ChinaMit Gutscheinen gegen die Rezession

Ein Kunde kauft Mittagessen in einem Einkaufszentrum in Schanghaii
Ein Kunde kauft Mittagessen in einem Einkaufszentrum in Schanghaiiimago images / Xinhua

Dass es für den 51-jährigen Hong jetzt schon Zeit wurde, Schanghai zu verlassen, kam unerwartet früh. „Ehrlich gesagt wollte ich noch fünf, sechs Jahre hier bleiben und mehr Geld verdienen“. Seit 15 Jahren lebt und vor allem arbeitet der Wanderarbeiter aus der Provinz Sichuan in Schanghai. „Anfangs habe ich auf Baustellen gearbeitet“, erzählt er. „Das war ähnlich schwer wie in meiner Heimat in der Landwirtschaft – aber brachte viel mehr Geld ein.“ Mittlerweile kümmert er sich vor allem um die Instandhaltung von Gebäuden und die Inneneinrichtung.

Seine Frau kam ein paar Jahre später nach und fand schnell eine Anstellung in einer Textilfabrik. Jahrelang zahlten die beiden nur 500 Renminbi Miete im Monat, gerade einmal 80 Euro. So schafften sie es, 800.000 Renminbi (100.000 Euro) zusammenzusparen und sich in ihrer Heimat ein Haus zu kaufen.

Trotz Corona: Der Volkskongress tagt in Peking (Foto: imago images / Xinhua)

Es ist das chinesische Erfolgsmodell von hundert Millionen von Menschen in China: Arme Leute ziehen für einige Jahre von der Provinz in eine der großen Metropolen der Ostküste. Ihre Kinder lassen sie mit den Großeltern in der Heimat zurück. Nach einigen Jahren harter Arbeit reicht das Ersparte, um sich in der Heimat ein Haus zu kaufen. Der chinesische Traum.

Doch gerade dieses Modell gerät in der Krise für viele ins Wanken. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hat Präsident Xi Jinping auf dem Nationalen Volkskongress kein Wachstumsziel verkündet. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass China dieses Jahr um 1,2 Prozent wachsen wird – das ist immer noch mehr als die meisten Staaten dieser Welt, aber zu wenig für ein Land, das seinen Bewohnern jedes Jahr mehr Wohlstand verspricht.

Immer mehr Städte geben Konsumgutscheine aus

Konsumgutscheine sollen jetzt helfen, die Binnennachfrage zu stimulieren und die Bürger bei Laune zu halten. Die Stadt Wuhan gab solche als erste aus, um die schwer angeschlagene Wirtschaft der Stadt zu stimulieren und den ärmeren Bewohnern zu helfen. Vom 19. April bis zum 31. Mai gab die Stadtverwaltung Gutscheine im Wert von 500 Mio. Renminbi (rund 60 Mio. Euro) aus.

Mitte April waren es bereits 50 Städte in 16 Provinzen, die solche Gutscheine ausgeben. Eingelöst werden können sie in Restaurants, für Reisen, kleinere Anschaffungen und kulturelle Veranstaltungen. Das soll noch mindestens zwei Monate so weiter gehen. Viele Städte haben angekündigt, noch mehrere Male solche Coupons an die Bevölkerung ausgeben zu wollen. Eine zweite Runde soll am 1. Juni beginnen.

Verteilt werden die Gutscheine über Drittanbieter, vor allem über die großen Handels- und Kommunikationsplattformen Alibaba, Tencent und Meituan Dianping. Hinzu kommen Privatunternehmen, die ebenfalls Konsumgutscheine und vor allem Rabatt-Coupons ausgeben. Allein in der Stadt Hangzhou belaufen sich diese auf 1,2 Mrd. Renminbi (rund 150 Mio. Euro). Zudem hat die Regierung Privatunternehmen dazu angehalten, ihren Angestellten pro Woche einen halben Tag bezahlten Urlaub zu geben – in der Hoffnung, diese werden in ihrer Freizeit vor allem Shoppen.

Das alles klingt beeindruckend. Ob die Maßnahmen aber nachhaltig die Wirtschaft stabilisieren werden, ist nicht sicher. Wanderarbeiter wie die Hongs sind davon wenig beeindruckt. Die Gutscheine sind meist zwischen 20 und 100 Renminbi wert (zwischen 2,50 Euro und 12 Euro). Das stimuliert zwar den Einzelhandel, rettet aber keine überschuldeten Haushalte – und erst Recht niemanden vor Arbeitslosigkeit.

Rezession trifft vor allem Geringverdiener

Die 1200 Renminbi Miete, die sie bezahlen, sind für die Hongs jetzt zu teuer geworden. Hong sagt, er wisse zwar nicht, wie viele Leute gerade Schanghai verlassen. „Aber ich habe von vielen Kellnern und Masseusen gehört, dass sie keine Arbeit mehr finden.“

Von der ersten Rezession des Landes seit 40 Jahren sind vor allem die unteren Einkommensschichten betroffen. Während Städter eine Arbeitslosenversicherung haben, tauchen Wanderarbeiter wie Hong in der Statistik gar nicht auf. „Wir sind jetzt seit vier Monaten ohne Arbeit“, erzählt er. „Ich wusste nicht, dass das so lange dauert. Die Fabrik, in der meine Frau arbeitet, hat noch immer geschlossen.“

In den vergangenen Jahren hat Peking erfolgreich sein Wirtschaftsmodell transformiert. War in den Nuller-Jahren China als „Werkbank der Welt“ bekannt, das Billigwaren in alle Welt exportierte, tragen die Ausfuhren heute nur noch 17 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Der Binnenkonsum des größten Marktes der Welt ist heute der größte Wachstumstreiber. Ausgerechnet der aber gerät jetzt ins Wanken. Die Verkäufe im Einzelhandel brachen von Januar bis Februar um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat ein. Im März lag das Minus noch bei 15 Prozent.

„Die Haushalte bräuchten mehr Unterstützung. Von der Zentralregierung kommt keine Hilfe“

Jochen Siebert

Das zeigt sich auch auf dem chinesischen Automarkt. „Untere Einkommensschichten in China sind von der Krise wesentlich stärker betroffen“, sagt Jochen Siebert von der Beratungsfirma JSC in Schanghai. „Während im März das unterste Preissegment um 53 Prozent eingebrochen ist, lag das Minus im obersten Bereich nur bei 28 Prozent.“

Der Autobranche helfen die Gutscheine wenig. Zwar gibt es auch Zuschüsse für Kleinwagen, aber die lägen meist im Bereich von 2000 bis 5000 Renminbi pro Fahrzeug, so Experte Siebert. „Die Haushalte bräuchten mehr Unterstützung. Von der Zentralregierung kommt keine Hilfe.“

Ein großes Stimulus-Paket wie 2008 wird es nicht mehr geben. Damals pumpte Peking rund 500 Mrd. Euro vor allem in Infrastrukturprojekte. Die chinesische Nachfrage rettete damals die Weltkonjunktur. Doch für ein ähnliches Paket ist China heute zu überschuldet. Zwar sieht das Budget der Zentralregierung nicht schlecht aus, doch das Problem liegt bei den Unternehmen. „Deren Verschuldung macht mittlerweile 150 Prozent des BIP aus“, so Siebert. „Eine Pleitewelle dürfte erst noch bevorstehen.“

 


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