KolumneDer Brexit und das Chlorhühnchen

Das Chlorhühnchen ist zum Symbol für die europäische Diskussion um internationale Handelsabkommen geworden. Das gilt nicht nur für die deutsche Diskussion über das (inzwischen wohl beerdigte) Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) zwischen der Europäischen Union und den USA. Jüngst wurde es auch zum Thema in der britischen Diskussion zwischen Außenhandelsminister Liam Fox und Umweltminister Michael Gove. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass beide dem Brexit-Flügel der regierenden Konservativen angehören.

Worum ging es im Kern? Während Liam Fox seinen Unmut darüber bekundete, dass die Presse mit dem Chlorhühnchen ein „kleineres Detail“ eines möglichen Handelsabkommens zwischen Großbritannien und den USA zu einem Elefanten mache, sprach Michael Gove davon, dass man keinesfalls die Aushöhlung britischer Gesundheits- und Umweltstandards im Rahmen eines Abkommens akzeptieren könne.

Die ganze Debatte zeigt aus meiner Sicht zweierlei: Erstens geht es bei Handelsabkommen heute kaum noch um Zölle, sondern um Regulierungsstandards. Zweitens macht sich die britische Regierung nach wie vor Illusionen über den Umgagn mit Handelsverträgen nach dem Brexit.

Produktstandards sind wichtiger als Zölle

Grundsätzlich gilt bei Handelsabkommen: Unter dem Regelwerk der Welthandelsorganisation sind Zölle multilateral wie auch regional fast vollkommen irrelevant geworden. Für den Marktzugang im jeweiligen Ausland aber nach wie vor höchst relevant ist die Frage, welche Produktstandards auf dem jeweiligen Absatzmarkt gelten. Zur Veranschaulichung: Muss ein Unternehmen für jeden seiner Absatzmärkte nach unterschiedlichen Standards produzieren, sind die jeweiligen Produktionsmengen kleiner und aufgrund von fehlenden Skaleneffekten die Produktionskosten überproportional höher. Entsprechend wichtig ist inzwischen die wechselseitige Normanerkennung in Freihandelsabkommen.

Im spezifischen Fall Großbritanniens gibt es von Seiten der meisten Brexit-Befürworter die Idee, man könne hier zügig bilaterale Freihandelsabkommen mit der EU und Drittstaaten (wie eben den USA) abschließen und gleichzeitig die Souveränität bei der Normsetzung behalten. Wie das Beispiel der Chlorhühnchen zeigt, ist das aber eine Illusion. Beschränkt man sich hierbei rein auf Zölle, so bleiben die Absatzchancen britischer Produktionsstätten nach einem EU-Austritt im Ausland nachhaltig beschränkt, da man dann jeweils nur in sehr kleinen Mengen und somit nicht preislich wettbewerbsfähig produzieren kann.

Das Chlorhühnchen hat darüber hinaus auch noch eine weitere Implikation für Großbritannien. Einmal angenommen, die Briten schaffen es tatsächlich, mit den USA ein Freihandelsabkommen zu schließen, welches dann auch die Anerkennung des Chlorhühnchens als Produktionsverfahren umfasst. Die logische Konsequenz wäre, dass bei Fehlen eines entsprechenden Abkommens zwischen der EU und den USA sämtliche Lebensmittelexporte aus Großbritannien in die EU Sonderkontrollen und einer gesonderten Dokumentation der Produktionswege unterliegen würden. Damit könnte ein gesondertes Abkommen zwischen Großbritannien und den USA sehr schnell mit einem Binnenmarktzugang inkompatibel werden.

Es ist wohl leider nach wie vor so, dass die Briten sich einigen Illusionen darüber hingeben, wie leicht sich der Brexit bewerkstelligen lässt. Erstens: Handelsabkommen sind heute mit Normanerkennung und damit der Abtretung von Souveränität verbunden. Zweitens: Großbritannien wird gegenüber der EU, den USA oder China immer der kleinere Partner sein und eher deren Normen übernehmen müssen, als seine eigenen durchsetzen zu können. Drittens: Bei vielen bilateralen Abkommen wird Großbritannien das Problem haben, dass diese untereinander nicht kompatibel sind und man sich entsprechend wieder aus dem Marktzugang herauskatapultiert.


David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen FinanzgruppeDavid Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe. Weitere Kolumnen: Die EZB hat ein Kommunikationsproblem, Trump ohne Plan und Eine Mehrwertsteuer, die keine ist


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