KolumneGrüne Mogelpackung Innogy

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Viele hatten es dem eher etwas ungelenken Niederländer nicht zugetraut. Seit letzten Freitag aber kann niemand mehr daran zweifeln, dass Peter Terium mit seinen Investmentbankern und Kommunikatoren einen verdammt guten Job gemacht hat. Der sehr erfolgreiche Börsengang der RWE-Tochter Innogy spült deutlich mehr Geld in die Kassen als noch vor wenigen Monaten zu erwarten war. Mit 36 Euro pro Aktie bewerten die Finanzmärkte den neuen Konzern deutlich höher als den Mutterkonzern RWE und den alten Essener Rivalen Eon, der über Jahrzehnte immer vorn lag. Der bisherige RWE- und jetzige Innogy-Chef Terium kann nach vielen Krisenjahren endlich mal wieder eine positive Nachricht verkünden.

Ob Innogy auf mittlere Sicht weitere positive Meldungen absetzen kann, ist aber keineswegs ausgemacht. Der gute Start an der Börse beruht zumindest zum Teil auf einem Missverständnis der Anleger: Sie halten Innogy für einen grünen Energiekonzern, der sich im Gegensatz zur alten RWE mit ihren Atommeilern und Kohlekraftwerken ganz dem Zukunftsgeschäft verschrieben habe. „Bunt, flexibel und voller kreativer Ideen“ sei der neue Konzern, behauptet Terium. Doch diese Selbstdarstellung grenzt an eine Mogelpackung.

Von politischen Entscheidungen abhängig

In Wahrheit erwirtschaftet Innogy rund 60 Prozent seiner Barmittel mit guten alten Stromnetzen und Übertragungsstationen. Der Bereich „Grid and Infrastructure“ hängt vollständig an den staatlich festgesetzten Netzentgelten. Nicht kreative neue Ideen oder flexible Lösungen im Wettbewerb, sondern allein gute Kontakte zur Politik entscheiden über die weitere Profitabilität dieses Geschäfts. Konsequenterweise steht deshalb auch eine ehemalige CDU-Abgeordnete und frühere Mitarbeiterin Angela Merkels an der Spitze dieser Sparte: Hildegard Müller. Alle paar Jahre setzt die Politik die Regeln für die Übertragungsnetze neu. Bald ist es wieder soweit und Müller muss beweisen, dass sie ihr Vorstandsgehalt wert ist.

Innogy erwirtschaftet gegenwärtig rund 4,5 Mrd. Euro an Bruttobarmitteln (Ebitda). Nur 0,8 Mrd. Euro davon entfallen auf Erneuerbare Energien, also weniger als 20 Prozent. Selbst die dritte Säule des neuen Konzerns – das Vertriebsgeschäft – sorgt für einen höheren Gewinnbeitrag. Zwar investiert Innogy nach den bisherigen Planungen in den nächsten Jahren viel Geld in die erneuerbaren Energien. Der Anteil soll also steigen. Aber ob diese Übung gelingt, steht in den Sternen. Immer mehr Spieler tummeln sich auf dem Gebiet der Windkraft und der Solarenergie, die Konkurrenz wächst von Monat zu Monat. Und noch kann niemand sagen, wie lange der Staat die Erneuerbaren noch so hoch subventioniert wie heute. Auch hier hängt also das Wohl und Wehe von Innogy weniger von bunten Projekten ab, sondern mehr von der grauen Politik.

Einige große institutionelle Anleger wie der amerikanische Riese Blackrock kaufen Innogy-Aktien, weil sie in Zeiten niedriger Zinsen mit ihrem regulierten Geschäft für einige Jahre sichere Dividenden ohne großes Risiko versprechen. Sie holen die Papiere gewiss nicht als innovative Wachstumswerte ins Portfolio, sondern als Alternative zu Festverzinslichen. Sobald sich die Gesamtlage wieder ändert, dürften sie ihre Aktien verkaufen. Hoffentlich bekommen es die Kleinaktionäre von Innogy rechtzeitig mit.

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