GastkommentarChina auf Augenhöhe begegnen

He Lifeng, Joe Kaeser, Angela Merkel und Xi Jinping: Marktzugang zwischen Deutschland und China sichern.
He Lifeng (2.v.l.), Joe Kaeser (r.), Angela Merkel und Xi Jinping in Berlin: Marktzugang zwischen Deutschland und China sichern.
© Getty Images

Wirtschaftliche Abschottung ist wieder in Mode, die Mauern werden höher gezogen: US-Präsident Trump etwa möchte eine (Wirtschafts)mauer zu Mexiko bauen, um, wie er sagt, US-amerikanische Firmen vor der Billigkonkurrenz und ihre Mitarbeiter vor Jobverlust durch illegale Einwanderer zu schützen. Ähnliche Hoffnungen hegen die Brexit-Befürworter in Großbritannien, auch in anderen europäischen Nationen steigt die Sympathie für wirtschaftlichen Protektionismus.

In Deutschland zum Beispiel hat die Übernahme des Roboterherstellers Kuka durch den chinesischen Konzern Midea Wellen geschlagen. Die Bundesregierung war besorgt über einen möglichen Know-how-Abfluss, so dass sie sogar ein Veto in Erwägung zog. Gerüchte, deutsche Unternehmen sollten durch die Politik zur Übernahme gedrängt werden, um Midea zuvorzukommen, machten die Runde. Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel sprach sich dafür aus, Übernahmen deutscher Firmen durch chinesische Investoren zu erschweren. Im März wurde zudem bekannt, dass die EU-Kommission offenbar erste Pläne für Schutzinstrumente gegen unerwünschte Firmenübernahmen aus Ländern wie China erarbeitet. Die Mechanismen sollten „politisch motivierte“ Unternehmenskäufe in Bereichen wie Verteidigung, Infrastruktur und Hochtechnologie verhindern.

Ausgestreckte Hand Chinas ergreifen

Dass chinesische Unternehmen deutsche Firmen kaufen, ist wirtschaftliche Normalität. Deutsche Unternehmen kaufen in China schließlich ebenfalls Betriebe. Übernahmen gehören nun mal zu einer globalisierten Wirtschaftswelt. Hier Schutzwälle hochzuziehen wird nicht funktionieren, egal ob diese Wälle um ganze Wirtschaftssysteme oder um einzelne Unternehmen errichtet werden. Denn wenn wir uns einigeln, werden es die anderen auch tun – eine Spirale ohne Ende entstünde. Für Deutschland als Exportweltmeister wäre eine entglobalisierte Wirtschaftswelt mit einem sinkenden Wohlstand und einer Zunahme von Verteilungskämpfen verbunden. Sollten sich die Befürworter protektionistischer Pläne in den USA, Großbritannien oder anderswo durchsetzen, werden wir das dort schon bald live beobachten können.

Was ist die Antwort auf diese Entwicklung? Keinesfalls Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern unsere Offenheit bewahren, auch wenn es schwerfällt. China wird immer wieder nachgesagt, dass es sich im Ausland fremdes Know-how aneigne, seine eigenen Märkte aber abschotte. Gerade erst hat die Europäische Handelskammer in Peking eine Studie vorgelegt, wonach die „Made in China 2025“-Strategie EU-Firmen diskriminiere und marktwirtschaftliche Kräfte behindere. Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen und deshalb sollte die Politik aktiv werden. Sie muss dafür sorgen, dass Übernahmen mit langfristigen Vereinbarungen für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und die Standorte verbunden werden. Und dass die chinesische Regierung ihr Wort hält.

Chinas Regierungschef Li Keqiang hat europäischen Unternehmen mehr Marktzugang versprochen. In China registrierte Firmen sollten die gleiche Behandlung wie heimische Betriebe genießen, versicherte der Premier am Rande der Jahrestagung des Volkskongresses in Peking. Diese ausgestreckte Hand sollten deutsche Unternehmen ergreifen, zumal damit zu rechnen ist, dass künftig auch im Westen Mauern des Protektionismus hochgezogen werden. Anders als der US-amerikanische Präsident Trump hat sich Xi Jinping, Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas und Staatspräsident der Volksrepublik, bei seiner Rede in Davos klar für Freihandel ausgesprochen. Und auch das neue Seidenstraßenprogramm könnte für die Entwicklungsländer und die hiesige Wirtschaft enorme Wachstumspotentiale bereithalten.

Wichtiger als Frankreich und USA?

Schon jetzt gehört China mit einem Handelsvolumen von 169,9 Mrd. Euro (2016) laut Auswärtigem Amt zu unseren wichtigsten Handelspartnern, noch vor Frankreich (167,2 Mrd. Euro) und den USA (164,7 Mrd. Euro). Nach einem moderaten Rückgang der deutschen Exporte nach China im Jahre 2015 hat sich die Ausfuhr wieder stabilisiert.

Im vergangenen Jahr wurden Waren im Wert von 76,1 Mrd. Euro exportiert. Damit ist China der viertgrößte Abnehmer deutscher Exportprodukte und mit 14,6 Milliarden Euro weltweit der zweitwichtigste Auslandsmarkt für den Maschinenbau. Und für die deutsche Maschinenbauindustrie ist nach Angaben des VDMA China mit 5,7 Milliarden Euro im Jahre 2015 mittlerweile auch der zweitwichtigste Investitionsstandort weltweit.

Fairer Wettbewerb für alle Seiten

Angesichts dieser wirtschaftlichen Relevanz müssen wir China als Partner auf Augenhöhe einbinden und damit – wie es der VDMA Ende Mai im Vorfeld des Besuchs des chinesischen Ministerpräsidenten formulierte – nach dem Bekenntnis zum freien Handel jetzt auch Taten einfordern. Das heißt, wir brauchen dringend ein Investitionsabkommen zwischen der EU und China, um allen Seiten einen fairen Wettbewerb zu garantieren. Das heißt aber auch, dass wir akzeptieren müssen, dass es künftig noch mehr Nachfrage nach Firmenübernahmen durch Chinesen geben dürfte.

Klar ist aber auch: Deutschland braucht seine mittelständisch geprägte Produktionsinfrastruktur, hier sind Politik, Gewerkschaften und Unternehmensverbände gefordert, den Wirtschaftsstandort Deutschland auch für inländische Investoren attraktiv zu halten.

Globalisierung ist an sich etwas Positives, weil – aus deutscher Sicht – unsere guten Standards etwa bei Technologie, Umweltschutz und Arbeitssicherheit in die Welt getragen werden und dort ebenfalls hohe Standards setzen. Unter dieser Perspektive sollte man auch Übernahmen durch Firmen aus China sehen.

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: