KommentarHohles Pathos nach dem Terror

Es gibt, vielleicht zum ersten Mal, einen Grund, Matthias Opdenhövel dankbar zu sein. Der ARD-Mann, für gewöhnlich ein launiger Wegmoderierer von allem und jedem, hatte am Freitagabend eigentlich den Auftrag, ein Fußball-Länderspiel in Paris zu beplaudern. Spätestens nach dem zweiten Explosions-Knall außerhalb des Stadions hatte sich diese Aufgabe erledigt. Und Opdenhövels Reaktion war: Ratlosigkeit. Gemeinsam mit dem sichtbar verstörten Mehmet Scholl brachte er die Sendung irgendwie zu Ende, aber es war sichtbar, dass er sich eigentlich weit, weit weg wünschte.

Es war angesichts dessen, was während des Spiels in Paris geschah, eine zutiefst menschliche Reaktion.

Opdenhövels Ausfall ist auch deswegen so bemerkenswert, weil er sich wohltuend abhebt von der Empathie- und Solidaritätsmaschinerie, die gefühlt schon während der Anschläge von Paris angeschmissen wurde. Mit einer beängstigenden Routine entstehen zuverlässig nach jedem Terrorakt Logos, Hashtags und Mitgefühl-Slogans. Beschleunigt durch die Ich-bin-auch-dabei-Funktionen des Internets rollt so eine Welle der Pseudo-Beteiligung, die sich an sich selbst berauscht. Worte wie Freiheit, Werte und Leben machen in so irrwitzigem Tempo die Runde, dass niemand mehr erklären muss, was genau er eigentlich damit meint.

Gebäude werden in den Farben Frankreichs angestrahlt, die Marseillaise, eine blutrünstige Hymne, wird gesungen, und natürlich wird auch das wieder millionenfach gepostet, weitergeleitet, geliked. Nach spätestens 24 Stunden mündet das Erschrecken über den Terror in eine globale Party, auf der die, die diesmal mit dem Leben davon gekommen sind, sich ihrer selbst vergewissern.

Auf lautstarke Weise nichts tun

Natürlich ist das verständlich. So wie einst Wanderer im dunklen Wald vor sich hin pfiffen, um ihre Angst zu vertreiben, so braucht heute die Internet-Welt ihre Hashtags. Wenn aber die Pause ausbleibt, die echte Trauer eigentlich braucht und der Terror ohne Punkt und Komma gleich in seine netzkompatible Verarbeitung übergeht, dann ist das verstörend. Es wirkt, als richte sich die Welt ein mit der Gewalt. Die Mitgefühl-Maschine ist dann nichts anderes als ein Weg, auf möglichst lautstarke Weise nichts zu tun.

Übertroffen wird das hohle Pathos der Solidarität diesmal noch von der Bereitschaft von Politikern und vielen Medien, das Wort „Krieg“ zu verwenden – oder gar den „Dritten Weltkrieg“ auszurufen. Wenn Regierungen von Krieg sprechen, das ist eine alte Wahrheit, dann tun sie es meistens, um sich Sonderrechte zu genehmigen, um geltende Regeln auszuhebeln. Und darauf sollten Bürger immer äußerst wachsam reagieren. Dass Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande einen monatelangen Ausnahmezustand und den Krieg gegen den Islamischen Staat ausruft, ist politisch nachvollziehbar. Es ist aber auch beunruhigend, dass eine freiheitsliebende Gesellschaft wie die französische sich davon einfach überrumpeln lässt. Und es ist noch beunruhigender, wenn befreundete Staaten und vor allem Medienvertreter diese Sprache einfach übernehmen. Denn was ist die nächste Eskalationsstufe, wenn diese Anschlagsserie ein Krieg ist?

Die böse Wahrheit, die hinter den großen Worten von Freiheit und Kampf steht, ist: Niemand, wirklich niemand weiß, wie eine offene Gesellschaft dieser Art von Terror begegnen soll. Dass es nicht reichen wird, einfach weiter zu tanzen, dämmert vielen, aber was stattdessen geschehen soll, ist ein großes Rätsel. Selbst Sahra Wagenknecht dürfte klar sein, dass die USA jetzt irgendwie mal nicht wirklich schuldig sind an der ganzen Sache. Weder Joachim Gauck noch Francois Hollande sind bereit, in den von ihnen verkündeten Krieg auch wirklich zu ziehen. Und auch Marine Le Pen weiß, dass Grenzkontrollen und Zäune die Gewalt nicht verhindern werden.

Allen gemeinsam ist: Ratlosigkeit. Und das gezeigt zu haben, ist das große Verdienst von Matthias Opdenhövel.