rätsel bleiben, was aber sekundär ist. Denn nicht mal die SPD kann sich ja ihren Auftrieb erklären. Sie konnte nur darauf hoffen, dass der Effekt wahr ist. Das Gute: Nun muss sie etwas dafür tun, dass er existiert, anstatt ihn im Willy-Brandt-Haus mit feuchten Augen zu verfolgen. Was zum Ende des sozialdemokratischen Burn-outs weiter beitragen wird. Der nicht gut für das Land war.

Die Erdung des Martin Schulz ist insofern heilsam, was nicht bedeutet, dass sich die CDU wieder heimlich in den Schlagwagen setzen soll, mit dem sie an die Macht zu reisen gedachte. Denn wenn man Schulz vorwirft, dass er wenig gute neue Ideen hat, so kann man dies für die Union genauso sagen. Den Programmen der beiden Parteien wird der Wettstreit hoffentlich gut tun.

Das Kernproblem des Programms der Union ist, dass es viel zu wenige Ambitionen hat. Da ist kein großer Wurf drin, noch nicht mal ein Würflein. In den Programmen von R2G dagegen schlummern schon jetzt eine Gefahr und ein Widerspruch: Die Gefahr haben die Wähler im Saarland gespürt, so dass sie Rot-Rot verhindern wollten. Weil die Wähler, egal ob Schulz’ Gerechtigkeitsdiagnose zutrifft oder nicht, eben auch ein Gespür dafür haben, was Rot-Rot-Grün in Deutschland anrichten könnte.

Der Widerspruch liegt in einer Flanke, die noch gar nicht zum Vorschein getreten ist. Jene Wähler, die Merkel immer noch wegen der Flüchtlingspolitik weg haben, aber nicht AfD wählen wollen, werden in R2G keine Alternative finden, im Gegenteil. Derzeit sind es rot-grüne Landesregierungen, die Abschiebungen aussetzen und schärfere Asylgesetze im Bundesrat blockieren. Sollte die Flüchtlingskrise erneut ausbrechen, darf man gespannt sein, wie Schulz sich positioniert.

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: