Podcast Infineon-Chef Ploss: „Wir sind eine strategische Industrie geworden“

Infineon-Chef Reinhard Ploss
Infineon-Chef Reinhard Ploss
© IMAGO / Sven Simon
Milliarden für europäischen Mega-Fabriken, geplatzte Übernahmen und Lieferengpässe – die Chipindustrie ist mächtig in Bewegung. Infineon-Chef Reinhard Ploss begrüßt, dass Europa für eine eigene Digitalindustrie kämpfen will

Die Chipindustrie wird immer politischer, sie gilt als Schlüsselindustrie. Nicht nur Deals wie zwischen den Wafer-Herstellern Siltronic und Globalwafers werden verhindert. Mit dem europäischen „Chips Act“ will die EU insgesamt 43 Milliarden investieren, um in Europa Megafabriken hochzuziehen und den Marktanteil auf 20 Prozent zu verdoppeln. „Halbleiter sind auf globaler Ebene zu einer strategischen Industrie geworden“, sagte Reinhard Ploss, seit 2012 Chef von Infineon, im Podcast „Die Stunde Null.“ „Fast alle Länder versuchen, ihre heimischen Unternehmen mit staatlicher Unterstützung voranzubringen, sei es mit Investitionen oder einer roten Linie bei Fusionen und Übernahmen.“

Insofern zeigte sich Ploss weder von der blockierten Siltronic-Übernahme überrascht noch von staatlichen Investitionen, die er befürwortet: „Ganz grundsätzlich gesagt, kann es sich Europa nicht erlauben, seine Digitalindustrie zu verlieren und auf andere Zulieferer angewiesen zu sein. Halbleiterhersteller wissen sehr genau, wie die Produkte funktionieren, in denen ihre Chips verbaut sind. Es wäre nicht ratsam, dieses Wissen aus der Hand zu geben.“ Er wollte die Causa Siltronic nicht kommentieren, sagte aber. „Ich klatsche Beifall, wenn in Deutschland das Bewusstsein wächst, wie wichtig eine eigene Digitalindustrie ist. Da gibt es ja noch einiges zu tun.“

Der Chipmangel wird nach Erwartung des Infineon-Chefs noch andauern: „Wir gehen davon aus, dass wir weit ins Jahr 2022 hinein mit Engpässen leben müssen. In unsere eigene Fertigung haben wir sehr viel investiert und Kapazitäten aufgebaut. Für die Mehrheit der selbstgefertigten Produkte sollten wir daher bis in den Sommer lieferfähig sein. Bei all den Produkten, bei denen wir mit Auftragsfertigern arbeiten, wird es noch dauern, bis weit in dieses Jahr hinein.“

Unter der Führung von Ploss haben sich Umsatz und Aktienkurs verzehnfacht, aus einem kriselnden Unternehmen ist einer der führenden zehn Halbleiterhersteller geworden, der zuletzt 11 Milliarden umsetzte. Warum braucht es nun Steuergelder und „Chips Acts“? „Wenn Sie schauen, welche Spieler dort sonst noch vertreten sind, gibt es noch einiges zu tun entlang der gesamten Wertschöpfungskette, bei Anwendungen und Technologien“, sagte Ploss. „Das werden wir als Infineon nicht allein leisten können, wir haben nicht die Bandbreite der Produkte. Wir brauchen ganz klar eine konzertierte Aktion, wobei wir als Unternehmen natürlich gerne dazu beitragen. Das kann beispielsweise mit Kooperationen im Bereich Forschung und Entwicklung sowie Ausbildung und Qualifizierung beginnen.“

Die Ziele der Bundesregierung, Deutschland „zum globalen Standort der Halbleiterindustrie“ zu machen, bewertete der Infineon-Chef, der Ende März seinen Posten abgeben wird, zurückhaltender: „Man muss sich ehrgeizige Ziele setzen, um voranzukommen. Ob wir jetzt zum globalen Hub werden, sei mal dahingestellt. Die Älteren werden sich aber vielleicht erinnern, dass wir sogar einmal Computerhersteller hatten. Man könnte also in Branchen, die hier verschwunden sind, durchaus wieder Kompetenzen aufbauen.

Hören Sie in der neuen Folge von „Die Stunde Null“:

  • Was Reinhard Ploss von einer „Fehlerkultur“ hält – und wie er es bei Infineon anders gemacht hat
  • Wie seine Bilanz nach zehn Jahren an der Spitze ausfällt
  • Was über ihn einmal auf Wikipedia stehen soll

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