GastbeitragGriechenland: Mit sauberer Energie aus der Krise

Griechenland verfügt über viele natürliche Ressourcen.
Griechenland verfügt über viele natürliche Ressourcen. Pixabay


Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).
Alexander Kritikos ist Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).


 

Seit der Finanzkrise hat kein anderes EU-Land so wenig in eine nachhaltige Energieversorgungsstruktur investiert wie das finanziell angeschlagene Griechenland. Der staatliche Energieversorger DEI (PPC) ist so gut wie insolvent, von ihm sind vorerst keine Investitionen zu erwarten – obwohl gerade er ursprünglich zahlreiche Projekte zur Erschließung erneuerbarer Energiequellen plante. Das unterminiert die Qualität der Energieversorgung in Griechenland und bedroht gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der von der Krise ohnehin gebeutelten griechischen Unternehmen, die nach eigenen Angaben obendrein mehr für Energie zahlen als ihre EU-Konkurrenten.

Griechenland steht auch im Hinblick auf seine zukünftige Energiepolitik an einem Scheidepunkt. Es muss grundsätzliche Entscheidungen treffen, insbesondere inwieweit das Land stärker auf regenerative Energiequellen setzen will.

Ressourcen stehen dem Land nahezu unbegrenzt zur Vefügung

Was ist bislang geplant – laut PwC sind in Griechenland im Energiebereich zukünftig 19 Investitionsprojekte mit einem Wert von rund 10 Milliarden Euro vorgesehen. Ein wesentlicher Schwerpunkt soll in der Errichtung von Gas- und Stromnetzen liegen; so sollen die Kykladen-Inseln vernetzt werden, ebenso das Festland mit Kreta; auch ein neues Braunkohlekraftwerk ist geplant. Von Investitionen in erneuerbare Energien aber kaum eine Spur.

Dabei könnte Griechenland in diesem Bereich viel bewegen. Ressourcen, wie Meer, Wind und Sonne, die an über 300 Tagen im Jahr scheint, stehen dem krisengeschüttelten Land quasi unbegrenzt zur Verfügung. Es ist Verschwendung, diese nicht mehr zu nutzen als bisher. Über Investitionen in Wasser-, oder Wellenkraftwerke, Solar- und Windparks ist es möglich, die heimische Energieversorgung – vor allem dezentral- zum großen Teil sicherzustellen und temporäre Überschüsse gewinnbringend in die europäischen Nachbarländer zu exportieren.

Doch Griechenland verbrennt noch immer Kohle und plant dies auch für die Zukunft. Auf den Inseln wird zudem Strom aus klimaschädlichem Diesel gewonnen, der teuer importiert und mit 500 bis 700 Millionen Euro pro Jahr subventioniert wird.

84 Prozent der Energieproduktion stammt aus fossieln Quellen

Im Jahr 2010 gab es einen vielversprechenderen Anfang. Dank eines entsprechenden Energiewende-Gesetzes deckte Solarstrom im Jahr 2013 bereits über sechs Prozent des griechischen Strombedarfs, im Bereich Erneuerbaren entstanden 20.000 neue Jobs. Zu der Zeit sprach man in Brüssel und Athen vom vielversprechenden Projekt „Helios“, bei dem Griechenland ab 2015 Solarstrom sogar bis nach Deutschland liefern sollte. Doch die garantierten Einspeisevergütungen waren zu hoch und fielen der Schuldenkrise schnell zum Opfer. Der Markt für erneuerbare Energien brach ein, zahlreiche Jobs gingen verloren, Unternehmen haben sich aus Griechenland zurückgezogen. Zwar wurde der Markt für Erneuerbare nach 2015 durch gezielte Programme wieder etwas stabilisiert, bleibt aber hinter seinen Möglichkeiten. Bis heute entstammen rund 84 Prozent der Energieproduktion aus fossilen Quellen, teures Öl wird in großem Umfang importiert. Die EU als Ganzes hat sich aber zum Ziel gesetzt, im Rahmen der Energieunion weniger abhängig von Energieimporten zu werden. Gerade in Griechenland mit seinen großen Potentialen ist das möglich.

Im Jahr 2015 hat die Europäische Kommission eine Rahmenstrategie für eine krisenfeste Energieunion mit einer zukunftsorientierten Klimaschutzstrategie vorgestellt. Neben Energieeffizienz, Emissionsminderung, Forschung und Innovation geht es dabei um Versorgungssicherheit und im Zuge dessen um einen vollständig integrierten Energie-Binnenmarkt. Allen Verantwortlichen ist klar, dass Energieversorgung ein Kernelement der europäischen Wirtschaft ist. Umso bedenklicher ist die große Abhängigkeit von Energie-Importen aus aller Welt. Insgesamt importieren die Länder der Union – auch Griechenland – mehr als die Hälfte der benötigten Energie.

Es braucht eine Diversifizierung der Energieträger

Dabei könnte eine konsequent auf erneuerbare Energien ausgerichtete Energiepolitik die Importe in Griechenland mittelfristig reduzieren. Um das zu ermöglichen, braucht es eine stärkere Diversifizierung der Energieträger, vor allem einen Ausbau der erneuerbaren Energien, sowie eine effizientere Nutzung und Verteilung der erzeugten Energie.

Ein Beispiel: Griechenlands Inseln könnten dezentral mit privaten und kommunalen Investitionen insbesondere den Ausbau von Solar- und Windenergie sowie die Errichtung von Speichern fortführen und durch die Entrichtung angemessener Einspeisevergütungen einen Großteil ihrer eigenen Energieversorgung sicherstellen. Über Energiespeicher kann Versorgungssicherheit hergestellt werden. Für diesen ersten Schritt müssen die Inseln gar nicht miteinander vernetzt sein, wie das etwa für die Kykladen vorgesehen ist. Vielmehr benötigen die griechischen Kommunen von der EU zunächst eher Beratung und Unterstützung bei der Durchführung solcher Projekte.

Diesem ersten Schritt können dann weitere folgen: Die Vernetzung der Inseln würde sich als zweiter Schritt dann lohnen, wenn ein erheblicher weiterer Ausbau regenerativer Energiesysteme mit gewinnbringenden Lieferungen ans Fest- und Ausland verbunden ist. In jedem Fall ließen sich mit einer solchen Strategie die fossilen Energieimporte weiter senken, das Land könnte sich unabhängig machen von geopolitischen Unsicherheiten.

Investitionen schaffen Arbeitsplätze

Der Ausbau erneuerbarer Energien eröffnet auch wirtschaftliche Chancen, zumal die Kosten erneuerbarer Energien immer weiter sinken, wie auch die Kosten der Energiespeicherung, etwa für Batterien. Der Markt wird rapide zunehmen. In der Folge ist es heute preiswerter als noch vor wenigen Jahren, eine Energieversorgung auf erneuerbare Energien aufzubauen als auf fossile Strukturen. Entsprechende Investitionen schaffen neue Arbeitsplätze und erhöhen die Wertschöpfung. Denn es gibt nicht nur griechische Produzenten in diesem Bereich etwa in der Batteriefertigung. Gerade bei dezentralen Investitionsansätzen werden auch über die Projektierung und Durchführung entsprechender Investitionen mehr Jobs geschaffen als bei zentralen Investitionen etwa zum Bau einer Gasleitung.

Umso wichtiger dabei: Europa plant jetzt eine Förderung für Europäische Batteriezellenhersteller, warum nicht auch in Griechenland? Entscheidet sich Griechenland für den Weg in Richtung erneuerbare Energien, könnten bis zu 50 % des Stroms in den kommenden 10 Jahren aus erneuerbare Energien erzeugt werden, eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien wäre in den nächsten 20 Jahren möglich. Damit würden entsprechende Investitionen positive Impulse in die am Boden liegende griechische Wirtschaft auslösen. Gleichzeitig könnte die Industrie günstiger mit Energie versorgt werden, zugunsten ihrer Wettbewerbsfähigkeit.

Die Energiepolitik muss dezentraler werden

Zugegeben, die Rahmenbedingungen für Investitionen in Griechenland sind schlecht, und private Investitionen sind deshalb auch in diesem Sektor zunächst nur begrenzt zu erwarten. Die frisch gewählte Regierung muss die seit vielen Jahren diskutierten angebotsorientierten Reformen zur Steigerung privater Investitionen endlich durchführen. Und sie wird ihre Energiepolitik auch im Hinblick auf die Ausgestaltung der eigenen Ausgaben hin zu einer sehr viel dezentraler orientierten Energiepolitik überdenken müssen. Die (knappen) staatlichen Mittel, die für den Energiebereich vorgesehen sind, wären als steuerliche Anreize für Investoren in Richtung Energiewende gut genutzt.

Die EU erarbeitet derzeit die Rahmenbedingungen für nachhaltige Finanzierungen, die nicht nur dem Klimaschutz, sondern auch der zukünftigen Vermeidung von Wirtschaftskrisen dienen sollen. Griechenland könnte wie kein anderes Land von derartigen Investitionen in grüne Technologien profitieren.

Griechenland hat es somit selbst in der Hand, ob es sich weiter abhängig machen will von fossilen Energiestrukturen, die nicht auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz ausgerichtet sind und der griechischen Wirtschaft teuer zu stehen kommen würden. Oder aber ob es sich unabhängig macht, in die dezentrale Energiewende investiert und so Bürgern, Kommunen und Gemeinden ermöglicht, ihre Zukunft selbst zu gestalten. Dazu wäre es notwendig, dass nicht nur die Energie- sondern auch die Politikstrukturen künftig weniger zentral organisiert werden. Kommunen und Gemeinden muss es künftig eigenverantwortlich möglich sein, selbst zu entscheiden, wie sie ihre Energieversorgung anpassen und auf erneuerbare Energien umstellen. So ließe sich eine dauerhaft stabilere und nachhaltige wirtschaftliche Zukunft in Griechenland realisieren.