Corona-KriseItaliens Weg in den Schuldenstaat

Ein italienischer Abgeordneter trägt eine Schutzmaske in den Farben der Landesflagge
Ein italienischer Abgeordneter trägt eine Schutzmaske in den Farben der Landesflaggedpa

Für 2020 ist Italien noch einmal gerettet. Solange Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), mit dem EZB-Nothilfeprogramm „Pandemic Emergency Purchase Programme“ (PEPP) noch Schuldtitel der Euro-Staaten für 750 Mrd. Euro aufkauft, kann Italien immerhin noch fast die Hälfte seines Kreditbedarfs decken. Bis Ende 2020 soll das Nothilfeprogramm noch laufen, bis dahin ist man in Rom also sicher vor der Zahlungsunfähigkeit.

Der Schuldenstand Italiens dürfte am Jahresende 2020 etwa 155 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen. Als Neuverschuldung sind 173 Mrd. Euro geplant, hinzukommen Anleihen, die 2020 auslaufen und erneuert werden müssen: weitere 316 Mrd. Euro. Abzüglich des „Cash“ in der Staatskasse, derzeit 13 Mrd. Euro, braucht Italien also in diesem Jahr 479 Mrd. Euro frisches Geld. In Rom geht man davon aus, dass die EZB überproportional für 220 Mrd. Euro italienische Anleihen aufkaufen wird.

Auf die eigene Kappe müsste man weitere 259 Mrd. Euro an den Finanzmärkten aufnehmen, wo italienische Anleihen gerade im Rating von Fitch auf BBB- herabgestuft wurden. Das ist nur eine Stufe oberhalb von „Junk-Bonds“, Abfall-Anleihen, was entsprechend hohe Zinsaufschläge nach sich zieht. Italien ist in seinem Schuldendilemma gefangen, doch wieso ist das Land überhaupt Europas chronischer Schuldner?

Italiener wirtschaften für sich, nicht für den Staat

Es fällt auf: In Italien herrscht ein enormer Kontrast zwischen öffentlicher Armut, staatlicher Überschuldung und privatem Reichtum. Nach dem „Global Wealth Data Book“ des Credit Suisse von Ende 2019 betrug das Netto-Vermögen eines italienischen Erwachsenen im Durchschnitt 234.139 Dollar, demgegenüber besaß ein „reicher“ Deutscher Erwachsener im Mittel nur 216.654 Dollar. Die italienischen Familien sind zu 80 Prozent Eigentümer ihrer Wohnungen, bedienen Zins und Tilgungsraten der Hypotheken präzise.

Wie passt das zu einem Staat, gebildet aus denselben Bürgern, der aber seit Anfang der 70er-Jahre fast durchgängig ins Minus wirtschaftet? Der Ökonomieprofessor Sandro Brusco antwortet sehr knapp, „das ist tatsächlich ein Grundproblem Italiens. Als Erklärung fällt mir dazu nur ein Begriff ein: Der amoralische Familismus“.

Der „amoralische Familismus“ ist ein Begriff, den der amerikanische Anthropologe Edward C. Banfield 1955 geprägt hat, nachdem er die Beziehung zwischen Familien und Gemeinwesen, dem italienischen Staat untersucht hat. Er fand damals eine „selbstorientierte, Familien-zentrierte Gesellschaft, in der familiäre Interessen grundsätzlich über die der Gesellschaft“ gestellt wurden – eine Gesellschaft, in der Gemeinsinn eher ein Nachteil ist.

Mit Sozialleistungen gegen Sowjet-Sympathisanten

Als Banfield den Begriff des „amoralischen Familismus“ prägte, war Italien übrigens mit 30 Prozent sehr gering verschuldet. Der Kriegsschulden hatte man sich durch eine Hyperinflation von bis zu 350 Prozent in den Jahren bis 1947 entledigt. Nach 1948 war Italiens Politik vorbildlich solide. Niedrige Inflation, hohes Wachstum, fester Wechselkurs von 625 Lire pro Dollar. Bis Ende der 60er-Jahre war die Steuerquote Italiens niedrig und die Verschuldung blieb vor 1971 unter 41 Prozent, bei einem Wirtschaftswachstum von real 6 Prozent.

Es geschah 1968, dass das Schulden-Drama seinen Lauf nahm. Als Antwort auf die sozialen Revolten erhöhte Rom deutlich die Sozialausgaben, jedoch ohne entsprechende Steuereinnahmen zu haben. Das war politisch gerade von den USA gewollt. Italien hatte die größte Kommunistische Partei des Westens, war aber zugleich der Vorposten der Nato im Mittelmeer. Das Land durfte auf keinen Fall unter sowjetischen Einfluss „fallen“, so die politische Logik damals.