Die Stunde Null Michael Hüther: „Wir müssen über Fracking in Deutschland reden“

Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft
Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft
© IMAGO / Jens Schicke
Der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln warnt vor einem Einfuhrstopp für russisches Erdgas und fordert, Deutschland müsse stattdessen auch über eine eigene Förderung nachdenken. Eine Industrienation könne auf die Produktion von Grundstoffen nicht verzichten

Michael Hüther, der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), rät vor dem Hintergrund der Energiekrise dazu, auch über eine Gasförderung in Deutschland nachzudenken – und bisherige Tabus zu überwinden. „Wir müssen uns fragen, ob wir nicht auch Fracking in Deutschland und die Gasförderung hier mobilisieren sollten“, sagte Hüther im Podcast „Die Stunde Null“. Die starken Vorbehalte gegenüber der Technologie seien „moralisch inkonsistent“, da die Deutschen kein Problem hätten, Gas aus anderen Ländern zu importieren, unabhängig davon, wie es gefördert worden sei. „Das passt nicht zusammen.“

Hüther warnte davor, die Energiekosten für die Unternehmen durch ein Embargo für russische Erdgasimporte noch zusätzlich zu verteuern. „Wir laufen in eine angespannte wirtschaftliche Lage hinein“, sagte der IW-Chef. Eine Stagflation, also eine Kombination aus niedrigen Wachstumszahlen und hoher Preissteigerung, sei für die kommenden Jahre ein denkbares Szenario. In dieser Lage sei ein Importstopp nicht zu verkraften. „Wir können die Mengen aus Russland nicht in der Geschwindigkeit ersetzen“, sagte Hüther. Es bestehe zudem die Gefahr, sich selbst so zu schwächen, dass es unmöglich werde, andere Staaten wie die Ukraine zu unterstützen.

Generell sieht der IW-Chef Deutschland trotz absehbarer Wohlstandsverluste in vergleichsweise guter Verfassung. Der Arbeitsmarkt ist seiner Auffassung nach immer noch robust, und die Unternehmen könnten die wachsenden Risiken noch auffangen. Allerdings warnte Hüther davor, den anstehenden Wandel infolge einer Abwendung von Russland, neuer Lieferketten und Umstellung der Energieversorgung ohne Rücksicht auf die produzierenden Betriebe anzugehen. „Letztlich geht es darum: Machen wir es mit der Industrie oder ohne sie?“, sagte er. Der Vergleich mit Großbritannien zeige, welche Risiken es mit sich bringe, die Industrie zugunsten einer Dienstleistungsgesellschaft herunterzufahren – etwa mit Regionen, die abgehängt werden. „Da gibt es Einkommensdifferenzen, die weit über das hinausgehen, was wir hier kennen“, sagte er.

Mit Blick auf die Bundesregierung plädierte Hüther dafür, bei den anstehenden Aufgaben auf Steuererhöhungen zu verzichten und stattdessen die Schuldenbremse flexibler zu handhaben oder auch zu reformieren. „Wenn wir jetzt nicht investieren, wird es langfristig sehr viel teurer“, so der IW-Chef. Sowohl die dringende Erneuerung der Infrastruktur als auch mehr Mittel für die Bundeswehr ließen sich nicht mit Steuererhöhungen finanzieren, wenn man der Wirtschaft des Landes nicht massiv schaden wolle.

Hören Sie in der neuen Folge von „Die Stunde Null“,

  • wie die Stimmung bei der Klausurtagung der Bundesregierung in Meseberg war,
  • weshalb der IW-Chef ein Ölembargo gegen Russland für verkraftbar hält,
  • warum Hüther trotz allem optimistisch bleibt.

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