KolumneJanina Kugel und die seltsame Debatte über Siemens

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Bei Facebook, Twitter und Instagram versammelt Janina Kugel regelmäßig eine ziemlich große Fan-Gemeinde. Deshalb war dort der Zuspruch für die scheidende Personalchefin von Siemens auch groß, die Kritik an ihrem schnellen Abgang heftig. Und weil viele Beobachter Volkes Stimme nur noch in den sozialen Medien suchen, finden sich auch in den Zeitungen und Zeitschriften erstaunlich viele positive Meldungen über die eloquente Managerin. Dagegen ist erst einmal nicht viel zu sagen: Die öffentliche Präsenz Kugels war in den letzten zwei Jahren tatsächlich enorm, ihr Pensum an Interviews und Konferenzauftritten rekordverdächtig und ihre Selbstinszenierung als Vorkämpferin für Frauenrechte und Minderheiten aller Art äußerst erfolgreich.

Aber in den vielen Abschiedshuldigungen fehlt der empirische Beweis, dass ihre eigentliche Arbeit bei Siemens ebenso erfolgreich war wie ihre persönliche Profilierung. Nun kann man einwenden: Der Erfolg von Personalvorständen lässt sich nun einmal nur sehr schwer messen. Das stimmt. Aber die wenigen objektiven Daten, die es gibt, sollte man gerade deshalb ernst nehmen. So ermitteln die Berater von Trendence zum Beispiel seit vielen Jahren unter Uni-Absolventen die beliebtesten Arbeitgeber. Unter den angehenden Ingenieuren, die für Siemens als Technologiekonzern besonders wichtig sind, nehmen jedes Mal Tausende an der Repräsentativumfrage teil. Als Janina Kugel im Februar 2015 ihren derzeitigen Job übernahm, rangierte Siemens unter den Studenten auf (dem sehr guten) sechsten Platz. Und heute? Liegt der Konzern immer noch dort. Bei BWL-Studenten kommt Siemens weiterhin nur auf einen mauen Platz 20. Von einem „phantastischen Imagewechsel“ des Konzerns, den viele Kugel-Bewunderer ausgemacht haben wollten, keine Spur.

Grandiose Auftritte, grauer Alltag bei Siemens

Auch nach innen waren die Erfolge der Personalchefin keineswegs so groß, wie viele glauben. Die Stimmung unter großen Teilen der Belegschaft ist nach zahllosen Ausgliederungen, Umstrukturierungen und Entlassungen schlecht. Die Abwicklung des Umbaus durch die Personalabteilung sorgte vor Ort wiederholt für zusätzlichen Ärger. Oft geriet Kugels Truppe durch kleinliche Sparmaßnahmen (zum Beispiel unter den Auszubildenden) unter Feuer. Und einige Betriebsräte machen sich öffentlich über die Kluft zwischen den grandiosen Auftritten der Personalchefin und dem grauen Alltag ihrer Verwaltung lustig.

Viele Aktionen der Personalchefin konnten die bodenständigen Siemensianer in Erlangen oder Offenbach zuletzt kaum noch nachvollziehen. Janina Kugel mit einem eigenen Show-Wagen auf dem Christopher Street Day in Berlin? Die linke Öffentlichkeit und die Twitter-Gemeinde lieben so etwas. Aber die Mehrzahl der Beschäftigten im Konzern? Waren wohl eher peinlich berührt als begeistert – zumal bei Siemens ja wieder einmal jede Menge Entlassungen anstehen und sehr viel Unsicherheit in der Belegschaft herrscht.

Am Beispiel Kugels sieht man, wie sich die öffentlichen Maßstäbe für die Beurteilung von Konzernmanagern in der letzten Zeit massiv verschoben haben. Politische Statements aller Art (wie bei Kugels Chef Joe Kaeser), glanzvolle öffentliche Auftritte und eine Dauerpräsenz in den Medien gelten als Ausweis unternehmerischer Leistung. Sind sie aber nicht.