KommentarDie Revolte der vergessenen Jungen

„Die Millennials bewegen sich nach links“. So lautete die Titelzeile eines wichtigen Artikels von John Judis im Magazin „New Republic“, in dem er einen Trend in vielen westlichen Demokratien nachzeichnet – darunter die USA, Großbritannien, Frankreich, die Niederlande, Italien und Spanien. Das war sicherlich auch ein wichtiger Faktor bei den britischen Wahlen in der vergangenen Woche, die für Theresa Mays Konservative so katastrophal ausging. Nicht nur, dass 63 Prozent der Wähler im Alter zwischen 18 und 34 für Labour-Kandidaten stimmten, die Wahlbeteiligung in dieser Altersgruppe stieg um mehr als 20 Prozent im Vergleich zum letzten Urnengang vor zwei Jahren.

Diese jungen Wähler seien in erster Linie von tiefer liegenden wirtschaftlichen Trends motiviert, behauptet Judis. An Beweisen für diese Hypothese herrscht kein Mangel, etwa das grundsätzliche Problem des langsamen Wachstums und die zunehmend als ungerecht empfundene Verteilung in vielen westlichen Demokratien.

In einer Rede im vergangenen Dezember sagte der Gouverneur der Bank of England Mark Carney, dass sich Großbritannien im ersten verlorenen Jahrzehnt seit den 1860er-Jahren befinde. Die inflationsbereinigten Einkommen seien so langsam gewachsen wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts, sagte er. Eine Analyse der Bank of England zeigt, dass Mitte der 1980er-Jahre der zehnjährige gleitende Durchschnitt des realen jährlichen Lohnwachstums fast vier Prozent erreichte. Noch 2007 lag es bei rund drei Prozent. Jetzt ist es unter null gefallen, was bedeutet, dass die Beschäftigten in den meisten der letzten zehn Jahre Kaufkraft verloren haben.

Die Jüngeren fallen zurück

Es wäre schlimm genug, wenn die gesamte Bevölkerung davon betroffen wäre, aber so ist es natürlich nicht. Das reale Einkommen der US-Amerikaner im Alter von 60 Jahrne und mehr stieg zwischen 2007 und 2014 um elf Prozent, während die 30-Jährigen und Jüngere Einbußen von sieben Prozent hinnehmen mussten. Projektionen deuten darauf hin, dass sich an diesem Trend so bald nichts ändern wird. Es gibt gute Gründe, warum junge britische Wähler für Labour gestimmt haben. Die Partei versprach ihnen die Abschaffung von Hochschulgebühren und höhere Sozialleistungen.

In vielen europäischen Ländern sehen sich junge Menschen mit noch größeren wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert, so sind die Arbeitslosenquoten weit höher als bei älteren Arbeitnehmern – 25 Prozent in Frankreich, 38 Prozent in Italien und fast 45 Prozent in Spanien, laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In den USA ist der Anteil der jungen Amerikaner, die als 30-Jährige mehr als ihre Eltern verdienen von neun von zehn der in den 1940er-Jahren geborenen, auf kaum die Hälfte für die in den 1980er-Jahren geborenen gestürzt. Die Jüngeren trifft der Wandel besonders hart, auch weil die Arbeitnehmerschaft nicht mehr aus langfristig Vollzeitbeschäftigten besteht, sondern aus Auftragnehmern und Teilzeitbeschäftigten. Wenn die Jungen Ende 20 oder Anfang 30 Jahre alt sind und anfangen, über Heirat und Hausbesitz nachzudenken, beginnt der Reiz der häufigen Jobwechsel und unvorhersehbaren Arbeitszeiten zu verblassen.

Durch diese ökonomischen Trends neigt sich die Achse der politischen Debatte in eine Richtung. In den letzten Jahrzehnten wurden linke Parteien und Bewegungen von postmaterialistischen Fragen wie Umwelt, Geschlechterpolitik und Opposition gegen Kriege dominiert. Im vergangenen Jahr jedoch zog US-Senator Bernie Sanders, der sich fast ausschließlich auf ökonomische Fragen konzentrierte, junge Erwachsene in seinen Bann und stellte sich damit als überraschend starker Herausforderer für Hillary Clinton heraus, der Favoriten der Demokraten für die Nominierung als Präsidentschaftskandidat. Jüngere Wähler sind skeptischer gegenüber dem Kapitalismus als ihre Eltern, und sie sind offener für staatliche Antworten auf wirtschaftliche Probleme.

Macron trägt die Hoffnungen der Mitte

Als Konsequenz rücken die Mitte-Links-Parteien der 1990er-Jahre weiter nach links, und diejenigen, die sich nicht bewegen, bekommen es mit linken Alternativen zu tun. Mit Ausnahme Deutschlands wird die Mitte des demokratischen Spektrums ausgehöhlt. In Großbritannien waren die Liberaldemokraten die einzige Partei für die 48 Prozent der Wähler, die im vergangenen Jahr für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt hatten. Trotzdem machten sie nur wenig Eindruck auf die Wähler und gewannen nur eine Handvoll der knapp 50 Sitze zurück, die sie im Jahr 2015 verloren hatten.

Vor diesem Hintergrund kommt der anhaltenden politischen Revolution in Frankreich eine größere Bedeutung zu. Im Mai wählten die Franzosen mit Emmanuel Macron einen erklärten Zentristen zu ihrem Präsidenten, der als unabhängiger Kandidat angetreten war. Ein 39-jähriger ehemaliger Bankier, der Minister ohne Erfahrungen in gewählten Ämtern in sein Kabinett berief. Am vergangenen Wochenende brachte die Wählerschaft dann Macrons neu geschaffene Partei in Sichtweite der absoluten Mehrheit in der Nationalversammlung. Wenn sich bei der Stichwahl am kommenden Wochenende der Trend der ersten Runde bestätigt, hat der Präsident freie Hand für die Umsetzung seiner Pläne.

Bisherige Regierungen sind bei dem Versuch gescheitert, die strikten Arbeitsmarktregeln Frankreichs zu reformieren. Sie schützen die Festangestellten und lassen Arbeitgeber vor Neueinstellungen zurückschrecken. Wenn Macron hier Veränderungen durchsetzen kann und wenn eine wiederbelebte französische Wirtschaft Jobs und Chancen für jüngere Arbeiternehmer und Unternehmer schafft, könnte der Präsident die Avantgarde einer neuen Generation von Zentristen sein, die ein nachhaltiges Gleichgewicht zwischen Staat und Markt und zwischen sozialer Sicherheit und wirtschaftlicher Dynamik schafft. Wenn er scheitert? Dann kommt die Sintflut, und nicht nur in Frankreich.

Copyright The Wall Street Journal 2017

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