HandelsstreitGoodbye Germany

Trump will an­geblich nicht ruhen, bis kein Mercedes mehr auf der Fifth Avenue fährt. Die USA haben 2017 deutsche Autos und Autoteile für 28,6 Mrd. Euro importiert
Trump will an­geblich nicht ruhen, bis kein Mercedes mehr auf der Fifth Avenue fährt. Die USA haben 2017 deutsche Autos und Autoteile für 28,6 Mrd. Euro importiertGetty Images


Ist die Stimmung im Betrieb mal nicht so gut, dann greift Peter Riehle auf seine Wunderwaffe zurück: deutsche Hausmannskost. „Ich geb den Jungs 300 Dollar und schicke sie los, um Rotwurst zu kaufen. Dazu backen wir Brezeln“, sagt der Chef der US-Niederlassung des Werkzeugmaschinenbauers Wittenstein im US-Bundesstaat Illinois. Bier werde beim gemeinsamen Grillen dann zwar nicht ausgeschenkt, aber: „Trotzdem haben alle ihren Spaß.“

Riehle selbst jedoch, der seit 20 Jahren in den USA lebt, ist der Spaß zuletzt vergangen. Sein Unternehmen baut im Mittleren Westen Antriebstechnik für Werkzeugmaschinen, aber auch für Flugsimulatoren von Boeing. Vorprodukte muss die Firma vom Standort aus beschaffen. „Wir werden von den Zöllen getroffen“, sagt der Manager mit Blick auf die vom US-Präsidenten im Frühjahr verhängten Importaufschläge: 25 Prozent auf Stahl, zehn Prozent auf Aluminium. Jedes Getriebe etwa braucht eine Adapterplatte, und in denen verbaut Wittenstein Aluminium-Profile. Der Preis sei in den vergangenen acht Wochen um 20 Prozent gestiegen, sagt der Manager. „Der Händler hatte den Preis angehoben, noch bevor der Zoll in Kraft war.“ Die Zölle sollten europäische Exporteure treffen – aber sie treffen am Ende auch Unternehmen, die genau das tun, was die Trump-Regierung ja will: Produkte in den USA herstellen.

Es ist eine kleine Geschichte aus der tektonischen Verschiebung, die sich im Verhältnis der USA zum Rest der Welt seit Anfang 2017 ereignet. Donald Trump will Amerika wieder groß machen und kennt dabei nicht Freund, nicht Feind. Auch nicht in Deutschland. 60 Jahre deutsch-amerikanische Gemeinsamkeit halten diesen Präsidenten so wenig auf wie die enge Verflechtung beider Volkswirtschaften. „Die EU wurde gegründet, um die USA
über den Tisch zu ziehen“, wetterte er jüngst. Nicht viele Amerikaner teilen die Rage ihres Präsidenten in dieser Form, doch kaum einer stellt sich ihm in den Weg. Aus Bequemlichkeit. Aus Opportunismus. Aus Angst.

Der Abriss der bekannten Weltordnung hat begonnen, die Zukunft alter Bündnisse wie der NATO, der WTO oder der G7 ist ungewiss. Aus Wertegemeinschaft wird Gegnerschaft, und das in einem Tempo, bei dem man dem Auseinanderdriften der Kontinente förmlich zusehen kann. Der Weg scheint vorgezeichnet. Die Frage ist nur: Geht das vorüber – oder wird es so bleiben? Kann die Exportnation Deutschland die Präsidentschaft Donald Trumps einfach aussitzen – oder müssen wir uns in der Entfremdung einrichten?

Economic Enemy

Für die deutsche Wirtschaft kommt die Entwicklung als Schock. Sie hatte sich mit der traditionellen Rollenverteilung bestens arrangiert: Die Amerikaner konsumieren, die Deutschen produzieren. Fast neun Prozent der deutschen Exporte gehen über den Großen Teich, 2017 waren die USA zum dritten Mal hintereinander wichtigster Abnehmer. Die Klagen der Partner über die Unwucht der Handelsbilanz hörten die Deutschen als Begleitmusik eines Triumphmarsches. Was konnte man auch dafür? Die Verbraucher überall verlangten eben nach deutscher Wertarbeit.

So erwartete ein Dax-Vorstand, der jüngst zum regelmäßigen Gedankenaustausch in Washington reiste, business as usual: die üblichen Klagen im Kapitol und im Weißen Haus über die stete Exportweltmeisterei der Deutschen – verbunden mit neidvoller Anerkennung für das duale Ausbildungssystem und den Mittelstand. Doch es kam anders. Die Gespräche verliefen freundlich – bloß dass irgendwann ein Ministerialbeamter den Gästen ein internes Papier gab. „Wir waren schockiert“, sagt der CEO. In dem Dossier tauchte Deutschland als economic enemy auf, als wirtschaftlicher Feind.

Die Deutschen sollten sich aber keine Sorgen machen, wurde versichert: Gegner Nummer eins seien nicht sie, sondern China. Europa sei nur der Kollateralschaden einer Haltung, die Handel als Nullsummenspiel versteht, wurde dem Konzernchef signalisiert. „Aber wir haben auch Schadenfreude rausgehört.“ Die Deutschen hätten in der Vergangenheit allzu beharrlich die Kritik an ihrer Handelspolitik und dem mangelnden NATO-Engagement ignoriert. Nun gebe es die Quittung.