KolumneOben steht nicht zur Wahl!

Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor.André Bakker

Ich hatte letzten Sonntag bereits das Vergnügen, schon einmal wählen gehen zu dürfen. In Hannover war nämlich Kommunalwahl. Für meine Tochter war es mit ihren 17 Jahren der erste Urnengang, sie hatte sich richtig darauf gefreut. Also tingelten wir gemeinsam zum Wahllokal.

Da hatte ich noch keinen Schaum vor dem Mund. Kurze Zeit später schon.

Anpassung Fehlanzeige

Wir „durften“ nämlich geschlagene 62 Minuten warten, bis wir endlich unsere Wahlzettel in die Urne warfen. Der Grund: Die Kommune hatte es zwar geschafft – damit sich ja keiner ansteckt –, in dem einzigen Wahlraum alle Wahlkabinen bis auf zwei zu entfernen und immer nur zwei Menschen einzulassen. Mehr Anpassung an die neue Lage war aber nicht. Alle anderen Wähler mussten eben draußen warten. Und die Schlange wurde lang und länger. So lang, dass nicht wenige Wahlwillige kamen und gleich wieder umdrehten.

Dieses Erlebnis ist zwar nur anekdotisch, trotzdem symptomatisch für das, was mich seit Jahren zunehmend beunruhigt. Die Regierung und die Verwaltung als ihr langer Arm tun sich, gelinde gesagt schwer mit Anpassungen und Innovationen. Und mein Blick auf die Parteien, die am 26. September zur Wahl stehen, sagt mir: Daran wird sich nichts ändern. Egal welche Parteien die nächste Regierung stellen werden.

Denn genau genommen haben wir gar keine Wahl.

Nur Pfosten

Für eine Wahl brauchen Sie Auswahl zwischen Angeboten, die sich unterscheiden. Aus der üblichen Rechts-Links-Perspektive finden Sie diese zwar auf Ihrem Stimmzettel: Von ganz rechts bis ganz links ist vieles geboten. Aus dieser Perspektive übersehen Sie jedoch ganz wesentliche Aspekte der Parteienlandschaft.

Das ist, wie wenn Sie auf dem Fußballplatz von der Eckfahne aus auf das Tor schauen: Von dort aus ist das Tor kein Tor, sondern nur ein senkrechter Pfosten, und es scheint unmöglich zu sein, ein Tor zu schießen, weil es gar kein Tor gibt.

Von der Rechts-Links-Achse aus sehen Sie nicht, wie sehr es die einzelnen Parteien zum Autoritären drängt – also wie kollektivistisch oder individualistisch sie den Staat gestalten wollen. Ich sehe da jedenfalls nur Pfosten.

Erlauben Sie mir deshalb, die politische Parteienlandschaft mal von unten nach oben zu ordnen: Je weiter unten eine Partei ist, desto kollektivistischer ist ihr programmatisches Anliegen und Auftreten. Und je weiter oben, desto individualistischer ist ihre Programmatik.

Ab nach unten

Die Politiker des klassischen linken Lagers stehen in dieser Anordnung natürlich unten, sie sind von Haus aus eher für einen starken Staat: Der soll am besten für alle Menschen aus der ganzen Welt sorgen. Die Parteien am rechten Ende des Spektrums wollen das ebenfalls, auch wenn ihr Staat nur für die Biodeutschen da sein soll – also auch sie sind unten einzuordnen.

In den letzten Jahrzehnten hat sich aber auch unter den Politikern der so genannten politischen Mitte der kollektivistische Ansatz durchgesetzt: Der Staat soll die Verantwortung für seine Bürger übernehmen, für sie sorgen und sie in allen Lebenslagen beschützen. Ob sie wollen oder nicht. Autoritär eben. Jüngstes Beispiel: die Corona-Krise: Gerade die Politiker der vermeintlichen Mitte überboten sich gegenseitig geradezu in Autoritarismus.

Das heißt, die alle Parteien ticken inzwischen kollektivistisch. Selbst die FDP bildet da keine Ausnahme. Unten herrscht großes Gedränge. Oben aber, da wo die Parteien mit individualistischem Ansatz ihren Platz hätten, herrscht gähnende Leere.

Diese Leere spürt übrigens auch meine Tochter: Sie hat sich als Erstwählerin interessiert die Programmen aller Parteien der Kommunalwahl durchgesehen. Von keinem einzigen hat sie sich angesprochen gefühlt. Sie war sich sicher, sie sei weder links noch rechts, sondern wohl eher oben.

Was ist nun das Problem an dieser Leere oberhalb von unten?

Alle so schön gleich hier

Kollektivisten denken in Gruppen, in „wir gegen die Anderen“. Dieses „wir“ lebt davon, dass es innerhalb der Gruppe möglichst einheitlich zugeht. Da geht es um Einigkeit und Gleichheit. Keiner soll vorauslaufen, keiner zurückbleiben. Gerecht sind Entscheidungen dann, wenn es möglichst für alle gleich ist.

Kollektivisten geben ihre Stimme ab, wenn sie wählen, und ordnen sich in eine Wählergruppe ein. Sie vertrauen darauf, dass der Staat schon gut für diese Gruppe sorgen wird. Individualisten sehen eine Wahl dagegen eher als Vertrag: Sie geben der Politik einen Auftrag, den die erfüllen soll. Einer Gruppe für immer fest zugehörig fühlen sie sich deshalb nicht. Das wollen sie nicht, denn sie wollen sich die Freiheit, immer wieder neu zu denken, bewahren.

Wenn Sie nun in die Parteien schauen, sehen Sie, dass ihre Akteure heute alle kollektivistisch geprägt sind. Und wenn ich meine systemtheoretische Brille aufsetze, sage ich: Das musste ja so kommen.

Ausgelesen

Eine Partei ist dadurch gekennzeichnet, dass ihre Politiker eine weitgehend einheitliche Meinung vertreten – ob die ihnen persönlich nun passt oder nicht. Individualistisch veranlagte Menschen ecken in Parteien deshalb an. Sie machen innerhalb einer Partei deshalb selten Karriere und landen, wenn überhaupt, auf den hinteren Listenplätzen. Und damit sind die Individualisten draußen aus der großen Politik, denn das Wahlsystem sieht vor, dass wir oberhalb der Kommunalebene nur Parteilisten wählen können.

Ich würde mich trauen zu behaupten: Im gesamten Bundestag sitzt kein einziger Individualist.

Im nächsten kann das gar nicht anders sein, weil wir eben diesen weißen Fleck da oben haben. Individualisten stehen nicht zur Wahl.

Damit bin ich aus verschiedenen Gründen nicht einverstanden. Einer davon ist: Kollektivismus behindert Fortschritt, denn sein Credo ist die Gleichheit.

Fortschritt macht ungleich

Innovationen machen das Spiel immer erst einmal ungleicher: Da ist eine Idee besser als die anderen, hat Wettbewerbsvorteile, durchbricht den Mainstream, stellt sich gegen die Masse und setzt sich vielleicht durch.

Um sehr viele Innovationen zu ermöglichen, muss ein Staat die Rahmenbedingungen für Bürger und Unternehmen gleichermaßen so gestalten, dass viele verschiedene Ideen entstehen und sich am Markt entscheidet, welches die beste unter ihnen ist. Doch nehmen Sie das Beispiel Mobilität: Der Staat hat entschieden, dass die Elektromobilität die beste Idee sein soll, und fördert sie aus allen Rohren. Was aussehen soll wie Fortschrittsförderung, ist in der Realität Fortschrittsbehinderung.

Meine bittere Erkenntnis ist: Daran wird sich unter der nächsten Regierung nichts ändern. Kann es gar nicht – aus den genannten Gründen.

Aus der Balance geraten

Mir ist schon bewusst, dass viele Menschen in diesem Land diesen kollektivistischen Ansatz gut finden: diese Sicherheit, dass der Staat für alles sorgt. Die will ich auch gar nicht verurteilen. Doch ich möchte darauf aufmerksam machen, dass diese „Viele“ nicht alle sind. Es gibt auch eine Menge Individualisten. Und die finden – im Gegensatz zu den Kollektivisten – in der derzeitigen politischen Landschaft keine Vertretung mehr.

Offensichtlich ist da in Deutschland etwas aus der Balance geraten. Noch bei Konrad Adenauer können Sie nämlich lesen: „Nach meiner Auffassung muß die Person dem Dasein und dem Rang nach vor dem Staate stehen. An ihrer Würde, Freiheit und Selbständigkeit findet die Macht des Staates sowohl ihre Grenze wie ihre Orientierung.“

So klingt oben! Oder zumindest eine Mitte zwischen Unten und Oben, mit der sich mit gewissen Abstrichen und Kompromissen sowohl Individualisten als auch Kollektivisten identifizieren könnten. Doch diese Mitte gibt es nicht mehr.

Wieder mehr oben

Diese Lücke wird uns verdammt teuer zu stehen kommen, wenn wir es nicht schaffen, in der Politik wieder für eine Balance zwischen oben und unten zu sorgen: Das wird wirtschaftlich teuer und noch viel teurer in Hinsicht auf die staatliche Einheit und den inneren Frieden. Wenn wir diese erhalten wollen, dann müssen wir wieder mehr zurück in die Mitte. Aber eben nicht in die Mitte zwischen Links und Rechts! Vielmehr müssen wir unser politisches System wieder individualistischer gestalten. Oder anders gesagt: Wieder mehr nach oben.

 


Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor. In seinem Buch „Der Führerfluch – Wie wir unseren fatalen Hang zum Autoritären überwinden“ stellt er den Krisen in unserem Land Selbstorganisation und die Idee einer Verantwortungsgesellschaft entgegen.