FilmpreiseOscar-Verleihung: Hollywoods verblassender Glanz

Regisseur Bong Joon Ho und Produzentin Kwak Sin Ae freuen sich über den Oscar für
Regisseur Bong Joon Ho und Produzentin Kwak Sin Ae freuen sich über den Oscar für "Parasite"dpa

Von Jahr zu Jahr wird das Stöhnen lauter, wenn die amerikanische Academy of Motion Picture Arts and Sciences ihre Oscars vergibt. „Shape of Water“ (2018)? „Green Book“ und „Roma“ (2019)? Und jetzt der koreanische Film „Parasite“? Falls Sie schon einmal von diesen Filmen gehört haben sollten. Man könnte auch zu dem Schluss kommen, dass inzwischen nur noch solche Produktionen den glanzvollsten Filmpreis aller Zeiten bekommen, die kaum jemand gesehen hat. Und solche, die kaum jemand sehen will.

Was waren das noch für Zeiten im letzten Jahrhundert: „American Beauty“ (2000), „Titanic“ (1998) … und so weiter. Den Oscar für den Besten Film bekam in der Regel ein Werk, das auch in der Zuschauerstatistik des Vorjahres ganz oben stand. Das ging eigentlich noch mit wenigen Ausnahmen bis vor zehn Jahren so. Und wenn doch mal ein Film siegte, der bis zur Auszeichnung ohne Massenwirkung geblieben war, wie zum Beispiel das Kriegsdrama „The Hurt Locker“ 2010 – dann verschaffte der Oscar ihm in der Regel den nötigen Durchbruch an den Kinokassen.

Aber inzwischen muss man sich fragen, ob der Oscar den Glanz noch verdient, der ihn umgibt. Menschen, die kaum ins Kino gehen, schlagen sich die Nacht um die Ohren oder fiebern anderweitig dem Ergebnis entgegen. Und dann? Bong Joon-Ho (Beste Regie) – wer soll das sein? Oder Han Jin-Won (Bestes Drehbuch)? Man muss es an dieser Stelle klarstellen: „Parasite“, der Film der in der Nacht von Sonntag zu Montag sensationell vier Oscars holte und dazu als erster nicht-englischsprachiger Film mit dem „Best Picture“-Oscar ausgezeichnet wurde, hat alle vier Preise verdient. Es ist eine intelligent konstruierte, bitterkomische Satire auf die Spaltung der Gesellschaft, die nicht nur etwas über Korea erzählt, sondern dessen Themen auf die ganze entwickelte Welt zutreffen.

Dass die Akademiemitglieder das erkannt haben – und nicht nur mit einem Trostpreis wie dem Auslands-Oscar bedachten – zeigt, wie überholt das Bild inzwischen ist, nach dem in Hollywood die kulturelle Arroganz und die Seligkeit der alten weißen Männer regieren. Und dennoch, bei all dem Auftrieb, den „Parasite“ jetzt durch die Auszeichnung hoffentlich bekommt: Von den Milliardenumsätzen, die im vergangenen Jahr Filme wie „Avengers: Endgame“ oder „Frozen II“ machten (und auch der Oscar-nominierte „Joker“, der sich mit Preisen in Nebenkategorien zufrieden geben musste) – von diesen Milliardenumsätzen wird „Parasite“ nach aller Erwartung weit entfernt bleiben. Ein komplexer Film für ein Cineastenpublikum, das Spaß hat an einem ungewohnt krassen Humor, der jedem Mainstream-Film zu weit gehen dürfte. Und für ein Publikum, das um diesen Humor genießen zu können, auch dazu bereit ist, sich ein bisschen auf die koreanischen Verhältnisse einzulassen.

Studios suchen ihr Heil in Franchises

Mit ihrer starken Entscheidung senden die Akademiemitglieder ein Signal – und sie sind auf kluge Weise einem Dilemma entgangen, das sich seit mindestens zehn Jahren allen stellt, die Filmpreise vergeben, Filmfestivals wie Berlinale, Cannes und Venedig bestücken, aber auch denen die schlicht das Kino als Ort der lebendigen und massentauglichen Auseinandersetzung mit unserer Welt am Laufen halten wollen.

Dieses Dilemma hat sich verstärkt durch den Erfolg von Netflix und die Konzentration in der Medienbranche, bei der die Traditionsstudios von 20th Century Fox und Impulsgeber wie Pixar, Marvel und Lucasfilm bei Disney gelandet sind, die Warner-Studios als Anhängsel des Telefonkonzerns AT&T endeten und Universal vom Kabelbetreiber Comcast geschluckt wurde. Die großen Hollywood-Studios suchen schon seit über zehn Jahren ihr Heil in so genannten Franchises, wenigen Monsterproduktionen, die eingeführte Film-Marken weiter ausbeuten, aber kaum auf inhaltliche oder künstlerische Impule setzen, womit man einen Oscar-Juror locken könnte. Man muss sich nur die Liste der Filme anschauen, mit denen Disney die Kinokassencharts im vergangenen Jahr dominiert hat: „Avengers: Endgame“; „König der Löwen“; „Frozen II“; „Star Wars Episode IX“; „Toy Story 4“; „Captain Marvel“.

In die Lücke springen unabhängige Produzenten und Streaming-Anbieter. Immerhin ist der künstlerische Ehrgeiz vieler Drehbuchautoren und Schauspieler ungebrochen, die sich angesichts der Entwicklung in Hollywood an den Rand gedrängt sehen. Und immerhin ist es wegen digitaler Technik leichter und billiger denn je, Filmproduzent zu werden und das alte Studiosystem zu umkreisen. Aber damit ein Millionenpublikum zu erreichen bleibt extrem schwierig. Und es ist auch nicht in jedem Fall der Anspruch, etwa von Netflix & Co, die größte Breitenwirksamkeit mit jedem Titel zu erreichen.

Mainstream ist ein Wort aus der Vergangenheit

Die Streamer definieren vielmehr treffgenau fragmentierte Zuschauergruppen, die sie zu 100 Prozent binden und begeistern wollen – anstatt wie traditionell die Studios die ganze Zuschauerschar in die Kinos locken zu wollen, Kino für die ganze Familie, wie es etwa der alte Leitspruch von Disney war. Die Massen aber streben längst nicht mehr in die gleiche Richtung. Mainstream ist im Kino ein Wort aus der Vergangenheit.

Die Konsequenz lautet: Die künstlerisch und handwerklich besten Filme des Jahres sind in der Regel Minderheitenprogramme. Und Jurys – egal ob bei Festivals oder die große Kollektivjury der Oscar-Akademie – zeichnen Filme aus, die oft erst durch die Auszeichnung von sich reden machen. Wenn überhaupt: Datenanalysten des „Economist“ haben schon im vergangenen Jahr die schwindende Öffentlichkeitskraft des Oscar dokumentiert. Oscar-Gewinner entfalten demnach immer weniger öffentliche Wirkung.

Das lässt die Verantwortung von Festivalmachern und Akademien wachsen, aber erhöht gleichzeitig ihr Enttäuschungspotenzial. Preise und Festivals können das große Versprechen auf Glanz, Galas, Celebrities immer weniger erfüllen. Um aber für Sponsoren und öffentliche Geldgeber attraktiv zu bleiben, erhalten sie die Behauptung dennoch aufrecht. Das wird nicht mehr lange gut gehen. Interessante und berühmte Filme bewegen sich in verschiedene Richtungen. Man darf das beklagen – kann sich aber gleichzeitig darüber freuen, dass dabei wunderbare Filme in das Licht der ganzen Welt kommen wie „Parasite“.