CEO-RücktrittMr. Wirecard gibt auf

Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun bei der jährlichen Pressekonferenz Ende April. Am Freitag trat er von der Firmenspitze zurück
Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun bei der jährlichen Pressekonferenz im April 2019. Am Freitag trat er von der Firmenspitze zurückimago images / Sven Simon

Um 12.48 Uhr ist am heutigen Freitag die Karriere von Markus Braun bei Wirecard nach 18 Jahren zu Ende gegangen. In diesem Moment versandte der Zahlungsabwickler eine Ad hoc-Mitteilung, in der er den von vielen Investoren geforderten sofortigen Rücktritt des Konzern-CEO mitteilte. Das skandalgeschüttelte Unternehmen steht damit vor einem tiefen Bruch, war Braun doch als „Mr. Wirecard“ das Gesicht des Aufstiegs des Zahlungsabwicklers aus Aschheim bei München in den Dax. Er war ausgezeichnet vernetzt und galt als technologisches Genie hinter der Plattform.

„Dr. Markus Braun ist heute im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat der Wirecard AG mit sofortiger Wirkung als Mitglied des Vorstands zurückgetreten“, hieß es in der Ad hoc-Mitteilung. Braun hatte noch in der Nacht zu Freitag ein Video veröffentlicht, in dem sich das Unternehmen als Opfer eines Betruges darstellte. In einer persönlichen Erklärung, verbreitet von der Investor Relations-Abteilung des Unternehmens, erklärte Braun am Freitag: „Das Vertrauen des Kapitalmarktes in das von mir seit 18 Jahren geführte Unternehmen ist tief erschüttert. Mit meiner Entscheidung respektiere ich, dass die Verantwortung für alle Geschäftsvorgänge beim CEO liegt.“

Interimschef erfahren mit „Financial Crimes“

Die Geschäfte bei Wirecard werden nun zunächst von James H. Freis interimsmäßig geführt. Dieser war ursprünglich von Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann zum 1. Juli als Compliance Vorstand bestellt worden. Nun tritt er als vorläufiger CEO zehn Tage früher an. Freis arbeitete zuvor im Bereich Global Compliance bei der Deutschen Börse. Der Jurist hat aus vorherigen Tätigkeiten zudem Erfahrungen im Umgang mit dem Bereich Financial Crimes. Von der Deutschen Börse kommt auch Wirecard-Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann, der dort Finanzvorstand war und seit Jahresbeginn Chefkontrolleur bei Wirecard ist. Fragen von Capital zur Neustrukturierung der Unternehmensleitung von Wirecard ließ das Unternehmen unbeantwortet.

Zugleich lassen Erklärungen zweier asiatischer Banken weitere Fragen aufkommen zum Verbleib von 1,9 Mrd. Euro Cash aus der Wirecard-Bilanz. Die philippinischen Banken BDO Unibank und Bank of the Philippine Islands (BPI) waren als Partner von Wirecard genannt worden und standen im Fokus der Frage, was es mit den Cash-Beständen in der Unternehmensbilanz auf sich hat. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hatte dem Unternehmen das Testat zum Jahresabschluss 2019 verweigert, weil ein Cash-Betrag in Höhe von 1,9 Mrd. Euro in der Wirecard-Bilanz bislang nicht zu belegen ist. Auch hierzu äußerte sich Wirecard auf Anfrage nicht.

Mutmaßliche Treuhandbanken dementieren

Die beiden Banken dementierten nun nach Medienberichten eine Zusammenarbeit mit Wirecard. Dokumente, die externe Prüfer von Wirecard vorgelegt hätten, seien gefälscht, erklärte BPI. Darüber hinaus teilte BDO mit, Dokumente, die ein Konto von Wirecard bei der Bank bestätigen sollten, trügen gefälschte Unterschriften von Bankenvertretern.

Unterdessen finden Verhandlungen über die Wirecard gewährten Kredite statt. Das Unternehmen hatte am Donnerstag Investoren schockiert mit der Erklärung, ohne ein bis zum Freitag vorliegendes Prüftestat drohe die Kündigung von Krediten in Höhe von 2 Mrd. Euro. Zu den Krediten teilte das Untenehmen am Freitag um 14.27 Uhr mit: „Die Wirecard AG kann bestätigen, dass sich das Unternehmen in konstruktiven Gesprächen mit seinen kreditgebenden Banken befindet hinsichtlich der Fortführung der Kreditlinien und der weiteren Geschäftsbeziehung.“ Kündigen Kreditgeber ihre Darlehen, kann dies für den Dax-Konzern brenzlig werden. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg haben mindestens 15 Banken Geld an Wirecard verliehen, angeführt von Commerzbank, LBWW, ING und ABN Amro.