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Fußball-WM Kritik an Katar ist berechtigt – Bashing aber ist unangebracht

Arbeiter präparieren den Rasen für das Vorrundenspiel Dänemark gegen Tunesien
Arbeiter präparieren den Rasen für das Vorrundenspiel Dänemark gegen Tunesien
© picture alliance / AA | Mustafa Yalçın
Selten war eine Fußball-WM so überschattet von Vorwürfen. Inzwischen hat sich die Debatte um Katar aber verselbständigt – und schießt über das eigentliche Ziel hinaus

Die Fußballweltmeisterschaft in Katar ist gestartet – und selten war eine WM so überschattet von Vorwürfen. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch beklagen mangelnde Rechte für Frauen und Homosexuelle sowie immer noch unzureichende Arbeitsbedingungen in Katar. Dass hierauf verwiesen wird, ist wichtig. Nur durch konstruktive Kritik und ein Sichtbarmachen von Missständen kann sich etwas verändern. Ebenfalls heiß diskutiert: der Eklat um die „One Love“-Armbinde und die teils wirre Verteidigungsrede von FIFA-Chef Infantino. Völlig zurecht debattieren wir darüber im privaten und im öffentlichen Raum.


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Doch die Debatte hat sich auf Social Media und leider auch in den Medien an einigen Stellen verselbständigt und wirkt zunehmend undifferenziert: „Gelangweilte Kamele“, „Blut-Scheichs“, „Lügen-Show“, „Nichts als Heuchelei“ – das Katar-Bashing kennt keine Grenzen. Woran sehe ich eigentlich, dass sich ein Kamel langweilt? Wieso werden Scheichs jetzt unter den Generalverdacht gestellt, Blut an den Händen kleben zu haben? Und: „Heuchelei“ könnte man Deutschland auch vorwerfen – Flüssiggas würden wir trotz der Kritik schließlich gerne von Katar beziehen, oder etwa nicht? 

Die Dynamik dieser Debatte erinnert an die verhärteten Fronten zu Pandemiezeiten: Impfen oder nicht? Mit ähnlichem Druck steht nun die Frage im Raum: Spiele schauen oder nicht? Vielen geht es hierbei um die „richtige“ Haltung. Aber was ist die richtige Haltung?

Wenn wir die „richtige“ Haltung an das ursprüngliche Ziel der horrenden Katar-Kritik knüpfen, nämlich die Situation von Frauen, Homosexuellen und Gastarbeitern in Katar verbessern zu wollen, dann ist klar: Mit einem Katar-Bashing ist den Menschen vor Ort nicht geholfen. Im Gegenteil.

Wir brauchen mehr Diversität in der Betrachtung und Bewertung der aktuellen Missstände in Katar. Und zu einer diversen Betrachtungsweise gehört auch eine korrekte Darstellung der Faktenlage. Dazu zählt auch der Umgang mit den Todeszahlen im Rahmen der gebauten Stadien. Und hier gehen die Meinungen auseinander.

Spekulation um „tausende Tote“

Nahost-Experte Jürgen Hogrefe etwa kritisiert die unkonkreten Aussagen zu den Todeszahlen. Von tausenden Toten zu sprechen, sei zum jetzigen Zeitpunkt aus seiner Sicht reine Spekulation. Er bezieht sich auf einen Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, der von 50 Toten bei allen Arbeitsunfällen in Katar im Jahr 2020 ausgeht. Im Podcast „Wirtschaft Welt & Weit“ sagt Hogrefe: „Natürlich ist jeder Tote einer zu viel.“ Ihm gehe es jedoch um eine wahrheitsgemäße Einordnung. 

Der Deutschland-Direktor von Human Rights Watch, Wenzel Michalski, vermutet zwar tausende Tote, verbindet dies aber auch mit dem Hinweis, jegliche in Umlauf gebrachten Zahlen seien spekulativ. Die Zahl von über 15.000 Todesfällen ist sehr präsent, da sie in einem Bericht von Amnesty International zu lesen war. Doch die Organisation selbst stellt klar, dass sich diese Zahl nicht ausschließlich auf die verstorbenen Arbeiter der WM beziehe – vielmehr handle es sich um alle ausländischen Staatsbürger, die im Zeitraum 2010 bis 2019 in Katar verstorben seien.

Ohne genauere Untersuchungen zu den Todesfällen sind belastbare Fakten also kaum zu schaffen. Dass sich die Arbeitsbedingungen für Gastarbeiter weiter verbessern müssen, steht außer Frage. Das gilt allerdings nicht nur für Katar und nicht nur für arabische Länder. In Europa gibt es ebenfalls großen Verbesserungsbedarf. Auch hier sterben jedes Jahr Gastarbeiter auf Grund schlechter Arbeitsbedingungen.

Zu einer diversen Betrachtung gehört weiterhin, den Zeigefinger auch auf Deutschland zu richten. Wir kritisieren den aktuellen Gastgeber der WM aufs Schärfste, nehmen aber die Milliarden, die Katar in Deutschland investiert, dankend an: Der katarische Staatsfonds mit einem Volumen von rund 25 Mrd. Euro ist der größte Auslandsinvestor in Deutschland. Darauf verweist Jeremias Kettner, Politikberater und Gründer der Unternehmensberatung The Bridge, im Podcast: Katar hält 17 Prozent der Anteile an Volkswagen und etwa zehn Prozent an der Deutschen Bank. Und es sind nur zwei von vielen Beispielen.

Im Klartext heißt das: Die katarische Regierung pumpt Milliarden in die deutsche Wirtschaft. Und Deutschland als Wirtschaftsnation profitiert davon massiv. Dass nun manche meinen, „Haltung“ zu zeigen, indem sie Spiele boykottieren und Arabophobie durch ihre abwertenden Aussagen fördern, ist fragwürdig. Vor allem wenn sie dabei auch noch einen VW fahren, ein Konto bei der Deutschen Bank halten oder Fußballspiele des FC Bayern schauen (Qatar Airways ist seit 2018 Sponsor des Vereins).

Das Beste, was wir jetzt tun können? Miteinander reden, gerne kontrovers wie im Podcast mit Hogrefe und Kettner. In den Medien sollten Journalistinnen und Journalisten weiter und noch stärker sachlich und kritisch über Missstände berichten. Kritik ja, Bashing nein.

Mary Abdelaziz-Ditzow ist Leiterin Wirtschaft & Innovation bei ntv und Host des Podcasts „Wirtschaft, Welt & Weit“

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