InterviewGottfried Heller über seine erste Million

Gottfried Heller
Gottfried Heller ist Vermögensverwalter und Buchautor.
© Wolf Heider-Sawall/laif

Gottfried Heller, 80, ist Vermögensverwalter und Buchautor. 1971 gründete er mit dem langjährigen Capital-Kolumnisten André Kostolany die Fiduka Depotverwaltung. Hellers Buch „Der einfache Weg zum Wohlstand“ ging jüngst in die fünfte Auflage.


Capital: Herr Heller, Sie sind seit fast 50 Jahren als Vermögensverwalter tätig. Hand aufs Herz: War Geldanlage jemals so schwierig wie jetzt angesichts der Wahl zwischen extrem niedrigen Zinsen und den turbulenten Aktienmärkten?

Ich finde die Situation überhaupt nicht schwierig. Sie wird von vielen Finanzdienstleistern wie Banken und Vertrieben aber gerne als besonders schwierig und kompliziert dargestellt – weil es nicht in ihrem Interesse ist, wenn Anleger ihre Geldanlage selbst in die Hand nehmen, etwa über Aktien ertragsstarker Unternehmen, deren Rendite langfristig alle anderen Anlagen übertrumpft.

Viele Anleger fürchten, sie seien Spielball eines gigantischen geldpolitischen Experiments mit ungewissem Ausgang.

Mein langjähriger Freund und Geschäftspartner André Kostolany brachte das gut auf den Punkt, indem er sich über Leute lustig machte, die sich über die Unberechenbarkeit der Börsen mokierten. „Ja meinen Sie denn, die Börse war jemals berechenbar?“, pflegte er dann zu fragen. Das passt derzeit gut zur Lage: Sorgen um China, Öl, vor geopolitischen Spannungen oder der Zinswende – das sind alles keine neuen Phänomene.

Dass die Kurse seit nunmehr fast sieben Jahren wieder klettern, sorgt sie nicht? Die Nervosität ist doch gerade seit Jahresbeginn greifbar.

Nein, zumindest nicht, solange man einen ausreichend langen Anlagehorizont hat: In den einfachsten und wichtigsten Kennziffern wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis oder der Dividendenrendite sind Aktien nicht zu teuer. Und: Nach dem Beginn von Leitzinserhöhungen kletterten Aktien etwa in den USA in der Vergangenheit im Schnitt noch drei weitere Jahre. Daher verstehe ich auch nicht, wieso Anleger so sehr auf den ersten Mini-Zinsschritt der US-Notenbank starren – leider ein schlechtes Beispiel für einen „Informations-Overkill“ für Anleger. Hüten Sie sich davor. Das hat langfristig doch keine Bedeutung für die Renditen!

Capital-Cover 02/2016
Die aktuelle Capital

Auf Basis Ihrer langjährigen Erfahrung: Woher kommt denn die tiefe Skepsis deutscher Anleger gegenüber der Aktienanlage?

Die kulturelle Prägung ist wichtig. Gerade im Vergleich zu angelsächsischen Ländern kommt mir häufig der Gedanke zu kurz, dass mit dem Ende der Nazidiktatur fast die komplette, jüdisch geprägte finanzielle Intelligenz des Bank- und Börsenwesens entweder ermordet war oder ausgewandert ist. Dass auf diesem Fundament keine gute finanzielle Bildung entstehen konnte, ist kein Wunder. Hinzu kommt, dass die Anleger das Gefühl haben: Der Staat wird es für mich schon richten, ich muss privat nicht vorsorgen. Das führt aber geradewegs in die finanzielle Katastrophe bei unserer demografischen Entwicklung, sofern Menschen nicht umdenken. Dabei ist es – anders, als in vielen Medien und von Finanzunternehmen dargestellt – so günstig wie nie, rentabel ein Vermögen über Aktien aufzubauen, etwa über Indexfonds (ETFs). Das war bis in die 90er-Jahre weitaus teurer.

Gab und gibt es denn keine Momente, in denen auch Sie es einmal mit der Angst zu tun bekommen, dass wir in eine handfeste Krise rutschen und man sein Geld besser in Sicherheit bringt?

Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde: nein, die gibt es nicht. Aber ich habe in meinen 45 Jahren Arbeit als Vermögensverwalter gelernt, dass es kaum möglich ist, mit hektischen Transaktionen die Rendite zu steigern und andererseits genau solche Angstmomente häufig sensationelle Kaufgelegenheiten darstellen. Zu jeder Krise gehört, dass auf allen Kanälen die Deutung folgt, an den Kapitalmärkten sei nun nichts mehr so wie vorher und die Welt eine andere. Zum Beispiel beim Crash 1987, als die Kurse über ein Fünftel eingebrochen sind binnen Stunden. Ich sortierte meine Zahlen, hatte eine sehr kurze Nacht, bemerkte, welche hervorragenden Opportunitäten sich ergaben, rief als Vermögensverwalter meine Bank an und orderte Standardwerte. Am anderen Ende der Leitung gab es nur fassungsloses Entsetzen. „Sie wollen kaufen?“, fragte mich der Mitarbeiter entgeistert. „Sie sind heute der erste, der kauft und nicht verkauft!“, erklärte er mir. Denn die Zeitungen waren schließlich voll von Analysen, dass der Crash die Renditen über Jahre ruinieren würde. Da wusste ich: Ich muss eigentlich mehr kaufen. Die Herausforderung als Vermögensverwalter, wenn Krisen aufziehen, ist eine andere.

Nämlich?

Den Kunden zu überzeugen, dass er gute Nerven bewahren sollte und nicht kopflos verkaufen, nur wenn es andere tun. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, mit Kunden gemeinsam zu zittern um ihr Geld, wenn diese zur Panik neigten. Aber gute Nerven bringen langfristig nun mal die beste Rendite. Kostolany lag diese antizyklische Haltung im Blut, ich musste sie erst lernen. 

Apropos Blut: Lag Ihnen die Beschäftigung mit Geldanlage schon immer im Blut?

(lacht) Nein, überhaupt nicht. was mir immer im Blut lag war der Wunsch, einmal nach Amerika zu gehen. Ich habe in Deutschland Ende der 50er-Jahre eine Karriere als Unternehmensberater begonnen. 1963, mit 28 Jahren, warf ich diesen Beruf hin und ging in die USA. In einem Zimmer einer Verwandten fand ich Unterschlupf und fing buchstäblich bei null an und arbeitete mich wieder hoch vom einfachen Angestellten zu einem Unternehmensberater. Eine herrliche Zeit. Ende der 60er-Jahre war ich vermutlich einer der ersten echten Vielflieger der Welt, es ging laufend hin- und her zwischen den US-Großstädten. Einer meiner Kollegen faszinierte mich dann aber sehr: er verdiente sehr viel Geld, weil er einiges anders machte als die Masse: Statt Wohneigentum zu kaufen, mietete er, weil sein Geld an der Börse rascher wuchs. Sein Tag begann nicht mit einem Frühstück, sondern erst einmal mit einem halbstündigen Telefonat mit seinem Broker. Da dachte ich, noch etwas naiv: das klingt ja interessant, so etwas gibt es in Deutschland ja kaum.