KommentarKaufhaus-Fusion: Kommt nun das „Blutbad in deutschen Städten“?

Nach langen Verhandlungen ist der Kaufhaus-Deal unter Dach und Fach: Kaufhof und Karstadt schließen sich zusammen
Karstadt Kaufhof wird von der Coronakrise schwer getroffen. Nun flüchtet der Handelskonzern in ein Schutzschirmverfahrendpa

Vor vielen Jahren schon, als ich noch im Kommentarteam der „Financial Times Deutschland“ arbeitete, geisterte die These von einer Fusion von Kaufhof und Karstadt durch die Medien. In den Leitartikeln, die ich betreute, wurde das freilich immer als ferne Fiktion abgetan. Tenor: Zu einer „Warenhaus AG“ werde es nicht kommen, denn das gäbe ein „Blutbad in deutschen Innenstädten“. Klar, in vielen Fußgängerzonen hätte eines der beiden Häuser dicht machen müssen.

Rund 15 Jahre später muss man feststellen: Zu dem Blutbad (um in der etwas brutalen Metapher zu bleiben) ist es ohnehin gekommen – aber ganz anders als erwartet. Der Fall ist ein Sinnbild für unsere oft mangelhafte Fähigkeit, Veränderungen und Umwälzungen in der Zukunft richtig einzuschätzen.

Seit Donnerstag ist es in Deutschland amtlich: Der Zusammenschluss kommt, Karstadt übernimmt Kaufhof. Und 5000 Arbeitsplätze sind bedroht. Der Vertrag ist zwar noch nicht unterschrieben, aber der Karstadt-Eigentümer Signa und die Mutter von Kaufhof, die kanadische Hudson’s Bay Company (HBC), werden das bis Mitte des Monats tun.

Die hoffnungslose Kette der Karstadt-Retter

Allein diese beiden Namen, die vor einigen Jahren noch niemand auf dem Zettel hatte, zeugen von dem dramatischen Umbruch, der sich im deutschen Handel abgespielt hat. Denn längst sind beide Kaufhauskolosse ins Wanken geraten. René Benko, ein stürmischer österreichischer „Wunderwuzzi“ (ein Porträt finden Sie hier) wird nun hauchdünner Mehrheitseigner. Er kam 2014 aus dem Nichts und gehörte zu einer schier endlosen und hoffnungslosen Kette von „Karstadt-Rettern“.

Das Traditionshaus kämpfte seit dem Untergang seines Mutterkonzerns 2009 – dem großspurig errichteten Traumschloss Arcandor von Thomas Middelhoff – ums Überleben. Es war ausgerechnet Benko, der wieder Hoffnung brachte, unter dem Karstadt wieder schwarze Zahlen schrieb und online wuchs. Dabei misstrauten ihm viele anfangs mehr als dem eleganten Vorgänger Nicolas Berggruen, der zwar auf Mäzen machte, aber von 2010 bis 2014 nur verlorene Jahre hinterließ.

Kaufhof auf der anderen Seite galt über Jahre als Gegenbeispiel: besser geführt, solider aufgestellt, schickere Filialen. Kein Ramsch, sondern Erlebnis! Die Kanadier, die 2015 Kaufhof übernahmen, haben durch eine waghalsige Finanzierung die Kette seitdem im atemberaubenden Tempo heruntergewirtschaftet. Während Karstadt  sich konsolidierte, geriet Kaufhof in Schieflage. Die Millionenverluste wuchsen, seit einiger Zeit spekulierte die Branche über eine drohende Insolvenz.

Es vollzog sich das gleiche Muster, die gleiche Abstiegsspirale wie bei Karstadt: Die Immobilien wurden an andere Vehikel verkauft und im Anschluss viel zu teuer zurückgemietet – was den Filialen die Luft zum Atmen nahm. Und das zu einer Zeit, in der sich die Fußgängerzonen wandelten: Es war der Eroberungszug Amazons und Zalandos, der zwar kein „Blutbad“ brachte, aber große Wunden in die Innenstädte schlug.

Ein Riese bringt noch keine Zukunft

Insofern ist der Zusammenschluss notwendig, auch wenn er für die Belegschaft hart wird. Rund 5000 der insgesamt knapp 20.000 Arbeitsplätze sollen wegfallen und wieder einmal drohen Lohnkürzungen. Doch eine Insolvenz von Kaufhof hätte die Mitarbeiter ungleich härter getroffen. Unklar ist auch, wie nachhaltig der Turnaround von Karstadt ist.

Im deutschen Handel entsteht ein neuer Riese, der zweitgrößte Warenhauskonzern Europas. Aber wohl auch der letzte Riese. 30.000 Mitarbeiter, 5 Mrd. Euro Umsatz. Die Kanadier sind zwar noch beteiligt, aber operativ raus (die neue Kette wird Karstadt-Chef Stephan Fanderl führen). Das dreijährige HBC-Gastspiel wird sich bald als schaurige Case Study in Managementbüchern wiederfinden. Und ein junger Österreicher, über den immer noch gerätselt wird, wie seriös er ist, wird das neue Imperium steuern, wird der Herr über Deutschlands Innenstädte.

Richtet René Benko also in den kommenden Jahren das „Blutbad“ an? Wohl kaum. Für ein Urteil ist es ohnehin zu früh, das „Manager Magazin“ schrieb zuletzt von einer „Schonfrist von zwei Jahren“, Benko wolle sich zunächst nur neun Filialen anschauen.

Bereits jetzt ist allerdings klar, dass Größe allein kein Geschäftsmodell ist. Das Management wird einige Synergien heben, klar, vor allem in der Zentrale, aber der Kampf der Kaufhäuser geht weiter. Das allein liegt aber nicht an Benko, an Karstadt-Managern oder Investoren, die mit Immobilien-Deals ihr eigenes Geschäft untergraben.

Es liegt auch an uns, den Kunden. Wir sind es, die bei Amazon oder Zalando kaufen und nicht mehr bei Karstadt oder Kaufhof. Es ist auch unser „Blutbad“. Wenn Innenstädte veröden, dann deshalb, weil immer weniger Menschen dort hingehen und kaufen. Man erinnere sich nur daran, wie viele Namen im Handel schon verschwunden sind: Horten etwa oder Hertie, Filialisten wie Strauss, Schuhketten, Textilhäuser, die unzähligen kleinen Einzelhändler. Wer will, dass Karstadt und Kaufhof vereint überleben, muss dort wieder mehr einkaufen.