Business Woman Award„Ökologisch-sozial zu wirtschaften, ist schwerer als es sein sollte“

Antje von Dewitz
Antje von Dewitzdpa


Am heutigen Montag wird der Veuve Clicquot Business Woman Award verliehen. Eine der Kandidatinnen in diesem Jahr ist Antje von Dewitz, Chefin des Outdoor-Hersteller Vaude. Capital hat mit ihr über Unternehmertum mit sozialer und ökologischer Verantwortung gesprochen.


Capital: Wie waren die ersten Anfänge Ihres Unternehmens…

ANTJE VON DEWITZ: Es fing so richtig klassisch als Familienunternehmen an. Mein Vater hat das Unternehmen gegründet vor 45 Jahren, da gab es den Begriff Outdoor noch gar nicht. Von der Gründung weg in den eigenen vier Wänden und dem benachbarten Hopfengebäude. Wir haben damals in Oberschwaben auf einem Bauernhof gewohnt.

Also was im Silicon Valley die Garage wäre, war bei Ihnen quasi die Scheune…

Genau. Die Hopfendarre, da wo der Hopfen im Sommer zum Trocknen reingelegt wurde – da mussten dann die Rucksäcke so lange wieder raus. Das war nämlich das Lager für die ersten Produkte.

Und beim Abendessen ging es dann meistens um das Unternehmen?

Da ging es viel um das Unternehmen natürlich. Meine Mutter, die am Anfang mitgearbeitet hatte, ist eher systemkritisch unterwegs. Da wurden dann auch heiße Diskussionen geführt: „Wachsen, wachsen, wachsen? Das kann ja, global gesehen, gar nicht funktionieren, ohne ökologische und soziale Probleme.“ Das hat mich stark geprägt: Einerseits das Unternehmerische – und andererseits, das Wirtschaftssystem gleichzeitig auch in Frage zu stellen.

Gab es denn für Sie rein persönlich auch eine Auflehnung gegen das System Familienunternehmen? Oft wollen die Kinder ja nicht unbedingt die Nachfolge antreten…

Dadurch, dass mein Vater das komplett offengelassen hat, ohne Erwartungen, gab es für mich auch keine Rebellion. Das heißt, für mich war am Anfang nicht selbstverständlich, dass ich ins Familienunternehmen eintrete. So habe mich in meinem Studium erst mal mit allen möglichen Themen beschäftigt, wie eben Journalismus, NGOs, Frauenorganisationen. Und mein letztes Praktikum war dann bei VAUDE. Und da wurde für mich klar, dass das meine Heimat ist. Weil ich erkannt habe, dass ich gerade hier sehr viel bewegen und einen positiven Beitrag zu vielen Themen, die uns heute beschäftigen, leisten kann.

2009 übernahmen Sie dann die Nachfolge von Ihrem Vater…

Nach dem Praktikum habe ich dann gleich einen Marktbereich neu gegründet und ein paar Jahre später die Entscheidung getroffen, dass ich das Unternehmen gerne weiterführen möchte. 2005 übernahm ich die Marketingleitung und 2009 die Geschäftsführung.

Nachfolge ist ein großes Thema in vielen Unternehmen im Mittelstand. Wie reibungslos war der Übergang bei Ihnen?

Also, sagen wir so, heute bin ich weiser. Bei uns war es ja von der ersten auf die zweite Generation. Ich denke, dass das schon die herausforderndsten Übergaben sind. Denn da hast du es ja direkt mit dem Gründer zu tun wo das Herzblut einfach am größten ist. Unter diesen wirklich herausfordernden Umständen haben wir das sehr gut hinbekommen. Aber natürlich blieben da auch die Konflikte nicht aus.

Wollten Sie denn vieles anders machen?

Ja, Nachhaltigkeit war zur Zeit meines Vaters bereits ein Thema, allerdings nur in Form von einzelnen Projekten. Was sich mit mir verändert hat ist, dass wir ganzheitliche unternehmerische Verantwortung im sozialen und ökologischen Bereich, bis in die globalen Lieferketten und in alle Bereiche des unternehmerischen Wirkens verankert haben. Hinzu kommt, dass ich als Mutter von vier Kindern eingestiegen bin und Beruf und Familie gut vereinbaren wollte. Mir war es wichtig, die dafür notwendigen Rahmenbedingungen für alle zu schaffen. Dadurch hat sich auch unsere Kultur und die Rolle der Führungskräfte verändert..

Wie haben Sie es geschafft, dass es keinen Bruch gab und das Unternehmen weiter auf Erfolgsspur blieb?

Definitiv auch durch unsere klare nachhaltige Vision. Damit ist zwar einerseits sehr viel Zusatzbelastung, Aufwand und Kosten verbunden . Andererseits haben wir dadurch einen klaren roten Faden, der uns leitet, der für uns alle sehr motivierend ist, uns ein Profil gibt und der Antworten auf die Fragen unserer Zeit gibt. Das hat uns sehr viel Rückenwind gegeben.

Wie viel schwerer ist es dennoch, ein Unternehmen zu führen, und dabei sozialen, ökologischen Aspekten gerecht zu werden?

Paradoxerweise viel zu schwer. Eigentlich müsste es aus meiner Sicht des gesunden Menschenverstandes das Ziel eines jeden Unternehmens sein, so zu wirtschaften, dass es nicht auf Kosten von Mensch und Natur geht. Doch in unserem Wirtschaftssystem ist leider das Gegenteil der Fall. Unternehmen, die zu Lasten von Mensch und Natur Wirtschaften werden dazu oft nicht zur Verantwortung gezogen. Das heißt gemeinwohlorientiert zu Wirtschaften, also sozial und ökologisch, ist schwerer, weil es mehr Aufwand und mehr Kosten verursacht, das ist bis heute eine Tatsache.

Hilft es nicht, dass der Konsument bei diesen Themen heute sensibler ist und es somit auch für den Profit des Unternehmens relevanter wird?

Ich stehe hier sozusagen auf zwei Beinen. Auf dem einen Bein betrachte ich das System und finde es falsch, dass Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften, in unserem System benachteiligt sind. Das macht mich fassungslos. Und auf dem anderen Bein ist mir bewusst, dass wir uns dadurch auch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, weil wir uns dadurch klar positionieren und als glaubwürdige Marke wahrgenommen werden. Dies wird für den Konsumenten immer wichtiger.

Und wiegt das die Sache am Ende wirtschaftlich auf?

Dazwischen ist schon noch eine Lücke. Die Mehrkosten übersteigen das, was der Konsument bereit ist, mehr zu zahlen. In der Folge schaffen das heute eigentlich nur Pioniere wie wir, nachhaltig zu wirtschaften und wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Müsste die Politik an der Stelle etwas tun?

Ja, klar. Mein Glaube ist, dass wir in der Wirtschaft ganz viel Kraft haben, um Dinge zum Positiven zu verändern. Damit dieses Potenzial wirklich genutzt werden kann, braucht es gesetzliche Regelungen, die nachhaltiges Wirtschaften fördern und nicht benachteiligen.

Wird es in zehn Jahren deutlich leichter für Unternehmen wie Ihres sein?

Ich glaube schon. Denn man sieht ja, dass sich in den letzten zehn Jahre sehr viel getan hat. Dazu trägt auch die Digitalisierung bei, die für eine höhere Transparenz sorgt. Gleichzeitig wird dem Konsument von heute zunehmend bewusst, dass er Verantwortung und durch seine Kaufentscheidung auch Einfluss hat.


Antje von Dewitz ist eine von drei nominierten Unternehmerinnen für den Veuve Clicquot Business Woman Award in diesem Jahr. Die anderen beiden Nominierten sind   Alexandra Schörghuber von der Schörghuber Unternehmensgruppe und Verena Pausder von Fox & Sheep.

Der Preis wurde 1972 in Frankreich ins Leben gerufen – zu Ehren der Unternehmerin Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin. Sie hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts als alleinerziehende Witwe im Alter von 27 Jahren nach dem Tod ihres Mannes die Leitung des Champagnerhauses übernommen und Veuve Clicquot anschließend zu weltweiter Expansion verholfen.

Der Preis zeichnet jedes Jahr Unternehmerinnen und Managerinnen für ihren Mut, ihre Risikobereitschaft und herausragende Leistungen aus. Capital ist Medienpartner des Awards.

Hier geht es zu weiteren Details rund um den Preis.

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