FinanzevolutionKooperation statt Abschottung im Banking


Dirk Elsner (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Die biologische Evolution und die Innovationspraxis für Unternehmen haben viel gemeinsam. Zwei Besonderheiten haben Evolutionsbiologen und Innovationsforscher für die erfolgreiche Entwicklung herausgearbeitet: Kooperation und Vernetzung. „Ohne Kooperation geht nichts, weder auf Genomebene, Zellebene noch auf Individualebene“, schreibt Axel Lange in Darwins Erbe im Umbau. Der Österreicher und als Professor in Harvard arbeitende Martin Nowak schreibt in seinem Buch „Kooperative Intelligenz“: „Menschen sind Superkooperatoren. Wir stützen uns auf sämtliche Mechanismen der Kooperation und verdanken dies vor allem unseren atemberaubenden Stärken, wenn es darum geht, uns mit Sprache und Kommunikation miteinander zu vernetzen.“

Steven Johnson hat in seinem aktuellen Buch „Wo gute Ideen herkommen“ festgehalten, dass Innovationen nicht nur durch die Brille des Wettbewerbs zwischen Personen und Unternehmen betrachtet werden können. Über einen langen Zeitraum spiele der Wettbewerb guter Ideen eine weit weniger zentrale Rolle als allgemein angenommen wird. „Der weiter gefasste Blick lässt uns erkennen, wie Offenheit und Vernetzung letztendlich fruchtbarere Ergebnisse hervorbringen als purer Wettbewerb.“

Banken fördern Start-ups

Was bisher nach Theorie klingt, lässt sich derzeit in der Banking-Praxis gut beobachten, wenn es um die Gestaltung des Finanzwesens der Zukunft geht. Hier scheinen die Zeiten des „Allein gegen Alle“ einer neuen Sichtweise zu weichen. Das lässt sich beispielhaft an zwei Entwicklungssträngen zeigen, die in den letzten Wochen für Aufmerksamkeit gesorgt haben:

+ die wachsende Bedeutung der Zusammenarbeit von Banken mit Inkubatoren und Akzeleratoren für Start-ups.

+ die Förderung der Innovationskultur in der etablierten Finanzindustrie über Vernetzung und Kooperation, etwa über Aktivitäten wie Innovation Labs und „Hackathons“.

Die Aktivitäten von Inkubatoren und Akzeleratoren fallen derzeit auf. Die Brutkästen und Beschleuniger sind Biotope, die Entwicklungsprozesse von Start-ups fördern. Die Abgrenzung ist dabei in der Praxis nicht immer ganz trennscharf, wie meine Kollegin Michelle Berger in einer noch unveröffentlichten wissenschaftlichen Arbeit herausgearbeitet hat. Beide fördern Gründerteams bei der Geschäftsmodellentwicklung durch Mentoring und bieten einen Zugang zu Netzwerken von Spezialisten, möglichen Kooperationspartnern und Investoren. Beide bieten geschützte Umgebungen und Räumlichkeiten. Als wichtiges Abgrenzungsmerkmal zwischen Inkubator und Akzelerator wird meist die Dauer des Programms genannt. Während Inkubatoren oft keine zeitliche Befristung vorgeben, betragen diese bei Akzeleratoren etwa drei bis sechs Monate.

Der Markt gerät in Bewegung

Mitte September ist gerade der Accelerator Frankfurt mit seinem ersten Programmdurchlauf gestartet. Er bietet ein internationales Vier-Monats-Programm mit Mentoring, Büroräumen und Beratungsleistungen für die Gründerteams. Das Programm sucht laut eigenen Angaben nach Unternehmen, die jenseits der Ideenfindung sind und das Potential haben, international zu skalieren. Das Programm konzentriert sich auf Start-ups aus den Bereichen Fintech, Regtech, Insurtech, Cyber Security & Webtech.

Ein nicht nur auf Fintechs spezialisiertes Programm bietet auch das HHL Spinlab in Leipzig, das mein Arbeitgeber, die DZ BANK, unterstützt. Das SpinLab fördert nach eigenen Angaben interdisziplinäre Teams bei der Umsetzung und dem Wachstum ihrer Gründungsvorhaben innerhalb eines sechsmonatigen Programms auf dem Gelände der Leipzig Baumwollspinnerei.

Die Commerzbank hat bereits vor zwei Jahren ihren eigenen Inkubator eröffnet. Der Main Incubator will ebenfalls das Banking der Zukunft fördern und weist sechs Unternehmen im Portfolio aus. Die Deutsche Bank hat gerade bekannt gegeben, dass sie mit Axel Springer Plug and Play kooperiert. 86 digitale Unternehmen sind bislang von dem Accelerator unterstützt worden, darunter auch N26, eines der ambitioniertesten Fintechs in Deutschland.

Die Deutsche Bank, die in den letzten Monaten immer wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt wurde, öffnet sich auch dem zweiten der beiden oben genannten Stränge. Sie hat gerade in einem Vorort von Frankfurt eine Digitalfabrik gestartet. Hier sollen mehr als 400 Softwareentwickler, IT-Spezialisten sowie Bankexperten aus verschiedensten Unternehmensbereichen an neuen digitalen Produkten und Dienstleistungen arbeiten. Zusätzlich hat sie 50 Arbeitsplätze für externe Kooperationspartner aus der Fintech-Branche eingerichtet.

Sparkassen fördern „Hackathons“

Die Commerzbank plant laut einem Medienbericht einen Digital Campus mit 1000 Mitarbeitern, die in agilen Projektteams Digitalisierungsprojekte vorantreiben sollen. Auch die DZ Bank hat ein Innovation Lab geöffnet und arbeitet darin mit Fachbereichen, Entwicklern und Start-ups zusammen. Darüber hinaus baut die Bank die Zusammenarbeit mit der Fintech-Szene aus, beispielsweise über Sponsoring des gerade gegründeten Tech Quartiers und entsprechend über das Mentoring für dort aktive Start-ups.

Neben diesen Aktivitäten fördern viele Bankengruppen auch das Innovationsformat „Hackathon“. In Teams aus Fachleuten und Entwicklern sollen innerhalb der Dauer dieser Veranstaltung Prototypen für neue Produkte entstehen. Die Sparkassen haben gerade einen großen Hackathon angekündigt, auf dem Fintechs, Entwickler und Kreative mit der Sparkassen-Finanzgruppe zusammengebracht werden sollen (siehe Bericht im IT-Finanzmagazin). Vernetzung, gemeinsame und vor allem institutsübergreifende Entwicklung werden auch auf der Fintech Week in Hamburg großgeschrieben.

Die hier aufgeführten, jüngst bekannt gewordenen Aktivitäten sind nur ein Bruchteil dessen, was derzeit allein im deutschen Finanzgewerbe passiert. Heute weiß niemand genau, ob und welche dieser verschiedenen Wege eines Tages zum Erfolg führen werden. Es gibt keine Sicherheit dafür, dass Akzeleratoren, Inkubatoren, Innovation Labs oder Hackathons die eigene Zukunft sichern. Auch zeigt sich, dass es mit Blick auf die Dimensionen der Innovationsaktivitäten bei den einzelnen Banken unterschiedliche Auffassungen zur idealen Größe und zum Zuschnitt gibt.

Einigkeit besteht aber offenbar darin, dass nichts tun und allein im stillen Kämmerlein forschen, im Finanzgewerbe keine Option mehr ist. Vielleicht kann man sogar von einem Paradigmenwechsel im Banking sprechen. Die früher übliche Abschottung und Geheimniskrämerei bei der Produktentwicklung wird abgelöst durch Kooperation und Vernetzung mit Dritten, ja sogar mit potenziellen Konkurrenten. Das ist ein kultureller Wandel, der diese Bezeichnung wirklich verdient.