ReportageGold - die ewige Währung

Als der erste Crash beginnt, ­stürmen sie zur Degussa-Zentrale. Es ist Montagmorgen, der 15. April 2013, bis auf die Straße drängen sich die Kunden am Eingang der Villa im Frankfurter Finanzviertel. Wie ein bank run wirkt es an diesem schwarzen Montag des Goldmarktes: 1 486 Dollar hat die Feinunze gekostet, dann eröffnet der Handel, der Preis rutscht ins Bodenlose: 1458 Dollar, 1429, 1416, 1398, 1375, 1349 Dollar – der übelste Tag seit drei Jahrzehnten. Fonds, Lebensversicherer, Großbanken verramschen ihre Bestände in Tokio, London, New York. Und in Frankfurt will die Menschenschlange nicht enden.

Doch zum Degussa-Schalter kommen die Anleger nicht, um ihr Gold loszuwerden. Nein, neun von zehn wollen ein Schnäppchen machen. Endlich einen Barren kaufen.

Barren, was für ein großes Wort. Ein Plättchen ist es, das Wolfgang Wrzesniok-Roßbach da in der Hand hält, der Chef des Degussa Goldhandels. Dünn wie ein After Eight, etwas länger als eine Fotospeicherkarte, dafür schmaler. Das also ist die berühmte Feinunze, um die sich Wrzesnioks Kunden reißen, als gäbe es kein Morgen im globalen Finanzsystem.

Ende Juni ist die nächste Ausverkaufswelle über den Markt he­reingebrochen, der Kurs unter 1200 Dollar gesackt. An den Weltmärkten erlebt der Goldpreis seinen bösesten Einbruch seit 1980. Und die Degussa? Setzt dreimal mehr ab als je zuvor.

Was ist Gold wert?

Das Goldstückchen glänzt matt im Licht. 31,103 Gramm wiegt es, wenig Masse für viel Geld: Etwa 950 Euro kostet eine Feinunze nach dem jüngsten Einbruch, rund dreimal so viel wie vor zehn Jahren. Haben die deutschen Privatanleger recht, die nun horten? Oder die großen institutionellen Investoren, die abstoßen?

Ist dieses Plättchen Gold wirklich an die 1 000 Euro wert?

Degussa-Schalter
Wirtschaftswunder-Charme: Degussa-Verkaufsschalter hinter Glas
© Binner/Maramotti

Wolfgang Wrzesniok lächelt, rückt seine Hornbrille gerade, erwägt die passende Antwort. Die Frage hat er schon ein paar Tausend Mal gehört: Was ist Gold wert? Sein halbes Leben hat er damit verbracht, sie anderen zu beantworten. Seit 1986 ist der 49-Jährige­ in diesem Geschäft. Als Lehrling und Leiter des Edelmetallhandels der Dresdner Bank, Verkaufschef bei ­Heraeus – und nun zwei Jahre als CEO der Degussa.

Er hat mit den großen Konzernen Deals gemacht, Barrick, Newmont, Anglo, wie sie alle heißen. Er weiß, dass die Industrie Gold nur beschränkt benötigt, weil es zu teuer ist, zu weich. Dass das meiste Material an Hälsen hängt und Fingern steckt. Und vor allem als Barren in dunklen Tresoren angehäuft wird: ohne Zinsen, Dividenden oder sinnliche Freude abzuwerfen. Dass die Menschheit längst nicht so viel von dem 79. Element braucht, wie sie verlangt.

Und doch schlägt das Gold fast alle in seinen Bann: die Rentner, die Ein-Gramm-Barren zum Einnähen ins Kissen anschaffen; die Manager der Investmentfonds, die täglich mit Hunderten Kilos jonglieren; die Chefs der Zentralbanken, die Tausende Tonnen in Hochsicherheitstrakten bunkern. Sie alle mischen mit in einem der intransparentesten, volatilsten, faszinierendsten, rätselhaftesten, unberechenbarsten Finanzmärkte der Welt.

Mal bricht der Preis ein, dann jagt er auf 1 900 Dollar hoch, gerade stürzt er wieder in unbekannte Tiefen. Die Kunden der Degussa stört es kaum. Sie lassen sich anziehen von diesem Stoff, der seit 6000 Jahren Menschen aller Kulturen fasziniert.

„Fleisch der Götter“ nannten es die alten Ägypter. Sie drängten zum Gold wie auch die Griechen und Römer, die Israeliten tanzten ums Kalb, die Helden der Nibelungensage versenkten ihren Schatz im Rhein. Spaniens Eroberer suchten nach el dorado und fanden Amerika; später lieferten sich Europas Großmächte Piratenkriege in der Karibik. Goldräusche leiteten im 19. Jahrhundert die Besiedlung Sibiriens, Kaliforniens, Australiens und weiter Teile Südafrikas ein. Millionen Menschen fielen der Jagd nach dem Mythos zum Opfer, Weltwährungssysteme bauten auf Gold auf – und scheiterten. Warum nur können wir nie genug von diesem Stoff kriegen?