Interview"Notenbanken graben immer tiefere Löcher"


Mervyn Allister King, 68, führte die britische Notenbank in der Finanzkrise. Der Ökonom war bis 2013 Gouverneur der Bank of England, lehrt heute unter anderem an der London School of Economics und ist Mitglied des Oberhauses. Sein neues Buch („The End of Alchemy“, 2016) wurde als wichtigstes zur Finanzkrise gefeiert.


Capital: Lord King, die globale Wirtschaft kommt nicht aus der Flaute, obwohl die Geldpolitik seit Jahren Vollgas gibt. Haben wir die Macht der Zentralbanken überschätzt?

King: Wir müssen uns klar machen, dass die Geldpolitik unsere gegenwärtigen Probleme nicht lösen kann. Man kann damit nur Zeit kaufen. Aber die tieferliegenden Ungleichgewichte in den Industrieländern lassen sich mit monetären Mitteln nicht beseitigen. Die Struktur der Ausgaben muss sich verändern.

Wer müsste etwas tun? Und was?

Deutschland und China müssten weniger exportieren und mehr im Inland verbrauchen. In den USA und in Großbritannien wäre das Gegenteil nötig. Unglücklicherweise sind dazu Maßnahmen nötig, die Zentralbanken nicht liefern können. Ja, die Geldpolitik führt uns sogar in die entgegengesetzte Richtung.

Sie hält die Wirtschaft doch zumindest einigermaßen in Gang.

Wenn man die Zinsen senkt, damit die Leute Ausgaben von morgen auf heute vorziehen, dann passiert das Gegenteil von dem, was langfristig für die Anpassung nötig ist. Wir haben gleichsam ein Loch in die Ausgaben von morgen gegraben. Als das dann spürbar wurde, mussten wir die Zinsen erneut senken, damit erneut Ausgaben aus der Zukunft vorgezogen werden. Ein noch tieferes Loch wurde gegraben. So wird es schwerer und schwerer, mit Zinssenkungen die Wirtschaft anzutreiben. Es geht den Zentralbanken wie einem Radfahrer, der einen Berg hinaufstrampelt, der steiler und steiler wird. Inzwischen sind wir an einem Punkt, an dem wir praktisch gar nicht mehr vorankommen.

Manche Ökonomen raten, die Zinsen ins Minus zu drücken. Wenn die Geldhaltung etwas kostet, wird wieder mehr ausgegeben.

Nehmen wir an, der Zins läge bei minus zehn Prozent. Das wäre dann nichts anderes als eine Vermögensteuer von zehn Prozent auf Geldanlagen. Wenn Sie das heute ankündigen, wird mancher vielleicht sein Geld schnell ausgeben. Aber viele andere könnten sagen: Ach du liebe Güte, was macht der Staat da? Was passiert nächstes Jahr? Sie würden dann so viel wie möglich sparen, um sich für eine risikoreiche Zukunft zu wappnen. Die Idee, dass man nur den Zins weiter senken muss, halte ich für logisch falsch.

„Negativzins ist eine Vermögensteuer für Sparer“

Sie teilen also die Kritik aus Deutschland an der Politik von EZB-Präsident Mario Draghi?

Ich will nichts zu Personen sagen. Aber es stimmt, dass ein Negativzins eine Vermögensteuer für Sparer ist. Und wir sind an dem Punkt, wo das nichts Gutes mehr bewirkt.

Die EZB-Politik hat zumindest den Euro-Kurs geschwächt, was den europäischen Exporteuren hilft.

Auch beim Wechselkurs haben ihre Ankündigungen zuletzt nichts mehr bewirkt. Das Problem ist, dass es keine Euro-Regierung gibt, die das tut, was nötig wäre, damit die EZB in einem Aufschwung wieder langsam die Zinsen erhöhen könnte. Solange die nationalen Regierungen nicht handeln, wird es für die EZB sehr schwierig bleiben.

Fast alle Notenbanken versuchen gerade, ihre Währung abzuwerten. Droht uns ein Währungskrieg?

Ich glaube, wir haben ihn bereits. Die meisten Länder können ja heute sagen: Wenn die anderen normal wachsen würden, wäre auch bei uns alles gut. Aber die anderen wachsen nicht normal, deshalb ist es auch bei uns nicht gut. Was bleibt dann? Wenn sie keine strukturellen Reformen machen wollen, können sie nur noch ihren Wechselkurs drücken.

Manche Ökonomen sagen, dass diese Politik trotzdem hilfreich ist. Auch die berüchtigten „Währungskriege“ der 1930er-Jahre seien kein reines Nullsummenspiel gewesen, sondern hätten eine weltweit expansivere Geldpolitik ermöglicht.

Als man in den 30er-Jahren den Goldstandard aufgab, wurde dadurch eine Lockerung der Geldpolitik erst möglich. Aber heute ist die Geldpolitik schon so locker, wie es nur geht. Man müsste argumentieren, dass der Schritt von Null- zu Minuszinsen expansiv wirkt, aber das ist sehr fraglich.