IndustrieWie eine kleine Idee den Mittelständler BPW revolutionierte

BPW-Achsen an der Laderampe in Wiehl. Auf Gestellen werden sie zum Kunden transportiert
BPW-Achsen an der Laderampe in Wiehl. Auf Gestellen werden sie zum Kunden transportiertMax Brunnert

Vielleicht wären Alexander Lutze und seine Leute ohne den Grill nie auf die Idee gekommen. Diesen Grill, der auf der Terrasse des Innovationslabors von BPW im rheinischen Siegburg steht und oft für Lästereien unter Kollegen sorgt. Vor allem bei denen, die keinen Grill vor ihrem Büro stehen haben.

Alexander Lutze vom BPW- Innovationslabor. Einen offiziellen Chef gibt es dort nicht
Alexander Lutze vom BPW-Innovationslabor. Einen offiziellen Chef gibt es dort nicht (Foto: Max Brunnert)

Es war ein Abend vor anderthalb Jahren. Die BPW-Leute hatten Gäste aus anderen Branchen zu einem Workshop eingeladen. Abends ließ man draußen bei Würstchen und Bier den Tag ausklingen. Da beschrieb ein Baustoffhersteller ein seltsames Problem: Wenn er seine Ware verschickt, hört er eigentlich nur etwas vom Kunden, wenn etwas schiefläuft und es Ärger gibt. Was sonst passiert, wie lange die Sachen zum Abnehmer brauchen und welchen Weg sie nehmen – all das erfuhr der Mann nicht. Und das störte ihn gewaltig. In einer Ära, in der Handelsplattformen wie Amazon über jede Station ihrer Waren Auskunft geben können, fühlte er sich wie in der Steinzeit.

Lutze und seine Kollegen begannen nachzudenken, und sie erfanden etwas, mit dem sich das Problem beheben ließ. Das Labor von BPW hatte jetzt eine Aufgabe – und bald sogar ein Geschäftsmodell.

„In der historischen Wahrnehmung ist die BPW ein Unternehmen, das ein Stück Stahl zwischen zwei Rädern macht. Da kommen wir her, das muss aber nicht so bleiben“

Alexander Lutze

BPW ist eine jener stillen Marktgrößen, die so typisch sind für die deutsche Wirtschaft. Im Kern war das vor 120 Jahren als Bergische Patentachsenfabrik Wiehl gegründete Familienunternehmen stets auf ein Produkt konzentriert: Achsen für Nutzfahrzeuge, und zwar für die großen Hänger, die von Lastwagen über die Straßen der Welt gezogen werden. Stahl, Schrauben, schweres Gerät. Das lief jahrzehntelang reibungslos, BPW verkaufte an Anhängerhersteller wie Schmitz Cargobull oder Krone, tüftelte an Luftfederung und Bremsen und kam gut zurecht: 1,4 Mrd. Euro Umsatz im Jahr, fast 7000 Mitarbeiter weltweit.

Doch wie andere Industrieprodukte drohen auch Achsen austauschbar zu werden, es drängen neue Anbieter auf den Markt, und es reicht oft nicht mehr, einfach nur ein zuverlässiges Bauteil zu liefern. Schon vor ein paar Jahren änderte BPW daher seine Strategie: Man wollte nicht mehr nur die Hardware bereitstellen, sondern zusätzliche Dienstleistungen anbieten. 2012 kaufte sich BPW daher beim IT- und Logistikspezialisten Idem ein, mit dessen Telematiksoftware sich ganze Transportflotten managen lassen. „In der historischen Wahrnehmung ist die BPW ein Unternehmen, das ein Stück Stahl zwischen zwei Rädern macht“, sagt Lutze. „Da kommen wir her, das muss aber nicht so bleiben.“ Man habe daher begonnen, sich „völlig neu zu erfinden“.

Allerdings ging es zunächst auch weiterhin vor allem darum, mehr Achsen zu verkaufen, also im Grunde um Absatzförderung. Marcus Sassenrath, IT- und Digitalchef bei BPW, wollte das ändern, er wollte neue Kundengruppen erreichen. Gemeinsam mit Lutze baute er vor knapp zwei Jahren das Innovationslabor auf. Nicht im Start-up-Mekka Berlin, sondern im beschaulichen Siegburg, etwa 40 Kilometer entfernt vom Stammsitz. Im Turm einer alten Zellwollfabrik, die die Industriegeschichte einfach hatte stehen lassen. Das Ziel: neue Geschäftsmodelle.