Vererben 2.0Menschen gehen, Daten bleiben: Wem gehört das digitale Erbe?

Was passiert mit dem digitalen Erbe?
Was passiert mit dem digitalen Erbe?Katharina Noemi Metschl

Die Nachricht vom Tod ihres Bruders hatte Andrea S. im Urlaub erreicht. Nun stand sie in der leeren Wohnung und musste sehen, wie sie sein Leben aufräumt. Einige alte Unterlagen des kinderlosen Mannes waren noch abgeheftet. Es fand sich ein Geldbeutel mit EC- und Kreditkarten. Ein Großteil wichtiger Informationen aber war nicht zugänglich – und zwar alles, was sich hinter Passwortschranken auf PC und Smartphones befand. Der digitale Nachlass. „Alles lief sehr chaotisch und extrem aufwendig“, sagt die 55-Jährige. „Es ist einfach großer Mist, wenn du nicht an den Computer kommst.“

Erben, die Einblick in die ­E-Mails oder Onlineprofile Verstorbener suchen, stoßen auf hohe Hürden der Betreiber. Denn Erbrecht und Fernmeldegeheimnis kollidieren. Die Mutter einer verstorbenen 15-Jährigen hat gerade bis zum Bundesgerichtshof geklagt. Die Richter haben entschieden, dass Hinterbliebene auf das Facebook-Konto zugreifen dürfen. Facebook hatte das Nutzerkonto gesperrt und in den Gedenkzustand versetzt. Das Gericht entschied, dass digitale Inhalte genauso zu behandeln seien wie etwa Briefe und Tagebücher.

Dringend werden für den digitalen Nachlass ein Richtungsentscheid und neue Gesetze gefordert. Die Digitalisierung hat unsere Kommunikation revolutioniert. Sie fordert das 100 Jahre alte Erbrecht heraus. Zugriffsrechte auf E-Mail-Konten, soziale Netzwerke, Dating- und Streamingdienste? Das alles regelt kein Gesetz, sondern ein Wirrwarr aus geheimen Passwörtern und seitenlangen AGB. Wie sorglos 62 Millionen Internetnutzer in Deutschland mit ihrem digitalen Fußabdruck umgehen, zeigt diese Zahl: Acht von zehn haben sich noch nie Gedanken gemacht, wie sie mit dem virtuellen Erbe verfahren.

Ein „digitales Testament“ fürs Schließfach

Für Andrea S. begann eine mühsame Spurensuche. Es war Glück, dass ihr Bruder und die Eltern Kunden in derselben Sparkassen­filiale waren. Bei den Steuern konnte sie ein gemeinsamer Freund beraten. Sie durchflöhte Kontoauszüge, kündigte Online-Abos, fand Kunden des kleinen Einmannbetriebs. Die Website des Bruders existiert noch. Nicht jeder aber findet bei der Auflösung eines digitalen Nachlasses sofort Unterstützung.

Vorausblickend lässt sich jedoch für einzelne Kommunikationskanäle durchaus Vorsorge treffen. Grundsätzlich gilt: Um den Aufwand zu minimieren, hinterlegt man handschriftlich ein „digitales Testament“ mit der Liste aller Konten. Die Passwörter werden schriftlich oder auf einem Speichermedium in einem Schließfach hinterlegt, zu dem die Erben Zugang bekommen. Worauf ist sonst noch zu achten?

I. POSTFÄCHER

Was früher versteckt im Schatzkästchen blieb, wandert heute in die Daten-Cloud

Die elektronische Nachricht hat in der Privatsphäre den klassischen Brief weitgehend verdrängt. E-Mail-Accounts bergen heute oft unentbehrliche Informationen zu den privaten und geschäftlichen Aktivitäten einer Person. Hinterbliebene oder Nachlassverwalter finden dort die wichtigsten Hinweise zu allen vertraglichen Bindungen, die ein Erbe übernimmt. Hier lässt sich rekonstruieren, welche Geldanlagen zu betreuen sind, wo Mitgliedschaften laufen oder ob Rechnungen fällig sind. Offene Postfächer erleichtern es ungemein, Passwörter für andere Zugänge zurückzusetzen.

Problematisch: Können E-Mails überhaupt vererbt werden? Selbst mit Kennwort darf ein Erbe streng genommen ein Postfach nicht einfach übernehmen. Mail-Verkehr ist nach heutiger Rechtslage vom Fernmeldegeheimnis geschützt. Ohne Einwilligung des Erblassers und seiner Kommunikationspartner dürfen Anbieter Inhalte nicht preisgeben. Allein die Vorstellung, die Erlaubnis aller Mail-Parteien einzuholen, ist indes absurd. Im Schnitt sammelte 2017 jeder Nutzer 9 400 Nachrichten an.

Fraglich auch: Sind Yahoo oder Google Fernmeldedienste? „Der Gesetzgeber muss klarstel- len, dass ein Provider den digitalen Nachlass an die Erben herausgeben darf“, fordert der Deutsche Anwaltverein. Der Schutz des Erbes solle vorgehen – also das Recht auf digitale Inhalte, in welcher Form auch immer. Das Argument: Ein Mail-Wechsel ist ausgetauscht wie ein Brief, der im Postkasten liegt. Er befindet sich somit nicht mehr in Übermittlung. Im Alltag ermöglichen viele Anbieter den Zugriff, sobald ein Erbschein vorliegt. Um den zu erhalten, muss das Erbe angetreten sein – was ohne Kenntnis der Finanzlage Risiken birgt.

Was tun? Vorsorge zu treffen ist gar nicht so einfach. Eine Nachlassregelung sucht man bei den meisten Providern vergebens. Allein Google geht beispielhaft voran: In einem „Inactive Account Manager“ kann ein Inhaber Dritten das Zugriffsrecht auf sein Gmail- oder Youtube-Konto gewähren. „Es gibt ein großes Missbrauchspotenzial“, sagt Annegret König, Leiterin der Rechtsabteilung bei Google Germany. Aber so wolle man eine vernünftige Nachlass- pflege ermöglichen. „Online-Willenserklärungen müssen auf Websites ermöglicht werden.“

Web.de und GMX, bei denen jeder zweite Deutsche sein Hauptpostfach hat, leiten im Trauerfall nur zum Kundendienst weiter. Yahoo hält den Antrag zum Löschen bereit. Bei Microsoft „scheint der Tod eines Kontoinhabers nicht vorgesehen“, klagt eine verzweifelte Angehörige in der Community. Ein „Nächster-Angehöriger-Prozess“ verlangt eine förmlich zugestellte „gültige Vorladung“ oder „gerichtliche Verfügung“, um zu prüfen, ob Infor- mationen zu Adressen eines Verstorbenen auf MSN-Konten „rechtmäßig freigegeben werden dürfen“. Bestenfalls werden Daten von Mail und One Drive per DVD verschickt.