KolumneGegen die Selbstverzwergung der Deutschen Bank

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Die Aktie der Deutschen Bank hat in den letzten drei Jahren fast 60 Prozent ihres Werts verloren. Ihr Buchwert liegt damit fast doppelt so hoch wie ihre gegenwärtige Marktkapitalisierung. Und die Nervosität ihrer Aktionäre ist so groß, dass selbst kleinste Negativnachrichten wie in der letzten Woche ausreichen, um einen weiteren großen Kurssturz auszulösen. In dieser Gemengelage ist es kein Wunder, dass viele das Geschäftsmodell der Bank erneut in Frage stellen. Sie solle sich doch bitteschön aus dem Investmentbanking verabschieden, sich ganz ihren deutschen Heimatmarkt konzentrieren und deshalb am besten gleich mit der Commerzbank fusionieren.

Solche Empfehlungen gleichen jedoch einer Aufforderung zum Selbstmord. Einen weiteren großen Umbau kann die Bank schlicht nicht verkraften. Ein Ausstieg aus dem Investment-Banking würde Jahre dauern und Milliarden kosten. Und sollte die Operation überhaupt gelingen, dann wäre eine zurechtgeschrumpfte Deutsche Bank am Schluss nur noch eine leichte Beute für andere Banken. Sie würde nach einer Übernahme in einem ausländischen – zum Beispiel französischen – Finanzkonzern verschwinden: Finis Germaniae.

In Wahrheit hat Deutsche-Bank-Chef John Cryan an einem Punkt recht: Es mangelt der Deutschen Bank nicht an der richtigen Strategie, sondern nach wie vor an der richtigen Umsetzung der beschlossenen Strategie. Die Forderungen nach einer Selbstverzwergung der Deutschen Bank laufen in die Irre; vielmehr muss es der Anspruch des Kreditinstituts bleiben, zu alter Größe zurückzukehren. Warum sollte die größte Volkswirtschaft Europas nicht in der Lage sein, eine große globale Bank zu ernähren? Diese rhetorische Frage ist alt, aber sie ist deshalb nicht falsch. Auf jeden Fall gibt es keine objektiven Gründe, warum die Deutsche Bank nicht wieder zu einem erfolgreichen Konzern werden könnte. Im Gegenteil: Viele Faktoren – man denke nur an den Brexit – arbeiten für die Bank.

Die Aktionäre müssen handeln

Die wichtigste Frage ist gegenwärtig: Stehen die richtigen Männer und Frauen an der Spitze der Bank? John Cryans Zeit läuft ab. In der Sanierung des Konzerns hat er sich durchaus Meriten erworben, aber von Anfang an war klar, dass der Brite nicht der richtige Mann für den Aufbruch in neue Zeiten ist. Der Aufsichtsratschef Paul Achleitner ist ebenfalls kein Mann der Zukunft. Er trägt die Mitschuld an vielen Fehlern und stand bereits mehrfach kurz vor dem Aus. Eine seiner fragwürdigsten Personalentscheidungen war die Berufung von zwei Vize-Vorstandschefs. Damit wollte Achleitner Ruhe in die Bank bringen und die Zeit nach Cryan frühzeitig einleiten. Doch die beiden vorinstallierten Nachfolger bringen nicht die Statur mit, um die Deutsche Bank in ihrer prekären Lage zu führen.

Es wäre gut, wenn die Aktionäre der Bank endlich handeln – und zwar von oben nach unten. Erst muss ein neuer Chef des Aufsichtsrats her, danach eine neue operative Spitze. Bisher aber machen die großen Aktionäre der Bank selbst keine gute Figur. Mal verbreiten sie anonym ihre Kritik an Achleitner und Co. Dann stellen sie sich wieder hinter ihn. Sie hinterlassen den Eindruck, als ob sie selbst mit jeder Kurszuckung ihrer Aktien hin und her schwankten. Das ist keine gute Basis für die Zukunft der Bank.