GastkommentarJobkiller Roboter: Verhungern wir im Paradies?

In seinem Paradies-Paradox beschreibt Wassily Leontief, Wirtschaftsnobelpreisträger von 1973, die Geschichte des technologischen Fortschritts der letzten 200 Jahre als Versuch der menschliche Rasse den Weg zum Paradies wieder zu finden. Dort wären alle Güter und Dienstleistungen verfügbar, ohne dass dafür Arbeit notwendig wäre, und niemand würde einer Erwerbsarbeit nachgehen. Weil sie aber als Arbeitslose keinen Lohn bekämen, müssten die Menschen im Paradies verhungern. In der aktuellen Debatte um die möglichen Folgen des technologischen Fortschritts könnte gelegentlich der Eindruck entstehen, wir stünden kurz davor, diesen selbstmörderischen Plan zu verwirklichen.

Pessimisten beziehen sich meist auf die Studie der US-Wissenschaftler Frey und Osborne aus dem Jahr 2013. Nach deren Einschätzung arbeiten 47 Prozent der Beschäftigten der USA in Berufen, die in den nächsten zehn bis 20 Jahren „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ automatisiert werden können. Eine Untersuchung des McKinsey Global Institute zur Automatisierbarkeit von Berufen kommt zu dem Schluss, dass nur fünf Prozent der Jobs zu 100 Prozent automatisierbar sind, aber in 60 Prozent der Berufe zumindest 30 Prozent der Aufgaben von Maschinen übernommen werden könnten.

Aber egal, welche Zahl man letztlich zugrunde legt, es steht uns wahrscheinlich ein tiefgreifender Strukturwandel bevor, vergleichbar vielleicht mit dem der Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Konnte ein bundesdeutscher Bauer noch 1950 mit seiner Arbeit nur etwa zehn Menschen ernähren, waren es fünfzig Jahre später schon mehr als 140. Gleichzeitig ging der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten von fast 25 auf nur noch zwei Prozent zurück. Dennoch hat dieser ungeheure Produktivitätsschub nicht zur Massenarbeitslosigkeit geführt. Im Gegenteil! Wir haben unzählige neue Jobs geschaffen. Millionen Menschen beschäftigen sich heute täglich mit Dingen, die sich 1950 überhaupt noch niemand vorstellen konnte – und werden dafür bezahlt.

Menschliche Intelligenz weiter fördern

Tatsächlich haben uns Maschinen im Lauf der letzten 200 Jahre vor allem monotone, schlecht bezahlte, körperlich belastende, gefährliche oder gesundheitsschädliche Arbeiten abgenommen. Und unter dem Strich hat der technologische Fortschritt bisher stets mehr neue Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet. Das gilt bislang auch für die Digitalisierung: Schon 1999 haben zwei von drei Beschäftigten in Deutschland regelmäßig mit dem Computer gearbeitet und seitdem ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Deutschland deutlich gestiegen. Warum sollte es also jetzt anders kommen? Ein Argument ist an dieser Stelle oft das rasante Tempo, mit dem sich digitale Technologien und insbesondere die Künstliche Intelligenz aktuell weiterentwickeln. Und auch ich glaube, dass wir diesmal keine 50 Jahre Zeit haben, um den Wandel zu meistern. Gleichzeitig bin ich aber auch davon überzeugt, dass wir die Zukunft nicht erleiden müssen, sondern sie gestalten können. Und damit sollten wir jetzt anfangen.

Um zu verhindern, dass Menschen tatsächlich ohne Job dastehen, müssen wir nicht nur die künstliche, sondern vor allem auch die menschliche Intelligenz weiter fördern. Zum Beispiel indem wir uns in der Schule stärker auf menschliche Stärken wie Kreativität und Kommunikation, soziale Interaktion und Problemlösungskompetenz statt auf die reine Wissensvermittlung konzentrieren. Wir müssen möglichst viele Menschen befähigen, mit intelligenten Maschinen zusammenzuarbeiten und deshalb ab sofort massiv in digitale Bildung investieren. Wir sollten aber auch darüber nachdenken, wie wir die Produktivitätsgewinne, die wir dank intelligenter Maschinen erzielen werden, gerecht verteilen: Eine Selbstverpflichtung der Unternehmen zur digitalen Qualifizierung aller Arbeitnehmer wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung.