ExklusivMünchner Datenfirma verspricht ansteckungssichere Betriebe

Mit dem Kinexon-System soll sich jeder Mitarbeiter frei bewegen könnenKinexon

Kinexon-Gründer Oliver Trinchera (l.) und Alexander Hüttenbrink
Kinexon-Gründer Oliver Trinchera (l.) und Alexander Hüttenbrink

Es ist eine Vision, auf die sich Oliver Trinchera zumindest einlässt: Hätte jeder solch ein Armband, dann könnten die Politiker das Land sofort nahezu vollständig öffnen – und die Corona-Pandemie trotzdem ausbremsen. „80 Millionen Bundesbürger damit auszustatten – das wäre grundsätzlich möglich, aber wahrscheinlich nicht gleich morgen“, sagt der Münchner Firmengründer ein. Aber zumindest Fabriken, Büros oder Einkaufszentren will der Co-Geschäftsführer ab sofort mit der Technik beliefern. Damit könne man garantieren, dass sich die Leute dort wieder relativ frei bewegen könnten. Gleichzeitig könnten Infektionen schnell erkannt und Infizierte schnell isoliert werden. Das verspricht jedenfalls die Firma, die Trinchera zusammen mit seinem Partner Alexander Hüttenbrink gegründet hat, nachdem beide in München promoviert haben.

Das kleine Gerät käme somit der Lösung nahe, nach der Politiker, Manager, Techniker und Virologen seit Wochen rufen: Tracking statt Lockup. An verschiedenen Orten werden Handy-Apps entwickelt, die das auch leisten sollen. Doch die haben Probleme, die sich bislang schwer lösen lassen: Erstens der Datenschutz, der nur sehr umständlich abzusichern ist; zweitens ist die verwendete Bluetooth-Technik nicht besonders genau; drittens müsste jeder die App haben, damit sie wirkt.

Jetzt sollen stattdessen die Kinexon-Geräte in geschlossene Umgebungen wie Fabrikhalten Einzug halten – sie werden nach Brancheninfos bereits in begrenztem Maß bei einem führenden Autozulieferer verwendet, der das System offenbar ausweiten will. In der Fabrikhalle würde das Armband laut seinen Erfindern zweierlei leisten: Es würde überwachen, ob die Abstandsregeln eingehalten werden (und anderenfalls sichtbar blinken oder laut piepen). Und im Fall einer Infektion könnten alle kritischen Kontakte nach der entsprechenden Meldung durch das Gesundheitsamt sofort identifiziert und isoliert werden. „Das verhindert, dass das Unternehmen die ganze Büroetage oder die ganze Produktionshalle in Quarantäne schicken muss“, sagt Trinchera. Überdies sei es viel problemloser, Betriebsräte von dem System zu überzeugen, als bei einer Handy-App: Das Armband (oder alternativ ein Kasten, den man am Revers trägt) sammelt Daten nur in der Arbeitszeit und ent-anonymisiert sie nur im Fall von Infektionen.

„In Windeseile haben wir unsere bestehenden Lösungen auf die Bedürfnisse umgebaut, die es jetzt gibt“

Oliver Trinchera

Das System nutzt die so genannte Ultrabreitband-Technik, die auch UWB genannt wird (nach Ultra Wide Band). Diese Funkwellen können – im Vergleich zu Bluetooth auf dem Handy – sehr genaue Ortungsdaten liefern, nur muss der Anwender eben den entsprechenden Sender und Empfänger nutzen.

„Wir haben viel mit Lieferanten aus Asien zu tun, deshalb haben wir sehr früh das Ausmaß der Corona-Krise mitbekommen“, berichtet Trinchera. Da sei den Kinexon recht bald die Idee gekommen, dass es eine Art „digitalen Schutz“ geben müsse. „In Windeseile haben wir unsere bestehenden Lösungen auf die Bedürfnisse umgebaut, die es jetzt gibt“, sagt der Gründer. Er will das System zu Kosten zwischen 0,60 und 0,90 Euro pro Tag und Mitarbeiter an die Firmen vermieten. Auf die Frage, ob auch – zum Beispiel – die Lufthansa die Technik zur Ausstattung der Passagiere nutzen könne, um diese wieder in die Flugzeuge zu locken, antwortet Trinchera: „Sie ist geeignet für alle Bereiche, in denen sich Menschen begegnen.“

Wenn Firmen nun massenhaft die Geräte bestellen, würde das das Geschäft von Kinexon nicht aus den Angeln heben, aber den Businessplan deutlich verändern, sagt der Co-Geschäftsführer. Bislang liefern die Münchner ihre Sensoren und ihre Software einerseits an Sportklubs, andererseits an produzierende Unternehmen. Fast drei Viertel der Clubs der US-Basketballliga NBA gehören nach Firmenangaben zu den Kunden der Münchner. Mit der deutschen Technik messen die Klubs die Bewegungen der Spieler in Echtzeit und optimieren so das Training, verhindern Verletzungen oder liefern Detaildaten an Fans, um die Sportbegeisterung anzuheizen. In der Industrie erfassen die Münchner die Bewegungen von Maschinen und Arbeitern, um Produktion und Logistik zu perfektionieren.

TMG Consultants nutzt die Technik bereits

Trinchera hört die Bezeichnung Start-up nicht so gern. Kinexon wurde zwar vor acht Jahren aus der TU München ausgegründet, wächst stürmisch und kann sich in einiger Zeit einen Börsengang vorstellen. Somit erfüllt die Firma – auch wenn sie inzwischen rund 200 Mitarbeiter auf zahlreichen Etagen beschäftigt – alle Kriterien einer Gründerfirma. Dennoch beschreibt der Co-Chef sein Haus lieber als „junges Technologieunternehmen“.

Bereits im Einsatz ist die Kinexon-Corona-Technik bei der Unternehmensberatung TMG Consultants. Für die Beraterbranche brachte die Viruskrise deutliche Einschnitte. Die ständig reisenden Experten, deren Alltag bei den Auftraggebern stattfindet, sind – wenn sie plötzlich in ihre (Heim-)Büros zurückgeworfen sind – nicht immer von großem Nutzen. Doch die ersten TMG-Berater sind nun wieder im Einsatz beim Kunden. Die Consultants wie die Auftraggeber tragen die kleinen Sensorkästen. Nun, so berichten die Berater, überlegt der Kunde schon, die Technik im eigenen Haus großflächig einzusetzen.

 


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