Kommentar Gott kennt Gnade, die Märkte nicht

Trump und Erdogan
US-Präsident Donald Trump und der türkische Präsident President Recep Tayyip ErdoganGetty Images

Noch sind die Töne groß und großspurig, wie gewohnt. „Macht Euch keine Sorgen“, rief der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan diese Woche in Rize am Schwarzen Meer seinen Anhängern zu. Das Ganze sei eine Kampagne der USA: „Beachtet sie nicht.“ Und dann die typische, religiöse Erdogan-Abschlussfanfare „Vergesst nicht, wenn sie ihre Dollars haben, dann haben wir unser Volk, unseren Gott.“

Doch in diesen Tagen klingen diese Fanfaren und Parolen noch unglaubwürdiger als sonst, hohl, verzweifelt, folgenlos. Frei nach Hollywood: Gott kennt Gnade, die Märkte nicht.

Seit Wochen nun ringen die USA und die Türkei miteinander, ein wichtiger Streitpunkt ist die Freilassung eines US-Pastors, der in der Türkei erst im Gefängnis war und nun unter Hausarrest steht. Ankara, so wurde gemutmaßt, verfolgte das bereits bekannte „Geiselprinzip“, das Deutschland intensiv erleben durfte – denn seit dem Putsch fordert Erdogan die Überstellung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen. Nach dem Motto: Prediger gegen Prediger.

Droht eine neue Wirtschaftskrise?

Aber: Es gibt keinen Deal. Die Reise einer türkischen Delegation diese Woche brachte kein Ergebnis. Mit Sanktionen gegen zwei türkische Minister und den bekannten Drohungen aus den USA wurde die Lira auf Talfahrt geschickt, allein am Freitag brach sie zwischenzeitlich um 10 Prozent ein. Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung mehr als 35 Prozent gegenüber dem Dollar an Wert verloren. Investoren trennten sich seit Tagen in Massen von türkische Aktien und Anleihen. Und: Die USA prüfen eine weiter Verschärfung von Sanktionen.

Die Türkei, immerhin noch Nato-Partner, steht nun an der Schwelle zu einer neuen Wirtschaftskrise. Heute will der Finanzminister, der interessanterweise auch Erdogans Schwiegersohn ist (irgendwie haben Schweigersöhne unter den vielen neuen Autokraten erstaunliche Karrieremöglichkeiten) einen „neuen ökonomischen Plan“ ankündigen. Was aber kann er tun?

Die Türkei hat nur wenige Optionen, wenn sie nicht einlenkt: Sie kann die Zinsen anheben (was sie ohnehin müsste, denn die Inflation liegt bei über 15 Prozent); sie könnte den IWF zu Hilfe rufen (wäre eine Erniedrigung für Erdogan); Ankara könnte Kapitalkontrollen einführen (Wäre kaum hilfreich, so eine Analyse der „Financial Times“, denn die Türken schicken ihr Geld gar nicht panisch ins Ausland) – oder sie sitzt das Ganze aus und akzeptiert ein schwächeres Wachstum, lässt also das Volk leiden, während Erdogan sein Großer-Sultan-Theater noch etwas schriller inszeniert. Im Mai hat er ja in einem legendären Bloomberg-Interview schon gezeigt, dass er sich auch Zentralbank zutraut, indem er erklärte, dass hohe Zinsen zu hoher Inflation führen. (Das Gegenteil ist richtig: Niedrige Zinsen erhöhen in der Regel die Inflation.)

Die Macht der Investoren ist gut

Was wir Europäer erleben müssen: Sanktionen sind für die USA zum Mittel Nr. 1 in einem Mehrfrontenkrieg geworden, der auf ganz unterschiedlichen Schlachtfeldern geschlagen wird – gegen China, den Iran, Russland oder die Türkei. Und in der Regel haben die Amerikaner durch ihre Wirtschaftskraft die besseren Karten.

Die Unberechenbarkeit von Donald Trump ist hier sogar ein taktischer Vorteil: Die anderen Ländern wissen nicht, wie weit die USA wirklich gehen werden. Allein China könnte gegenhalten, Russland hat nicht viel zu verlieren – aber Länder wie der Iran oder die Türkei haben keine Chance. Die USA haben derzeit Erfolg, die Türkei steht unter massivem Druck – im Iran steigt der Unmut der Bevölkerung gegen das Regime.

Die Märkte lassen sich von Autokratendonner nicht einschüchtern. Sie schauen auf Perspektiven und Risiken und benötigen Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Selbst Menschen, die dem Treiben „der Märkte“ sonst skeptisch gegenüber stehen, müssen bekennen:Man ist in diesen Tagen immer öfter froh, sie zu haben.