KommentarHeinz Hermann Thiele: drei Firmen und ein Todesfall

Heinz Hermann Thiele ist überraschend gestorbendpa

Heinz Hermann Thiele hatte sich noch was richtig Großes vorgenommen. Vor einem Jahr, Anfang März 2020, stieg der Multimilliardär bei der Lufthansa ein. Die Corona-Welle schwappte gerade erst auf Europa über. Die frühzyklischen Airline-Aktien stürzten sofort in den freien Fall. Thiele kaufte sich knapp vier Prozent des damals noch im Dax notierten Lufthansa-Konzerns. Der Wert der Papiere rieselte zusehends dahin. Luftverkehrs-Analysten antizipierten reflexartig: der Kurs würde wie nach 9/11, wie nach SARS, wie nach jedem Terroranschlag und wie nach jeder großen Wirtschafts- und Finanzkrise mit Auswirkung auf die globalen Reiseverkehrsströme auf Talfahrt gehen. So war es und so blieb es. Niemand wusste wie lange und wie nachhaltig dieser Einbruch sein würde. Aber Thiele kaufte weiter zu, selbst als Fluglinien nur noch mit Milliarden an Staatshilfen gerettet werden konnten (was er bei der Lufthansa mit zermürbenden Querschüssen noch verhindern wollte).

Lufthansa Aktie

Lufthansa Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Was trieb Thiele an? Was wollte dieser Mann, der sich vom Patent-Sachbearbeiter zum Vorstandschef und Mehrheitseigentümer des weltweit führenden Bremsenherstellers Knorr-Bremse hochgekämpft hatte? Welche Aufmerksamkeit brauchte er noch, nachdem er schon in einer öffentlichen Schlacht die Mehrheit am Bahntechnik-Konzern Vossloh ergriffen hatte? Warum musste er nun ausgerechnet noch bei der Lufthansa, dieser bekannten, aber wahnsinnig volatilen Marke mitmischen? Welchen Plan verfolgte der umtriebige Jurist, der als Deutschlands härtester Unternehmer galt?

Thiele, ein Patriarch wie aus dem Lehrbuch, hatte auch mit Ende 70 noch nicht ans Aufhören gedacht. Statt geordnetem Rückzug, schaltete er immer wieder auf Attacke. Nicht nur bei der Lufthansa mischte er sich ein, auch bei Knorr Bremse drängte er noch mal in den Aufsichtsrat zurück.

Knorr-Bremse Aktie

Knorr-Bremse Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Thiele verfolgte eine Agenda, die wohl wenige nachvollziehen und der wenige folgen wollten. Aber was folgt auf Thiele, der nun überraschend, wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag gestorben ist? Selbst wenn der Nachlass formell geregelt sein sollte (was selbst bei vermögenden Menschen nicht immer gut durchdekliniert ist), müsste es auch noch den Erben oder die Erbin geben, der oder die seinen Plan ideell fortführen. Danach sah es bislang nie aus. Somit bleibt den drei Unternehmen, an denen er große Anteile hält, eine Phase mit weniger Widerstand eines außergewöhnlich streitbaren Investors. Es wird spannend für alle beteiligten Parteien, den Tausenden Mitarbeitern in den Unternehmen, dem Management und weiteren Investoren, wie dieses Vakuum gefüllt werden wird.

 


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