InterviewPamela Meyer: „Lügen verbreiten sich wie eine Epidemie“

Pamela Meyer
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Pamela Meyer ist eine amerikanische Geldwäscheexpertin und Autorin des Bestsellers „Liespotting“


Seit seinem Amtsantritt hat Donald Trump nach Recherchen der „Washington Post“ mehr als 10.000 falsche oder irreführende Behauptungen aufgestellt. Aber 40 Prozent der Amerikaner kümmert das gar nicht. Gewöhnen wir uns an Lügen?

PAMELA MEYER: Ja, es gibt einen Betäubungseffekt. Die moralischen Hemmschwellen sinken. Lügen verbreiten sich wie eine Epidemie. Und die meisten Menschen denken nicht langfristig – und kurzfristig spüren sie keine Auswirkungen von Lügen.

Länder wie China oder Russland setzen in ihrer Propaganda auf alle möglichen Täuschungsmanöver. Ist unsere moralische Kultur dem Untergang geweiht?

Ich würde sagen: Wir liegen zurück, aber wir sind nicht dem Untergang geweiht. Wir müssen uns den Herausforderungen einfach nur stellen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Es gibt jetzt manipulierte Videos, die hundertprozentig echt aussehen. Wir nennen das „deep fakes“. Und wir sind technisch noch nicht so weit, sie sofort zu erkennen. Das ist eine Art Wettrüsten: Je besser wir werden, Lügen zu enttarnen, umso stärker strengen sich die Lügner an.

Sie haben den Begriff „Liespotter“ geprägt. Ist Ihr Job als Lügenjägerin in den letzten Jahren nicht sehr viel schwieriger geworden?

Na ja, als professioneller Lügenjäger muss ich psychologische Techniken mit den neuen Technologien verbinden, die entstanden sind. Auf der einen Seite ist es schwieriger geworden für mich, weil die Täter Informationen immer geschickter manipulieren. Auf der anderen Seite sind wir aber viel weiter als früher, wenn es darum geht, Lügen und Verdrehungen zu entdecken.

Wo liegen die größten Gefahren für die Wirtschaft?

Eine der wichtigsten Sachen, um die wir uns kümmern, ist die Gefahr, die von Insidern im Unternehmen ausgeht. Es geht um Leute, die Geschäftsgeheimnisse verraten oder das geistige Eigentum der eigenen Firma stehlen und an die Konkurrenz verkaufen. Bei den vielen Fällen von Internet-Kriminalität, die wir erleben, sind es oft frustrierte oder geldgierige Angestellte, die den Verbrechern helfen. Da gibt es viel zu tun für die Unternehmen, die sich wirksam schützen wollen.

Gibt es eigentlich genaue Zahlen über die Auswirkungen von Lügen und Betrug auf die Unternehmen?

Nein, es gibt in solchen Fällen sehr viele versteckte Kosten, die man nur schwer quantifizieren kann. Aber wir wissen umgekehrt aus vielen ökonomischen Studien, dass die Transaktionskosten eines Unternehmens sinken, wenn es ein hohes Maß an Vertrauen in der Firma gibt. Was die Kosten von Geldwäsche und Korruption betrifft, gibt es allerdings sehr gute Schätzungen. Wir reden hier von Billionen von Dollar.

In vielen Unternehmen beginnen große Probleme mit kleinen Lügen. In Großbritannien hat man bei einer Studie festgestellt, dass 38 Prozent aller Bewerber ihren Lebenslauf frisieren.

In den USA gilt das sogar für 44 Prozent aller Bewerber. Noch viel wichtiger aber ist: Nach einer repräsentativen Umfrage kennt jeder fünfte Angestellte Beispiele für Betrug im eigenen Unternehmen, die jedoch aus Angst vor unangenehmen Folgen nicht gemeldet werden. Ein FBI-Agent, der sich in New York City seit Jahren mit Finanzkriminalität beschäftigt, schätzt: In jeder Zehnten Wall-Street-Firma gibt es Fälle von Betrug. Wenn die Bundespolizei anfängt zu graben, dann entdeckt sie auch etwas.