Mitnahmeeffekte Inflation als Ausrede für Preiserhöhungen? Verbraucherschützer warnen vor Wucherpreisen

Eine Preisanzeige an einer Tankstelle
Hohe Preise an Tankstellen - doch wie gerechtfertigt sind sie? Verbraucherschützer befürchten, dass Firmen die hohe Inflation als Ausrede für Preiserhöhungen nutzen
© IMAGO/Arnulf Hettich
Die Inflation verteuert viele Güter und Dienstleistungen. Doch einige Preissteigerungen seien betriebswirtschaftlich nicht zu rechtfertigen, sagen Verbraucherschützer. Vor allem der Energiesektor sei betroffen

Corona, die Niedrigzinspolitik der EZB und nun auch noch der Ukraine-Krieg: Gleich mehrere Faktoren haben die Inflationsrate zuletzt in die Höhe getrieben. Doch einige Preissteigerungen seien betriebswirtschaftlich überhaupt nicht zu erklären, moniert die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Sie vermutet, dass manche Unternehmen die Inflation als Ausrede nutzen, um überhöhte Preise durchzudrücken. Ökonomen nennen das „Mitnahmeeffekte“.

„Die aktuellen Rahmenbedingungen sind klassisch für Mitnahmeeffekte“, sagt Verbraucherschützer Matthias Bauer. Der Energieexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg beobachtet das vor allem bei Stromverträgen. Als zum Jahreswechsel etliche Billigstrom-Anbieter aus dem Markt schieden, fielen tausende Kunden in die Ersatzversorgung. Schnell splitteten viele Grundversorger ihre Tarife: Während Bestandskunden etwa weiter 35 Cent für eine Kilowattstunde Strom zahlten, mussten neue Kunden 1,07 Euro hinlegen. Nachdem Verbraucherschützer und Politik Druck machten, fiel der Preis von 1,07 Euro auf 50 Cent. „Das kann man dann nicht mehr nachvollziehen“, sagt Bauer. Ähnlich sei es mittlerweile bei Kraftstoffen und Lebensmitteln.

Keine besonders hohe Bedeutung für Inflation

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erreichen immer wieder Beschwerden über mögliche Mitnahmeeffekte: „Das ist historisch betrachtet ein bekanntes Phänomen. In Zeiten, in denen die Nachfrage kräftig ist, nutzen Unternehmen Spielräume für Preiserhöhungen aus“, erklärt Guido Baldi. Der DIW-Ökonom warnt aber davor, den Effekt zu überhöhen. „Ich würde nicht davon ausgehen, dass das Phänomen eine besonders hohe Bedeutung für die aktuelle Inflationsentwicklung hat.“ Hier liegen die Probleme tiefer, meint Baldi: In den Lieferketten, im Ukraine-Krieg oder in der chinesischen Zero-Covid-Strategie und daraus resultierenden Lieferengpässen.

Ähnlich sieht das Hermann Simon. Der Unternehmensberater gilt als führender Preisentwickler in Deutschland und glaubt nicht, dass Unternehmen die Lage ausnutzen, um extra Kasse zu machen. „Ich halte den Vorwurf für Blödsinn“, so Simon gegenüber Capital. Die Preise der Unternehmen bilden sich aus den Kosten. Und diese Kosten könne man gar nicht wirklich beobachten. Er kenne auch kein Unternehmen, das derzeit nicht von Kostensteigerung betroffen sei. Simons Fazit: „Ich halte Mitnahmeeffekte vom Ausmaß her für völlig unbedeutend.“

Tatsächlich ist auch Verbraucherschützer Bauer in diesem Punkt vorsichtig. Grundsätzlich herrsche in Deutschland Preisautonomie, und das sei auch wichtig. Bei den Mitnahmeeffekten ginge es um einzelne Produkte und Branchen, nicht um die gesamte Volkswirtschaft. Ärgerlich sei das aus Verbrauchersicht trotzdem. In der Energiewirtschaft seien Gewinnmitnahmen in einigen Fällen sogar offensichtlich. Bauer wird zum Beispiel stutzig, wenn einige Anbieter – zum Beispiel Stadtwerke – weiter bei ihren Bestandspreisen bleiben, andere hingegen nicht. „Für Verbraucher sind Mitnahmeeffekte schlicht nicht nachzuvollziehen. Eigentlich müssten die Bundesnetzagentur oder Kartellbehörden stärker darauf achten. Die haben die passenden Instrumente dafür“, meint Bauer.

Die Diskussion über Mitnahmeeffekte treibt auch die Politik um. Grünen-Chefin Ricarda Lang fordert inzwischen eine sogenannte „Übergewinnsteuer“. Die Idee dahinter: Wer von der Krise profitiert, soll mehr Geld an den Staat zahlen. Wie genau sie einen Übergewinn definiert, sagte Lang allerdings nicht. Klar ist aber, dass das nicht ohne Markteingriff funktionieren würde.

Markteingriffe: Dann werden sie notwendig

Ein Markteingriff sollte nie das erste Mittel sein, darin sind sich alle Ökonomen einig. Unter einigen Voraussetzungen halten aber auch sie einen Eingriff für notwendig. Grob vereinfacht sind es drei: erstens, Größenvorteile von Unternehmen – sprich: Monopolbildung; zweitens, entstehende Kosten durch ein Unternehmen für andere – beispielsweise durch Umweltschäden („externe Kosten“); und drittens: unterschiedliche Informationsstände, auch „Informationsasymmetrien“ genannt.

Vor allem der letzte Punkt könnte im Fall der Mitnahmeeffekte interessant werden. In vielen Branchen lassen sich Preise mittlerweile leicht vergleichen, aber eben nicht in allen – und auch nur solange die Produkte identisch sind. Etwa bei Benzin oder Elektrogeräten. Bei Lebensmitteln oder Restaurants wird der Vergleich schon schwieriger. Und so sagt auch DIW-Ökonom Guido Baldi: „Informationsasymmetrien spielen bestimmt eine wichtige Rolle. Wenn diese hoch sind und die Kunden die Kostensituation eines Unternehmens schwierig einschätzen können, haben Unternehmen mehr Spielraum in der Preissetzung.“

Liegen Informationsasymmetrien vor, werden Wettbewerbsbehörden aufmerksam. Sie verlangen dann zusätzliche Informationen und im weiteren Verlauf möglicherweise, dass Unternehmen nur bis zu einer Rendite Geld verdienen dürfen. Dafür sind aber bewusst hohe Hürden gesetzt. „Schwerwiegende Marktversagen, die neu aufgetaucht sind, sehe ich momentan nicht. Was man sieht ist, dass der Preismechanismus durchaus greift“, sagt Baldi. So verlor der Lebensmitteleinzelhandel laut Statistischem Bundesamt acht Prozent Umsatzvolumen, die Tankstellen nahmen 11,5 Prozent weniger ein. Wer nicht fahren muss, lässt das Auto offenbar häufiger stehen.

Dass die Menschen immer freiwillig verzichten, glaubt Verbraucherschützer Bauer allerdings nicht. „Es ist einfach gesagt: Wenn der Markt die Preise hergibt, warum sollte man dann eingreifen. Das Problem sind aber die Pendler, die fahren müssen. Oder die schwächeren Haushalte, die es nicht kalt haben wollen.“ Bei diesen Menschen greife der Preismechanismus nicht. Sie haben am Ende des Monats einfach weniger Geld zur Verfügung.


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