ParlamentswahlItalien hat Wachstum verlernt

Italien durchlebt wirtschaftlich schwere ZeitenGetty Images

Die Pizzeria von Gianni Angelilli liegt im Zentrum Roms. Er verwendet eine innovative Teigmischung, greift zu flexiblen Zubereitungsmethoden und bekommt phantastische Kritiken. Zufrieden ist er nicht: Italien sei zu bürokratisch, die Einheimischen hätten kein Geld und sein Ehrgeiz sei nicht mehr so groß wie früher, sagt Angelilli. Wenn er neue Filialen eröffne, dann nur noch im Ausland. „Ausländer haben mehr Lust auf gutes Essen als Italiener“, sagt er. „Italien ist tot. Italien ist finito.“

Das Land ist stolz auf seine Kreativität, doch die Wirtschaft erholt sich von den Turbulenzen der letzten Jahre langsamer als das übrige Europa. Kern des Problems ist ein schwaches Produktivitätswachstum, wodurch Italien im letzten Vierteljahrhundert den Anschluss an eine sich rasch wandelnde Welt verloren hat.

Die steigende Produktivität der Nachkriegszeit verwandelte Italien von einem weitgehend armen und agrarisch geprägten Land in einen der weltweit führenden Industriestandorte. Dann, in den frühen 1990er-Jahren, kam der Motor zum Stillstand und Italien verlor an Effizienz bei der Bereitstellung von Kapital und Arbeitskraft, wie Produktivitätsdaten zeigen. Folglich hat das Wirtschaftswachstum seither schmerzlich an Tempo verloren.

Die italienische Wirtschaft ist während der europäischen Schuldenkrise zu Beginn dieses Jahrzehnts stark geschrumpft. Ein verspäteter Aufschwung, der sich jetzt vollzieht, brachte 2017 ein Wachstum von 1,5 Prozent – was aber immer noch ein voller Prozentpunkt weniger ist als in der Eurozone insgesamt. Und das Wachstum reicht nicht aus, um das allgegenwärtige Gefühl des nationalen Niedergangs zu vertreiben. Viele europäische Entscheidungsträger sehen in der Stagnation Italiens die wahrscheinlichste Ursache für eine künftige Krise in der Eurozone, auch wenn die gemeinsame Währung vorerst stabil aussieht.

Chaos in Italiens Politik

Das Produktivitätsproblem Italiens ist zum Teil auf eine dysfunktionale Regierung und zum Teil auf festgefahrene Geschäftsgepflogenheiten zurückzuführen, so die Forscher der von der italienischen Zentralbank finanzierten Denkfabrik Einaudi Institute for Economics and Finance.

Die italienische Politik ist seit dem Zusammenbruch des alten – während des Kalten Krieges weitgehend stabilen – Parteiensystems durch die Korruptionsskandale Anfang der 90er-Jahre chaotischer geworden. Daten des Einaudi-Ökonomen Luigi Guiso und anderen zeigen, dass Koalitionen seit 1992 eher zerfallen, Abgeordnete abtrünnig werden und Regierungen immer häufiger die Vertrauensfrage im Parlament stellen müssen. Politiker im Ringen um öffentliche Aufmerksamkeit bringen immer öfter langwierige und kompliziertere Gesetzesverfahren in Gang.

„Die Auswüchse haben die bürokratische Maschinerie durcheinander gebracht“, sagt Guiso. „Das Land ist schwerfällig geworden.“ Paradoxerweise habe die Schwäche der Politik die öffentliche Verwaltung mächtiger gemacht, sie sei aber gleichzeitig durch ständige Gesetzesänderungen bewegungsunfähig gemacht worden.

Guiso verfügt über praktische Erfahrungen. Er hilft beim Aufbau eines von der Regierung geförderten Programms zur Entsendung junger Italiener in die USA, die dort mehr über das Unternehmertum im Silicon Valley erfahren und an US-Business Schools lernen sollen. Guisi erzählt, italienische Beamte hätten eine Ausschreibung veröffentlicht, um US-Organisationen zur Teilnahme an dem Programm einzuladen – allerdings nur auf Italienisch. Nach viel Überzeugungsarbeit hätten die Beamten zugestimmt, die Ausschreibung auch auf Englisch zu veröffentlichen. Laut Guisi bestanden sie jedoch darauf, dass alle Bewerbungen in italienischer Sprache eingereicht werden müssen. Freunde von ihm aus der Politik hätten sich entschuldigt, aber zugleich auch deutlich gemacht, dass sie in der Sache nichts tun könnten.