ÖlpestNorilsk – die schmutzigste Stadt Russlands

Wohnblöcke und Industrie: Norilsk hat keinen guten Rufimago images / ITAR-TASS

Norilsk ist eine unbekannte, aber außergewöhnliche Stadt. 1935 wurde sie auf den Reißbrettern der Sowjetunion entworfen, um die Bodenschätze zu erschließen, die unter den Nordwestausläufern des Mittelsibirischen Berglandes schlummern. Heute hat Norilsk knapp 180.000 Einwohner. Der Ort ist eine der kältesten Städte der Welt: Im langen Winter liegen die Durchschnittstemperaturen hier bei minus 25 Grad Celsius.

Und eine der einsamsten Städte ist Norilsk auch, fast 3000 Kilometer trennen die Stadt von Moskau im Westen. Fast 4000 Kilometer sind es nach Wladiwostok im Osten. Etwa 400 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt sie in der sibirischen Tundra. Eine lange Autofahrt, wenn Norilsk auf dem Landweg zu erreichen wäre. Aber die Industriestadt ist „leider wie eine Insel nur mit dem Flugzeug zu erreichen oder im Sommer mit dem Schiff“, sagt Dorothea Wehrmann, die am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) zu arktischen Städten forscht, im ntv-Podcast „Wieder was gelernt“.

Aber selbst mit dem Flugzeug oder dem Schiff ist die Einreise ungewöhnlich kompliziert, denn freien Zugang zur Stadt haben nur russische und weißrussische Staatsbürger. Alle anderen brauchen eine Genehmigung, seit 2001 gilt Norilsk als sogenannte geschlossene Stadt. „Offiziell wurde die Arbeitsmigration als Grund angeführt“, sagt Wehrmann. Inoffiziell wollte man vielleicht einfach nicht so viele fremde Menschen in der Stadt sehen, denn Norilsk gilt laut der Arktis-Expertin als „schmutzigste Stadt Russlands und als eine der schmutzigsten der Welt“. Das hat mit dem größten Arbeitgeber der Region zu tun, Nornickel.

Zwei Katastrophen in einem Monat

Nornickel ist der weltgrößte Nickelproduzent und eines der profitabelsten Unternehmen Russlands. Im vergangenen Jahr blieben von 13,6 Mrd. Dollar Umsatz fast 6 Mrd. Dollar Gewinn übrig – nach Steuern. Von den knapp 180.000 Einwohnern in Norilsk sind fast 80.000 in den Minen und Fabriken des Industriegiganten beschäftigt.

Aber mit der Sauberkeit nimmt es Nornickel offensichtlich nicht so genau: Anfang Juni wurde bekannt, dass aus einem Kraftwerk des Unternehmens 20.000 Tonnen Öl ausgetreten und in zwei Flüsse geflossen sind. Unbemerkt – in Moskau wusste niemand, was sich schon Ende Mai in Norilsk ereignet hat. „Sind Sie noch ganz richtig im Kopf?“, platzte es aus dem russischen Präsidenten Wladimir Putin heraus, als er den Regionalgouverneur und die Unternehmensführung in einer öffentlichen Videokonferenz zur Rede stellte. Experten sprechen von der größten Ölkatastrophe in der russischen Arktis.

20.000 Tonnen Öl sind in zwei Flüsse ausgetreten
20.000 Tonnen Öl sind in zwei Flüsse ausgetreten (Foto: imago images / ITAR-TASS)

Nur einen Monat später geriet das Unternehmen erneut in Erklärungsnot: Gemeinsam mit Umweltschützern und einem ehemaligen Behördenmitarbeiter fand die regierungskritische Zeitung „Nowaja Gaseta“ heraus, dass Nornickel in der Region hochgiftiges Abwasser in Flüsse und Seen leitet. Mutmaßlich schon jahrelang, denn die Folgen seien bereits deutlich sichtbar, sagt Dorothea Wehrmann: „Es stehen tote Bäume in der Region, manche sind gelb- orange gefärbt. Es wächst einfach nichts mehr. Tiefer im Wald findet man auch größere, übelriechende Tümpel, die darauf schließen lassen, dass das nicht zum ersten Mal praktiziert wurde.“

Anders als bei dem Ölleck Ende Mai übernahm der Kreml bei der zweiten Umweltkatastrophe erst einmal die Nornickel-Version. Die hochgiftigen Abwässer mussten angeblich in die Tundra geleitet werden, um eine Überschwemmung des Absetzbeckens zu verhindern. In diesen künstlich angelegten Reservoiren werden im Bergbau Abwässer abgeleitet.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de