Weltwirtschaft Inflation, Energiekrise, Rezession: Back to the Seventies

Fed-Präsident Jerome Powell gestikuliert
Schwierige Gemengelage: Fed-Präsident Jerome Powell verkündete diese Woche, dass die Leitzinsen angehoben werden
© IMAGO / Xinhua
Die Notenbanken reagieren auf die hohe Inflation, die Zinsen steigen. Endlich, denken viele – doch die Kehrtwende verspricht keine Rückkehr zur Normalität

Vielleicht kennen Sie das Gefühl von einer Wanderung in den Bergen: Sie sind auf einem schmalen Grat unterwegs, links geht es steil runter, rechts geht es steil runter, und Sie müssen immer weiter geradeaus den Berg hoch. Nur ein kleiner Fehltritt, ein Stolperer über einen blöden Stein, und …, weiter will niemand denken. So in etwa müssen sich in diesen Tagen Notenbanker fühlen, wenn Sie über die kommenden Monate nachdenken.

„Es wird nicht einfach“, sagte der Chef der US-Notenbank Federal Reserve, Jerome Powell, am Mittwoch dieser Woche. „Die Inflation ist viel zu hoch“, räumte er ein. Doch die US-Konjunktur sei in einer komplizierten Lage: Das Wachstum habe sich zu Jahresanfang deutlich abgeschwächt, zugleich sei der private Konsum aber nach wie vor stark und der Arbeitsmarkt so leergefegt wie nie zuvor – zwei Gründe für den extremen Preisauftrieb, den die Amerikaner gerade erleben: bei 8,5 Prozent liegt die Inflationsrate inzwischen, der höchste Wert seit 50 Jahren. Er wolle dafür sorgen, dass die US-Wirtschaft zwischen diesen beiden Extremen eine „sanfte Landung“ hinbekomme, aber Powell sagte auch: „Ich gehe davon aus, dass das eine große Herausforderung wird.“

Die Zinswende, seit Monaten erwartet, von vielen auch ersehnt, ist da – wir sind schon mittendrin. Die Fed erhöhte den Leitzins in dieser Woche gleich um 0,5 Prozentpunkte, der kräftigste Aufschlag seit dem Jahr 2000. Er liegt nun bei 0,75 bis 1 Prozent. Kurz vor der Fed-Entscheidung stellte auch Isabell Schnabel, deutsches Mitglied im Rat der Europäischen Zentralbank, in einem Zeitungsinterview eine rasche Zinserhöhung im Euroraum in Aussicht. Schon auf seiner Sitzung Anfang Juli könne der EZB-Rat eine erste Zinserhöhung beschließen, sagte Schnabel in ungewohnter Offenheit. Zuletzt waren die meisten Beobachter eher von Anfang September ausgegangen. Und mehr noch, die Zinsschritte müssten auch nicht langsam und zaghaft erfolgen, sondern sie könnten durchaus schnell und kräftig ausfallen, so Schnabel.  

Es droht eine Rezession

Doch was nach einer längst überfälligen Rückkehr zur Normalität klingt – ein Zustand der Wirtschaft, in dem Schuldner wieder etwas zahlen müssen, wenn sie sich Geld leihen wollen, und Gläubiger tatsächlich auch etwas dafür bekommen, wenn sie anderen Leuten ihr Geld leihen –, wird eher eine Rückkehr in eine ziemlich schwierige Vergangenheit. Vieles erinnert im Moment an die 70er-Jahre, jene Zeit, als die Ölpreise erstmals sprunghaft anstiegen, die Wirtschaft abwürgten und eine breite Inflationswelle auslösten.

Tatsächlich stehen die großen Volkswirtschaften der Erde – die USA ebenso wie China und Europa – sogar kurz vor dem Absturz in die Rezession. Die US-Wirtschaft schrumpfte im ersten Quartal dieses Jahres um 1,4 Prozent – hochgerechnet auf das gesamte Jahr. Der Wert war zwar überzeichnet durch einige statistische Effekte, zeigt aber, wie wackelig die stärkste Volkswirtschaft der Welt gerade unterwegs ist.

Weitaus schwieriger noch dürfte die Lage in China sein. Wirklich zuverlässige Aussagen über die Stimmung dort sind kaum noch möglich, seit die wichtigsten Metropolen des Landes aus Angst vor dem Coronavirus quasi abgeriegelt sind. In den Nachrichten sehen wir Drohnenaufnahmen verwaister Städte und Straßen, und in den sozialen Netzwerken verwackelte Handybilder verzweifelter und hungernder Menschen, die hinter hohen Metallzäunen vor ihren Wohnkomplexen auf die Verteilung von Essenstüten warten. Vor den Häfen stauen sich die großen Containerschiffe, die nicht be- und nicht entladen werden – das wirtschaftliche Leben ist in den wichtigsten Wirtschaftsregionen des Landes weitgehend zum Erliegen gekommen. Passend dazu fallen die wenigen Daten aus, die man aus dem Land bekommt: Die beiden wichtigsten Frühindikatoren für die chinesische Industrie, die Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe, sind im April weiter gefallen und liegen inzwischen deutlich im Rezessionsbereich.

Leben in zwei Welten

Und Europa? Seriöse Aussagen über die wirtschaftliche Entwicklung sind praktisch nicht mehr möglich. Am ehesten lässt sich vielleicht sagen: Wenn alles so bleibt wie es ist, muss es gar nicht so schlimm kommen. Unter dieser Annahme hat die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr von 3,6 auf 2,2 Prozent gesenkt. Einen ersten Eindruck von der Lage in der deutschen Industrie lieferte am Donnerstag das Statistische Bundesamt: Die Industrieproduktion sank im März gegenüber dem Vormonat um 3,9 Prozent, die neuen Aufträge gingen sogar um 4,7 Prozent zurück. 

Sollte Russlands Präsident jedoch in den kommenden Wochen Europa auch noch das Gas komplett abdrehen, droht ein Lockdown für weite Teile der Industrie, gegen den das Corona-Frühjahr 2020 wie das blühende Leben aussah: Tausende Industriebetriebe müssten dann wohl ihre Produktion drosseln oder ganz stilllegen – ein Szenario, dessen Ausmaß und Folgen sich derzeit nur ansatzweise erahnen lassen. Statt zwei Prozent Wachstum hätten wir dann eine Rezession von zwei bis vier Prozent minus, sagt die Bundesbank. Wenn es gut läuft.

Die Eurozone lebt derzeit in zwei Welten gleichzeitig: In der einen läuft die Wirtschaft noch einigermaßen normal, ächzt allenfalls unter der auch hier hohen Inflation und den dramatisch gestiegenen Preisen für Öl und Gas; und in der anderen tagen täglich Krisenstäbe in Unternehmen, Behörden und Ministerien, um sich auf eine ganz neue Welt vorzubereiten: eine Mangel- und Kriegswirtschaft, in der Behörden darüber entscheiden, wer noch was produzieren darf. Es ist die Schizophrenie eines Krieges, der zwar fast 2000 Kilometer weit weg tobt, dessen Folgen uns aber Tag für Tag mehr treffen. 

Akt der Notwehr

In dieser Lage sind Zinserhöhungen nicht die lang ersehnte Normalisierung – sie sind eher ein Akt der Notwehr, mit erheblichen Risiken und Kollateralschäden. Die Reaktionen der üblichen Experten und Analysten diese Woche erstreckten sich von „das reicht alles gar nicht“ bis „Obacht, jetzt überziehen sie“. Die Märkte reagierten zunächst euphorisch (mehr als zwei Prozent plus, weil Powell noch kräftigere Zinsaufschläge ausschloss), um tags darauf um mehr als drei Prozent abzustürzen (weil die Zinsen doch ganz schön schnell steigen könnten). So dürfte es noch eine ganze Weile weitergehen.

Wir wissen nicht, wie dieses Experiment ausgeht. Aber wenn aus ganz unterschiedlichen Richtungen alle sagen, dass es so auf keinen Fall geht, dann liegen die Notenbanker mit ihrem Kurs gerade wahrscheinlich ganz gut in der Mitte. Das ist vielleicht das Beste, was man in dieser Zeit und unter diesen Umständen erwarten kann.


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