Business as UsualGemeinsam Gründen ist Beziehungsarbeit

Wenn fünf Freunde sich entscheiden, ein Unternehmen zu gründen, dann klingt das so romantisch und nach Abenteuern wie die dazugehörige Kinderbuchreihe. Nur dass sich das Abenteuer in diesem Fall zu „Fünf Freunde in Gefahr“ entwickelt hat. Die fünf traten an, um mit einem komplexen Finanzprodukt die Welt zu erobern. Die ersten zwei Jahre waren zwar anstrengend und intensiv, aber eben auch voller Euphorie – das, was sie sich erträumt hatten.

Der Einbruch kam, als die zweite Finanzierungsrunde in trockenen Tüchern war: Die Luft war raus, der Ton wurde rau, und die unterschiedlichen Persönlichkeiten traten stärker zutage: Der eine suchte die Auseinandersetzung, der andere zog sich in sich zurück. Teamentwicklung im klassischen Sinne.

Auch vor den nun fast dreißig Mitarbeitern war die schlechte Stimmung bald nicht mehr zu verbergen, und es gab erste Kündigungen. Trotzdem schob man das Problem weg und stritt sich weiter. Die Tatsache, dass sie auch gute Freunde waren, machte es nicht leichter, sondern schwerer: Es stand ja nicht nur ein Start-up, es standen jahrelange Freundschaften auf dem Spiel.

Ehrlichkeit um jeden Preis

Capital 09/2017
Die aktuelle Capital

Irgendwann ging es nicht mehr, das Team drohte auseinanderzubrechen. Also zogen sich die fünf drei Tage aufs Land zurück und deklinierten pragmatisch die Möglichkeiten durch. Von „Wir müssen mehr reden“ bis „Ich steige aus“. Am Ende entschied man sich zu einer einzigen Maßnahme: von jetzt an Ehrlichkeit um jeden Preis. Sagen, was nervt. Nachfragen, wenn etwas unklar ist.

Kann das funktionieren? Eigentlich spricht alles dagegen. Weil es ein persönliches Commitment erfordert, das wenige zu geben und noch viel weniger zu halten bereit sind. Weil jeder zwangsläufig an die eigenen Grenzen und darüber hinausgehen muss: Die Harmoniebedürftigen müssen ihre Meinung sagen und sich Konflikten stellen, Visionäre auf dem Boden bleiben. Und Kontrollfreaks müssen sich zum Loslassen zwingen. Und das unter doppeltem Druck: für das Unternehmen und für die Freundschaft.

Bei unseren fünf hat es genau durch diesen doppelten Druck funktioniert: Sie konnten entweder beides behalten oder beides verlieren. Letzteres wollte keiner der fünf. Es wurden aber während des Prozesses auch zwei Dinge sichtbar: dass die Unterschiedlichkeit und Komplementarität die größte Stärke des Teams ist. Und dass sie den Weg wirklich gemeinsam gehen wollen. Ein Weg, der eine sehr ehrliche und authentische Kultur geschaffen hat, von der heute alle profitieren.

Würden Sie jemandem raten, mit Freunden ein Unternehmen zu gründen? Vermutlich nicht. Aber wenn sich alle Beteiligten der Herausforderung bewusst sind und sich darauf einlassen, kann etwas Großartiges daraus entstehen. Denn im besten Falle gilt: „Fünf Freunde meistern jede Gefahr.“


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der BerufsweltAnne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt


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