SelbstversuchKontaktloses Bezahlen: „Es muss piepen! Es muss piepen!“

Bezahlen per Smartwatchdpa

Deutschland ist ein Land des Bargelds – 80 Prozent aller Bezahlvorgänge im Handel werden immer noch in Cash abgewickelt, hat die Europäische Zentralbank herausgefunden.

Christian Kirchner
Christian Kirchner

Doch das soll sich ändern. Schnell. Und umfassend. Deshalb haben Banken, Kartenanbieter und der Handel in den vergangenen zwei Jahren eine Großoffensive für das so genannte kontaktlose Bezahlen gestartet. Das ist in vielen anderen Ländern längst üblich, etwa in Asien, Skandinavien, aber auch in vielen europäischen Nachbarländern. Für kleinere Geldbeträge, meist maximal 25 Euro, reicht dann einfach das Vorhalten der Giro- oder der Kreditkarte, um einen Kauf rasch ohne PIN oder Unterschrift abzuwickeln. Möglich ist das kontaktlose Bezahlen aber auch mit einem so genannten „Wearable“ wie der Apple Watch. Das spart dem Kunden Zeit, bringt dem Händler womöglich mehr Umsatz, da er mehr Kunden in der gleichen Zeit bedienen kann. In der Theorie.

Auch in der Praxis sind nunmehr 550.000 der 820.000 Bezahlterminals im Handel für das kontaktlose Bezahlen vorbereitet. Rund 35 Millionen Girocards – umgangssprachlich: EC-Karten – haben bereits den entsprechenden Chip für das kontaktlose Zahlen implantiert. Hinzu kommen der Großteil aller umlaufenden Kreditkarten sowie die meisten Smartphones, die nun dank Google, Apple und Paypal ebenfalls zum kontaktlosen Bezahlmedien werden können.

Das Dumme ist nur aus Industriesicht: Nicht einmal ein Prozent aller Transaktionen läuft im Handel bislang tatsächlich kontaktlos ab laut Bundesbank. Die oft zitierte Dynamik des kontaktlosen Bezahlens kommt also von einer sehr niedrigen Basis. Häufig wissen deren Besitzer gar nichts von dieser Funktion ihrer Karten. Oder unwissende Verkäufer reißen sie dem Kunden beim Bezahlen aus der Hand, um sie in Lesegeräte zu führen, statt davorzuhalten – selbst wenn der Kunde kontaktlos bezahlen will.

Damit möglichst viele von den segensreichen Möglichkeiten des kontaktlosen Bezahlens erfahren, bringen daher Banken und Einzelhändler nicht nur massenhaft Kontaktlosterminals und Kontaktloskarten, sondern ihre Lobbyisten auch permanent Umfragen in Umlauf, nach denen Handel wie Kunden große Lust auf das kontaktlose Bezahlen haben.

Aber probieren geht über studieren. Also habe ich einen Tag lang auf einer Dienstreise ausprobiert, wie man durch den Alltag kommt, wenn man, so oft es geht, kontaktlos statt bar bezahlen will. Ich habe mich schon zwei oder drei Tage durch Städte wie London oder New York bewegt ohne einen Cent Bargeld in der Hand. In China wird gar jede zweite Transaktion bereits mit dem Handy bezahlt. Wie aber sieht es in Frankfurt, München und Berlin aus?

Ausgestattet habe ich mich dazu mit einem Armband, in dem ein so genannter NFC-Chip (NFC steht für Near-Field-Communication, also: Nahfeldkommunikation) steckt, der einer Guthaben-Kreditkarte entspricht. Die kann sich jeder bestellen, sie aufladen und loslegen mit dem kontaktlosen Bezahlalltag – falls er nicht ohnehin schon eine Karte mit Kontaktlos-Funktion hat. Technisch haben alle Kontaktlos-Bezahlfunktionen – egal ob Kreditkarte, Girokarte, Apple-Watch oder Armband – die gleiche Basis, es muss ein entsprechender Bezahlchip verbaut sein.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe kein Testgerät, und niemand hat mir das Experiment vorgeschlagen, ich mache es ergebnisoffen aus eigenem Antrieb und auf eigene Rechnung – aus purer Neugierde, wie es um das kontaktlose Bezahlen aktuell steht. Denn ist nicht Voraussetzung für den Durchbruch neuer Technologien, dass sie einen Mehrwert bieten und verlässlich funktionieren?

Frankfurt, Rothschildallee

Mein Tag beginnt früh – um 5:20 Uhr stehe ich an der Straßenbahnhaltestelle und will die Linie 12 zum Hauptbahnhof Frankfurt nehmen. Zwar habe ich eine Zeitkarte. Ich prüfe aber am Fahrkartenautomaten, ob ich denn auch in der Lage wäre, eine Einzelfahrt zu 2,75 Euro kontaktlos zu kaufen. Denn ist nicht gerade das die perfekte Situation für einen raschen Kontaktlos-Kauf: Es ist ein Kleinbetrag, oft muss es schnell gehen, und die Automaten machen oft Ärger mit Scheinen und Münzen? Aber: Fehlanzeige. Der Automat akzeptiert keine Kontaktlos-Zahlung. Die erste Enttäuschung. Zwischenstand: Ein Versuch – einmal gescheitert. Aber der Tag ist ja noch lang – und hält einige amüsante Überraschungen parat.

Frankfurt Hauptbahnhof, Starbucks

Um 5:40 Uhr verlasse ich die Straßenbahn und gehe in die Bahnhofsfiliale von Starbucks. Ein großer Kaffee muss her für gut drei Stunden Zugfahrt. Mit Starbucks-Filialen verbinde ich oft längere Schlangen. Es ist eine Kette, die daher ein besonders großes Interesse daran hat, Tempo in den Bestell- und Bezahlvorgang zu bringen. Gut beobachten konnte ich das schon in London: Dort sind die ganz Eiligen schon einen Schritt weiter und bezahlen nicht kontaktlos, sondern per App, bevor sie die Filiale betreten. Sie müssen sich den Kaffee, beschriftet mit ihrem Namen, anschließend einfach von der Theke greifen. Man muss nicht länger als zehn Sekunden in der Filiale sein, um sein Getränk zu bekommen – der Traum jedes Händlers und eiligen Movers & Shakers, für den Schlange stehen Zeit und Geld kostet.

Bei Starbucks funktioniert das kontaktlose Bezahlen
Bei Starbucks funktioniert das kontaktlose Bezahlen

So weit sind wir in Frankfurt noch nicht. Ein Filterkaffee im mitgebrachten Becher macht 1,89 Euro. Ich mache mein rechtes Handgelenk frei, wo mein Bezahlarmband mit dem Chip sichtbar wird. „Kann ich das kontaktlos zahlen?“, frage ich die Verkäuferin. „Mit Ihrer Starbucks-Karte?“ – „Nein, mit meiner Kontaktloskarte hier an meinem Handgelenk.“ – „Ja, natürlich, bitte.“

In der Schlange hinter mir ziehe ich einige Blicke auf mich, aber es geht flott und unproblematisch. Das Bezahlterminal ist auf einer guten Höhe angebracht direkt vor mir, ich halte mein Armband davor – „Zahlung erfolgt“ – fertig. Noch sechs Minuten bis zur Abfahrt, weiter zum….

Frankfurt Hauptbahnhof, Zeitschriftenladen

5:50 Uhr: Ich greife mir eine Süddeutsche Zeitung und eile zur Kasse, in vier Minuten geht der Zug. Wieder so eine typische Situation: Im Zeitschriftenladen haben es viele meist eilig und kramen ihr Kleingeld hervor – eine Nervenprobe. Wie oft habe ich hier schon Menschen aus der Schlange ausscheren gesehen, ihre Zeitschriften weglegen und zum Zug eilen. Kann das kontaktlose Zahlen für Kleinbeträge wie für eine Zeitung oder Zeitschrift die Dinge vielleicht beschleunigen?

„Kann ich kontaktlos zahlen?“, frage ich den Verkäufer und zeige auf mein Armband – und der ist gleich im Bilde. „Ah, mit einem Wearable!“, erkennt er die Lage – „Kein Problem, halten Sie mal davor!“  Gesagt, getan. Und es passiert: nichts. „Nochmal!“ sagt der Verkäufer. Und übernimmt die Rolle des menschlichen Fehlermelders. „Es muss piepen! Es hat noch nicht gepiept.“

Ja, richtig. Es piept nichts. „Nochmal! Davorhalten! Flach davorhalten!“, feuert mich der Verkäufer motivierend an. Er hat, so viel ist mir klar, großes Interesse, dass mehr Menschen kontaktlos zahlen. „Es muss piepen! Es muss piepen!“, ruft er.

Aber nichts piept. Statt über Bargeldfans, die mit dem Zeigefinger in Kleingeldsammlungen rühren, murrt die Schlange hinter mir nun mit Hin- und Herspringen und genervtem Ausatmen über den Wichtigtuer mit seinem Bezahlarmband, der, eine Zeitung in der rechten und einen Becher Kaffee in der linken Hand, eine Laptoptasche über der Schulter und in Eile, verschiedene Körperhaltungen und Armgelenkwinkel einnimmt, damit es „piept“.

Es piept aber nicht. Also Abbruch, alternative Bezahlung – und ab in den Zug. Im Vorbeigehen noch ein rascher Test am Verkaufsstand für Snacks vor dem Gleis: „Kann man hier kontaktlos zahlen?“ Der Verkäufer erkennt offenbar, dass er sich mit einem simplen „Nein“ Arbeit erspart, denn ich bin in Eile – daher: „Nee, leider nicht“, obwohl ich nicht sicher bin, ob das stimmt. Aber ich glaube seiner Aussage. Also ab in den Zug.

ICE Frankfurt-München

Rein interessehalber statte ich dem Bordbistro einen Blitzbesuch ab. Ich will zwar nichts kaufen, aber wissen, ob ich denn einen Kaffee und ein Croissant auch kontaktlos bezahlen könnte, wenn ich wollte. Bislang kann man, eine Besonderheit, in Bordbistros nicht mal mit der Girocard zahlen. Antwort: Nein, könnte ich nicht – aber bald vielleicht. Es liefen dazu Versuche, klärt mich ein netter Mitarbeiter auf. Bald folge der landesweite „Rollout“, wie es so schön heißt.

Ich bin ein wenig ernüchtert: Fünfmal habe ich nun geprüft, ob ich kontaktlos bezahlen kann. Genau einmal ging es und es funktionierte auch. Mein Verdacht: Wenn Banken und die Cashless-Lobby beim Kunden punkten wollen, ist noch ein bisschen was zu tun in Sachen Verfügbarkeit. Mein Praxistest steht jedenfalls in einem merkwürdigen Kontrast zu den vielen Jubelmeldungen über das Kontaktlos-Bezahlen, die mich über Pressemitteilungen erreichen. Das deckt sich – zugegeben – auch mit meiner sonstigen Alltagserfahrung: Verbreitet und bekannt ist die Möglichkeit nur bei einigen wenigen großen Ketten im Einzelhandel, aber praktisch wäre sie ja genau da, wo man eilig Kleinstbeträge zahlen muss.

München Hauptbahnhof

Pünktlich rollen wir in München ein. Da ich noch kein Frühstück hatte und folglich Hunger, muss etwas zu Essen her. Schon vom Gleis aus sehe ich einen großen Bäcker gleich am Eingang zur Bahnhofshalle. Ein Bäcker namens Rischert – „Münchener Backkunst seit 1883“ – offeriert quasi in 1a-Lage des Bahnhofs eine große Auslage an Brezeln, Brot und Gebäck. Ich bestelle einen Butterbrezel und lasse meine inzwischen eingeübte Frage fallen: „Kann ich das kontaktlos zahlen?“ Die Frage amüsiert den Verkäufer sichtbar. „Kontaktlos? Hier kann man nicht mal mit Karte zahlen“, erklärt er mir freimütig. „Nur cash!“, sagt er. Also bezahle ich bar und gehe Richtung S-Bahn-Abgang.

München Hauptbahnhof, Yorma’s

Dort erregt aber eine sehr große Werbung des Snack- und Getränkestandes von „Yorma’s“ meine Aufmerksamkeit. „Wir akzeptieren“ steht da auf nicht weniger als fünf großen Displays über der Theke – und drumherum sind die Logos von neun verschiedenen Bezahlmöglichkeiten aufgeführt: Girocard kontaktlos, Visa, Mastercard, V-Pay… Selbst Chinesen können hier für eine Leberkässemmel ihre lokale Kreditkarte „UnionPay“ zücken.

Yorma's bietet viele Bezahlmöglichkeiten
Yorma’s bietet viele Bezahlmöglichkeiten

Mir wird als Vielfahrer der Bahn rasch klar: Diese Kette macht sich nicht nur gefühlt epidemisch breit in deutschen Bahnhöfen. Sie ist auch auf Zack in Sachen Bezahlmöglichkeiten und setzt das offensiv ein.

Also komme auch ich mit meinem Armband durch? Testkauf: Ein belegtes Brötchen muss her. „Kann ich das kontaktlos zahlen?“ „Natürlich“, die Verkäuferin spricht zwar nur sehr gebrochen deutsch, aber geht kurz das Bezahlterminal holen, hält es mir über die Theke – ich halte mein Handgelenk davor – fertig. Binnen zehn Sekunden ist alles bezahlt und ich ziehe weiter Richtung S-Bahn.

München Hauptbahnhof, S-Bahn

Eine ÖPNV-Fahrkarte kontaktlos kaufen? Das geht in München am Hauptbahnhof zumindest nicht an der Gruppe von Automaten, die ich mir neben dem Abgang zum S-Bahn-Gleis ansehe. Dafür zeugen die obligatorischen Schleifspuren neben dem Münzschacht von den verzweifelten Versuchen vieler Kunden, ihre Münzen so lange zu polieren, bis der Automat sie annimmt.

Zwischenstand: Sieben Versuche, davon zwei erfolgreich. Ich nähere mich dem Schnitt Deutschlands mit 80 Prozent Cash-Transaktionen, wenngleich unfreiwillig.

Aschheim, Moxy-Hotel

Im seelenlosen Industriegebiet von Aschheim an der Stadtgrenze von München verschlägt es mich um kurz nach zehn am Morgen in das Moxy-Hotel. Ich habe einen Termin um elf in der Nähe, also etwas Zeit totzuschlagen und entscheide mich spontan für einen Espresso in der Hotel-Lobby.

Die Kette kenne ich aus anderen Städten, sie ist vom Betreiber Marriott als Antwort auch auf die Sharing-Welle gegründet worden. Sie hat meist nur schuhschachtelgroße Zimmer, aber eine opulente Bar, in die es Gäste aus den engen Zimmer ziehen soll. Alles ist arg parfümiert, es läuft viel und laute Musik, und die Einrichtung ist auf einen rohen Industrie-Chic getrimmt. Zielgruppe: Die Millennials und solche, die sich noch ein bisschen wie ein Millennial fühlen wollen. Oder zumindest so aufführen.

So wie ich mit meinem Bezahlarmband – unter dem im Übrigen nach sechs Stunden Tragen zu meinem Entsetzen ein leichter Ausschlag zu sehen ist, obwohl ich da ansonsten dermatologisch unempfindlich bin. „Kann ich den Espresso kontaktlos zahlen?“  „Na klar. Ich kenne das, macht meine Freundin auch oft“, erklärt mit die Mitarbeiterin hinter der Theke. „Aber hier macht das kaum einer.“ Aber einer muss es ja machen, also zahle ich den Espresso mit dem Handgelenk – neuer Zwischenstand: acht Versuche, dreimal Erfolg. Eine Bilanz, die sich am frühen Nachmittag gleichwohl deutlich eintrüben sollte.

München Hauptbahnhof, Toiletten „Rail and Fresh“

Geschenkt, dass auf dem Rückweg mit der S-Bahn nicht einmal ein Fahrkartenautomat auf dem Gleis stand. Ich bin am frühen Nachmittag wieder am Münchener Hauptbahnhof, um die Weiterreise nach Berlin anzutreten. Erst einmal muss ich von diversen Kaffees am Morgen rasch zur Toilette – wieder eine Situation, die für das kontaktlose Bezahlen eigentlich wie geschaffen ist. Schließlich soll ein Bedürfnis nicht am Kleingeld scheitern. Und tatsächlich wippen einige Menschen nervös am Zugang hin und her, sortieren sich für den geforderten Euro.

Bei Rail & Fresh muss man sich erst eine App herunterladen
Bei Rail & Fresh muss man sich erst eine App herunterladen

Kompliment an den Betreiber, dass am Zugangsautomaten das Schild „Bargeldlos bezahlen“ prangt. Da denkt einer mit! Wo, wenn nicht hier, hätte man es gerne schnell und bequem, um das Tor zu durchschreiten? Selbst „Apple Pay“ prangt als Logo auf dem Automat – potztausend! Die Zukunft des Payment-Markts, sie ist angekommen selbst in der Bahnhofstoilette.

Dachte ich. Dann sehe ich näher hin. Ich kann nicht etwa kontaktlos mit meinem Armband zahlen oder mit Karte oder Handy. Stattdessen ist am Automaten eine Schritt-für-Schritt-Anleitung angebracht, wie man kontaktlos bezahlen kann: Man soll erst den QR-Code scannen, dann die entsprechende App herunterladen und installieren, eine Bezahlmöglichkeit auswählen und hinterlegen, den geforderten Maschinencode angeben, „Pay“ drücken und auf eine Bestätigung warten – das ganze im Untergrund des Münchener Hauptbahnhofs mit entsprechendem Mobilfunknetz. Bis alle erforderlichen Schritte erfolgreich vollzogen sind, hat vermutlich auch die Hose eines disziplinierten Cashless-Fans einige Tropfen abbekommen.

Sicherheitshalber versuche ich, erneut zur Verärgerung der Menschen hinter mir, durch Vorhalten meines Armbands vor ein Lesegerät das Tor zu öffnen – aber das geht vielleicht mit den Trompeten von Jericho, sicher mit Bargeld, aber gerade ganz sicher nicht kontaktlos auf. Drücke ich die falschen Knöpfe? Auf alle Fälle drückt gerade mein vegetatives Nervensystem die innere „Abbruch-Taste“, ehe ein Unglück passiert – lieber cash zahlen und rein.

Eine App herunterladen, installieren, sich registrieren, ein Zahlungsmittel hinterlegen, einen Maschinencode eingeben, um bargeldlos aufs Klo zu können – man hätte gerne Mäuschen gespielt in dem Meeting, in dem diese Idee geboren wurde.

{Nachtrag vom 12.11.2018: Eine Branchenexperte wies mich in einer netten eMail hin, dass das App-System optional sei und das (gelbe) Terminal für die Kontaktlos-Zahlung nutzbar sei. Tatsächlich sieht die Vorrichtung auch so aus, aber in der Praxis erschloss sich mir die Optionalität nur schwer aufgrund des App-Textes direkt drüber – und waren auch meine praktischen Versuche nicht erfolgreich. Was im konkreten Fall noch das unangenehme Gefühl hinterlässt, es könnte womöglich für die Versuche zu Abbuchungen gekommen sein.}

 

München Hauptbahnhof, Gosch Sylt

Nun gut, ökologisch ist es vielleicht fragwürdig, in München Fisch zu essen statt lokaler Spezialitäten. Aber mir ist am späten Mittag einfach danach. Also gehe ich zu „Gosch Sylt“ im Hauptbahnhof für einen schnellen Snack. Auch hier fällt mir gleich die Verlockung des bargeldlosen Zahlens ins Auge – allerdings, wie schon im WC, mit einer Insellösung, deren Vorteil sich mir intuitiv nicht erschließt. „Jetzt hier bargeldlos zahlen – Bluecode – App downloaden und loslegen“ steht auf einem Display an der Theke.

Vielleicht ist das eine tolle App. Aber mit Sack und Pack in einer Schlange und im Stehen am Hauptbahnhof mal eben eine „App downloaden“ und eben nicht „loslegen“, sondern sich vermutlich erst registrieren und ein Zahlungsmittel hinterlegen müssen – eine merkwürdige Vorstellung.

Also sage ich meinen Spruch auf: „Kann ich kontaktlos zahlen?“ Die Dame hinter der Theke sieht mich an, als hätte ich ihr gerade den Krieg erklärt. „Da muss ich das Terminal erst mal suchen“, entfährt es ihr. Es folgt ein Duell wie einst zwischen dem von Robert de Niro gespielten Travis Bickle und seinem Spiegelbild in „Taxi Driver“: Jeder wartet gespannt, bis sich der andere bewegt. Beide erstarren. Wer gibt jetzt nach, wer verliert? „You make the move, you make the move“, sagte Bickle im Film. Sekunden werden zur Ewigkeit.

Ich mache den Move. Ich verliere. „Okay, dann zahl’ ich’s bar“ – klarer Punktsieg für die Verkäuferin, die zufrieden mit dem Scheinchen in der Hand die Kasse bedient.

Meine Bilanz hat sich verschlechtert: zehn Versuche, dreimal Erfolg.

Berlin Hauptbahnhof, Rossmanns Drogeriemarkt

Ich kann mir merken, wer die Torschützen des 1. FC Köln im Spiel gegen den SC Freiburg im September 1993 waren. Aber meine iPhone-Ladekabel verteile ich, einem Eichhörnchen gleich, das seine Nüsse nicht wiederfindet, über Büros, Hotels, Züge und die Wohnungen von Freunden. Also muss ich einmal mehr ein iPhone-Ladekabel in einem Drogeriemarkt kaufen (dort gibt es sie am billigsten, wie ich als Stammkäufer der Kabel herausgefunden habe).

Die 7,99 Euro will ich an der Kasse kontaktlos zahlen und – touché – es geht problemlos und ohne Umstände, die Verkäuferin wirkt sehr routiniert. Machen das viele hier, frage ich noch? „Immer mehr“, sagt sie, ohne mich anzusehen – und scannt die nächsten Artikel. Kein Wunder: Ein Dutzend Leute stehen in der Schlange, hier muss es auch möglichst flott gehen, und das sieht offenbar auch die Drogeriekette so.

Berlin, McDonald’s

Bitte nun keine Belehrungen über Essgewohnheiten, aber nach dem langen Tag müssen vor dem Weg ins Hotel ein Anstandssalat und ein Cheeseburger her. Ab in einen McDonald’s. Da war ich zwar seit einer Ewigkeit nicht mehr, aber mein Test ist ein willkommener Anlass.

Ich tippe in ein mannsgroßes Display meine Bestellung ein, die Menüführung folgt zwar nervigerweise dem Prinzip „Upselling“ wo es nur geht, aber nun gut. Es geht an das Bezahlen nach gefühlt 50 Fingerstrichen auf dem Display. Wenn man hier nicht kontaktlos zahlen kann, wo sowieso nur Kartenzahlung möglich ist – an einem Display – wo dann?

Pech gehabt: „Karte nicht zugelassen“ heißt es in dem Bezahlfenster, nachdem ich mein Handgelenk vor das Bezahlterminal gehalten habe. Der guten Ordnung halber versuche ich das ganze noch dreimal – aber keine Chance. Eine andere Karte muss her. Klassisch klappt das ganze dann mit Girocard und Geheimzahl.

Fast der Endstand: Zwölf Versuche, viermal Erfolg. Macht eine Quote von 33 Prozent.

Berlin, Motel One

Aber eben nur fast: Geschrieben werden muss der Artikel auch noch, und zwar in der Lobby des Hotels „Motel One“ unweit des Reichstags, wo ich parallel zum Tippen dieses Artikels ein alkoholfreies Weizenbier trinke. „Kann ich das kontaktlos bezahlen?“ Der Kellner ist begeistert. „Aber klar! Mit so einer Applewatch?“, erkundigt er sich gleich, als ich mit meinem Handgelenk näher komme. „Nein, mit einem simplen „Wearable“ mit Kontaktlosfunktion“, muss ich ihn etwas enttäuschen.

Terminal raus, Handgelenk drauf – „Vorgang abgebrochen“ erscheint im Display nach einigen Sekunden, flankiert von einem Ton aus dem kleinen, mobilen Terminal, der an das „Leider verloren“-Geräusch bei einem Computerspiel erinnert. Also Wechsel auf eine andere Karte – und tröstende Worte: „Das machen hier aber immer mehr Leute mit ihren Handys!“, berichtet mir der interessierte Barkeeper und gerät beim Smalltalk ins Grübeln. „Da kann doch theoretisch einer mit einem Lesegerät durch die Gegend laufen und einfach die Kohle absaugen von den Leuten, die sowas in ihren Handys und Geldbörsen oder am Arm haben“, erklärt er mir. Lustig: Genau dieses Szenario haben mir schon einige Bekannte geschildert.

Wie fällt mein Fazit aus? Wenn von 13 Kontaktlos-Versuchen am so genannten „Point of Sale“ , wie es so schön heißt im Bezahlmarkt, lediglich vier erfolgreich sind und neun nicht klappen oder diese Funktionalität nicht bieten, mag das gewiss nicht repräsentativ sein.

Aber gemessen daran, dass ich an stark frequentierten Orten unterwegs war – in Metropolen, am Bahnhof – ist die Bilanz kein Ruhmesblatt für Banken und Handel – zumindest dann nicht, wenn kontaktloses Bezahlen in Deutschland über einige Einzelhandelsketten und Drogeriemärkte hinaus populärer werden soll.

Zugegeben: ich nutze auch im privaten Alltag oft die Kontaktlos-Funktion. Zwei Dinge fallen mir dabei auf: Erstens gibt es Ketten, die sehr routiniert mit der Möglichkeit umgehen, deren Kassenpersonal Bescheid weiß – etwa im Einzelhandel oder in Drogeriemärken. Zweitens: Seitens des Kassenpersonals gibt es – auch wenn hier Binsengefahr besteht – große demografische Unterschiede: Jüngere Leute sind oft interessiert an dieser Technologie, stellen sogar offensiv fragen, sind neugierig. Andere wirken, als hätten sie davon noch nie gehört.

Aber wenn selbst „Early Adopter“ mit einer Kette von Enttäuschungen konfrontiert werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, es lieber bei Versuchen zu belassen – und zu warten, bis die Technologie nicht punktuell, sondern in der Breite nutzbar ist, Mehrwert bietet und hoher Verlässlichkeit läuft. Und ich nicht überlegen und versuchen muss, wie man ein Bezahlmedium hält, damit es auch „piept“.

Anmerkung: In zwei Fällen (Motel One, Zeitschriftenladen) hat das kontaktlose Bezahlen mit dem „Wearable“ nicht funktioniert, allerdings dann in einem neuen Anlauf mit einer weiteren Kreditkarte mit Kontaktlos-Funktion.