Bundestagswahl ‘21 Laschet, Baerbock, Scholz: Haben Sie auch Phantomschmerzen?

Ein Drucker kontrolliert mit einer Lupe ein Wahlplakat der CDU
Ein Drucker kontrolliert mit einer Lupe ein Wahlplakat der CDU
© dpa | Friso Gentsch / Picture Alliance
Megathemen wie die Pandemie und Klimaschutz bestimmen den Wahlkampf – was viele ratlos zurücklässt: Bei wem wählen sie die geringste Ohnmacht? Weshalb auch die Fiktion eines Duells zwischen Robert Habeck und Markus Söder immer noch so lebendig ist

Die beiden Züge, die seit dem vergangenen Jahr eigentlich parallel fahren, aber auf den zweiten Blick aufeinander zurasen, haben diese Woche wieder mächtig Fahrt aufgenommen: Der eine Zug ist die Pandemie, der andere der Wahlkampf. Seitdem dieses Land mit dem Coronavirus kämpft, kämpften die Regierenden auch um den Machtwechsel. Auf oder zu, hart oder weich, Team „Vorsicht“ oder Team „Freiheit“ – in dem komplexen Lockdownmanagement ging es auch immer ums Kanzleramt. Das ist ein Problem, unter dem das Land immer wieder leidet, das sich Ende September aber erledigt haben wird.

Nun, da die Impfkampagne stockt und die Infektionszahlen steigen, nimmt die vierte Welle genauso Fahrt auf wie der Wahlkampf. Die Flut war als Großkatastrophe im Grunde nur das, was die Booster-Impfung in der Pandemie sein soll: Sie verstärkte Themen, die vorher wichtig, und Eindrücke und Charakterzüge, die schon zuvor sichtbar waren – wer zuvor als Krisenmanager eine unglückliche Figur abgab, weil er schwankte oder haderte, wirkte noch schwächer. Wer Finanzminister war und tönte, dass alles mit einem Wumms bezahlt wird, konnte neue Töpfe verkünden.

Die Wankelmütigkeit und Weichheit, die man Armin Laschet nachsagt , kann man ihm bei der Flutkatastrophe zwar nicht zur Last legen. Er war oft Projektionsfläche für Wut und Verzweiflung. Das Ergebnis aber war fatal, weil die Bilder, die er produzierte, trostlos waren. Nicht nur, weil er anfangs einmal lachte: Er war nicht der Krisenmanager, dem man das Land anvertraut, weil er mit den Trümmern fast verschmolz. Man hatte Mitleid.

Wahlkampf der Ohnmächtigen

Pandemie, Flut und Klimaschutz – es sind Naturgewalten, -katastrophen und -umbrüche, die den Wahlkampf bisher bestimmen. Nicht der Arbeitsmarkt, nicht Mindestlohn, Wehrpflicht, Homoehe, nicht Lohnnebenkosten, nicht mal Gerechtigkeit. (Das Thema Migration gehört für die Wählerinnen und Wähler ebenfalls zu den wichtigsten, seit Jahren schon, es wird aber von allen Parteien bewusst ausgeblendet. Dass es mitnichten kein Problem mehr ist, zeigte sich diese Woche bei der Diskussion um die Afghanistan-Flüchtlinge und zuvor bei den Auseinandersetzungen an der litauischen Grenze.)

Als Wähler lassen diese Großereignisse und Metathemen einen etwas ratlos zurück: Man fragt sich, bei wem man wohl die geringste Ohnmacht wählt. Weshalb jeder zweite Deutsche keinen der Kandidaten bevorzugt und jeder Dritte unentschlossen ist. Die Ohnmacht erklärt auch die gestiegenen Umfragewerte für die SPD (19 Prozent) und die ohnehin guten für Olaf Scholz: Man sucht zumindest ein wenig Kompetenz – und findet erstmal Scholz. Das ist sicherlich etwas ungerecht gegenüber Laschet, der ja immer damit geworben hat, dass er NRW regiert und damit auch Deutschland regieren kann. Und der, wenn man sich etwa bei Wirtschaftsführern und Managern im Westen umhört , erstaunlich gute Werte bekommt.

Wahlen und Wahlkämpfe sind aber nun mal nicht gerecht. Auch ohne Pandemie und Flut wäre ein Machtwechsel nach 16 Jahren wahnsinnig neu, komplex und aufregend gewesen. Nun aber wird diese Wahl noch unglaublich aufgeladen, zu einer „Schicksalswahl“ – was wie immer übertrieben ist, aber einen wahren Kern hat:

Wir wählen Ende September eine Kanzlerin oder einen Kanzler, dessen Regierung zentrale Weichenstellungen bis 2030 vornehmen muss – denn nicht nur beim Klima gibt es Kippunkte. Auch beim demografischen Wandel haben wir nur wenige Jahre Zeit, um das Rentensystem zu stabilisieren – und etwa einen neuen Kapitalstock für die Altersvorsorge aufzubauen. Das klingt nicht so dramatisch wie der Klimawandel, dafür geht niemand auf die Straße – schon gar nicht Schüler. Es ist aber für unsere Zukunft elementar.

Viel Zukunft also, wenig Inspiration, große, gewaltige Themen und zu kleine Kandidaten. Und damit sind wir bei einem weiteren zentralen Punkt: Wir erleben einen Wahlkampf unter Phantomschmerzen. Denn fast jeden Tag, bei einem neuen Plapper-Patzer von Annalena Baerbock oder einem Hadern von Armin Laschet, fragen sich doch viele, wie ein Duell Robert Habeck gegen Markus Söder ausgesehen hätte. Ja, dass dieses Duell doch eigentlich das gewesen wäre, was dieses Land gebraucht und verdient hätte.

Habeck und Söder - die Schattenkandidaten

Habeck, der sich kaum noch verstellt und mit erkennbar genervter Miene auftritt, lässt keinen Zweifel an seinen Sorgen, dass die Grünen eine historische Chance verspielen (was mit ihm natürlich nicht passiert wäre). Und Söder lässt keine Gelegenheit aus, zu demonstrieren, mit Spitzen, Hieben und Halbsätzen, dass er einfach eine andere Nummer ist: und zwar eine, die reichlich größer ist.

Beide Kandidaten leiden noch und haben diese Phantomschmerzen, wie viele Wählerinnen und Wähler vermutlich auch – aber haben sie nicht einen Punkt? Gibt es nicht immer noch diese wilden Träume und tollkühnen Szenarien, den Kandidaten auszutauschen? Man muss aufpassen, nicht zu früh und viel zu verklären, weil Habeck und Söder derzeit einfach nur die Sehnsucht nach Größe, Autorität und Format bedienen. Sie hätten auch Fehler gemacht. Aber ihre Energie mag ihnen keiner abstreiten, sie füllen ein Vakuum: eine Vorstellung dessen, was hätte sein können, und was vielleicht notwendig gewesen wäre.

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