FrankreichLe Wirtschaftswunder

In der Halle Freyssinet entlud früher die Staatsbahn SNCF Güterwaggons. Jetzt sitzt hier das Gründerzen­trum Station FStephanie Füssenich

Knapp 200 graue Herren und ein paar Damen fluten am frühen Morgen die Halle Freyssinet am Gare d’Austerlitz, mittendrin der Premier und eine Handvoll Minister. Kurz treffen die angereisten Anzugträger auf die hier heimischen Vollbartträger, doch letztere schlurfen schnell wieder zurück in ihre Container. Das kennen sie nämlich schon: Seit Emmanuel Macron Präsident ist, können sich Frankreichs Start-up-Gründer vor Umarmungen des Staatsapparats kaum retten. Ihr Arbeitsplatz, die Station F, ist zu einer Art Pilgerstätte geworden.

Station F, so wird heute die riesige Halle Freyssinet genannt. Sie ist so lang wie der Eiffelturm hoch und in manchen Kreisen schon genauso berühmt. Einst hat hier die Staatsbahn SNCF Güterwagen entladen. Jetzt sitzt hier Europas größtes Start-up-Zentrum, das im Sommer eingeweiht wurde – natürlich von Macron persönlich.

Seitdem geben sich hier Staatsdelegationen die Klinke in die Hand. Angereist sind heute Frankreichs internationale Diplomaten. In die Heimat zitiert haben sie der Präsident und sein Premier, um ihnen die neue Regierungslinie zu vermitteln. „Ich sehe wenige andere Orte in Frankreich, an denen sich die neue Realität so klar zeigt“, erklärt ihnen Regierungschef Édouard Philippe in seiner Grundsatzrede: „Wir müssen der Welt erklären, dass wir dabei sind, unser teures und altes Land zu verwandeln.“

Es gibt Ecken im Land, wo diese Verwandlung längst begonnen hat. Nicht nur in der Station F, quer durch Paris ist nicht erst mit Macron eine Gründerszene entstanden, die derzeit in Europa in mancher Hinsicht den Ton angibt. Ähnliches ist in Metropolen wie Lille, Nantes, Lyon im Gange. „Frankreich hat sich durch seine überdurchschnittlich technophile und internetaffine Bevölkerung einen Marktvorsprung verschafft“, sagt Charles-Édouard Bouée, der als Pariser die lokale Landschaft gut kennt, als globaler CEO der Unternehmensberatung Roland Berger aber auch den weltweiten Überblick hat.

Das Ende eines Klischees

Sicherheitsfixiert, konzernverliebt, hierarchisch: Lange traf dieses Klischee der französischen Wirtschaft weitgehend zu. Noch vor zehn Jahren ermittelten Umfragen, dass über 70 Prozent der französischen Jugend von einem Job im Staatsdienst träumen. Heute liebäugelt ein Drittel bis die Hälfte damit, Unternehmer zu werden. „Kulturell bedeutet das einen radikalen Wandel“, sagt Bouée. Glaubt man einer Studie aus Lyon, gibt es derzeit nicht einmal in den USA so viel Gründergeist wie in Frankreich. Und das Kapital zieht mit: In Sachen Start-up-Finanzierung hat Paris im vergangenen Jahr erstmals Berlin abgehängt und lag zeitweise sogar vor London.

Sébastien Caron (o.) arbeitet in der Station F an seiner App Mapstr (Foto: Stephanie Füssenich)

„Viele Fonds aus Kalifornien, England, Deutschland rufen an“, bestätigt Sébastien Caron. Der 36-jährige Gründer der Geo-App Mapstr streckt sich im hinteren Teil der Station F vor seinem Rechner, als übe er eine Yoga-Stellung. Mit seiner App können Nutzer ihre Lieblingsorte in einer digitalen Karte speichern und mit anderen teilen. Es läuft, sagt Caron, Mapstr hat 300.000 aktive Nutzer. Ein schöner Erfolg, aber für sein Geschäftsmodell müssen es Millionen werden, auf aller Welt, daran arbeiten sie jetzt hier oben, stellen Leute ein, basteln an einer neuen Finanzierungsrunde, die 3 bis 5 Mio. Euro in die Kassen spülen soll.

Nach acht Jahren als Unternehmensberater hatte Caron die Mühle satt und setzte den Gründertraum, der in ihm schlummerte, in die Tat um. Er hatte Glück: Der Facebook-Inkubator, der im Dachgeschoss der Station F sitzt, nahm ihn unter seine Fittiche. Caron wird nun gelegentlich von Sheryl Sandberg zum Plausch nach Menlo Park gebeten. Bei Facebook interessiere man sich erstaunlicherweise besonders für den sensiblen Umgang mit Nutzerdaten, sagt Caron. Er ist ein illusionsloser Typ, der für das Start-up-Abenteuer seinen Lebensstandard heruntergefahren hat und in seinem eng geschnittenen Knitterpulli kaum auffällt in der Station F, obwohl er mit 36 etwas älter ist als die meisten hier. „Frankreich steht erst am Anfang“, sagt er. Man habe noch viel aufzuholen, aber die Bewegung sei nicht mehr aufzuhalten.