KommentarJains rätselhafter Abgang

Anshu Jain und Jürgen Fitschen
Anshu Jain (l.) muss gehen, Co-Chef Jürgen Fitschen darf noch ein bisschen bleiben – Foto: Getty Images

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Anshu Jain geht, John Cryan kommt: Die Deutsche Bank bekommt zum 1. Juli einen neuen Co-Chef, der spätestens ab 2016 mit dem Abtritt Jürgen Fitschens auch alleine an der Spitze des größten deutschen Instituts stehen wird. Soweit die Fakten, für die viele einen Tag nach der Bekanntgabe eine ganze Reihe Erklärungen bereithalten: Etwa, dass allenfalls der Zeitpunkt überrasche, nicht aber der Wechsel an sich. Oder dass das schlechte Abstimmungsergebnis auf der Hauptversammlung vor zwei Wochen Jain den Kopf gekostet habe. Oder der oft propagierte, aber nie so recht vollzogene „Kulturwandel“.

Die wahren Gründe für den Wechsel liegen tatsächlich noch im Dunkeln und dürften erst in den kommenden Wochen Stück für Stück an die Öffentlichkeit gelangen. Zu groß sind die Widersprüchlichkeiten in diesem bemerkenswerten Vorgang.

Denn Jain war noch Ende April der große Gewinner bei der Deutschen Bank. Er gewann im Vorstand mehr Macht, indem er zusätzlich zu seinem Co-Chefposten die Verantwortung für die Strategie bekam – und Privatkundenvorstand Rainer Neske, Jains interner Kritiker, seinen Hut nehmen musste. Er bekam Zeit, eine „Strategie 2020“ zu entwickeln, obwohl er auch für die verfehlten Ziele der alten Strategie „2015+“ stand.

Und er bekam die volle Rückendeckung – sprich einen einstimmigen Aufsichtsratsbeschluss – für diese Strategie einschließlich der Maßnahme, die Postbank zu verkaufen. Und gerade einmal sechs Wochen später dann der Rücktritt?

Fitschen bleibt als „lame duck“

Natürlich ist es Spekulation, aber hier muss intern mehr vorgefallen sein, als lediglich eine verspätete Reaktion auf eine turbulente Hauptversammlung oder einen schwächelnden Aktienkurs. Viel mehr. Schließlich fallen derart weitreichende Personal- und Strategieentscheidungen nicht ohne enge Rücksprache mit Aufsichtsrat und Großinvestoren.

Tatsächlich gab es auf der Hauptversammlung mächtig Gegenwind für das Führungsduo Jain/Fitschen und der scheidende Privatkundenvorstand Neske war so etwas wie der heimliche Held der Veranstaltung. Tatsächlich war auch das Abstimmungsergebnis ein Desaster, denn nur 61 Prozent sprachen dem Vorstand die Entlastung aus. Beides war aber wenig überraschend – und nun gewinnt auch die Facette wieder an Bedeutung, dass sich das Abstimmungsergebnisse von Jain (60,99 Prozent der Stimmen für eine Entlastung), Fitschen (61,02 Prozent für eine Entlastung) und Neske (61,18 Prozent für eine Entlastung) kaum voneinander unterschieden.

Denn Fitschen bleibt, anders als Jain, im Amt bis zur Hauptversammlung 2016, zwar fraglos als eine „lame duck“, wie man scheidende Chefs nennt, aber: Er bleibt erst einmal. Und überhaupt wäre es töricht anzunehmen, dass die Bank nicht vorab Indikationen über eben jene Abstimmungsergebnisse gehabt hätte und auch Pläne, wie man damit umgeht.

Neuer Chef, neue Strategie?

Die Liste an denkbaren Gründen für den abrupten Abgang ist lang und natürlich spekulativ. Kann man Jain doch eine direkte Verantwortung oder gar Beteiligung an Zinsmanipulationen oder Umsatzsteuerbetrug nachweisen? Muss die Deutsche Bank womöglich doch noch einmal Kapital tanken, weil der Postbank-Verkauf mehr Probleme schafft bilanziell, als er löst, wie etwa Analysten der Société Générale schon vor Wochen vermuteten? Oder hakt es gewaltig an den Details zu den Kosteneinsparungen, die die Bank binnen drei Monaten ab Ende April nachliefern wollte und immerhin 3,5 Mrd. Euro pro Jahr umfassen?

Die kommenden Wochen werden spannend, auch wenn das Urteil am Kapitalmarkt bereits eindeutig ausfällt: Ein Kursplus von sieben Prozent am Montag früh hat das Unternehmen mal eben 2,4 Mrd. Euro wertvoller gemacht. Aber wie nachhaltig ist das? Die Deutsche Bank schien auf dem Weg, endlich einmal eine Strategie durchzufechten, personell wie organisatorisch. Das ist jetzt vorbei, nun entwickelt erst einmal John Cryan seine eigene.

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