EnergiemarktGaspreisanstieg: So reagieren Europas Regierungen

Gastanks im Hamburger Hafen. Der europäische Erdgasmarkt ist unterversorgt.
Gastanks im Hamburger Hafen. Der europäische Erdgasmarkt ist unterversorgt. IMAGO / mm images

In Spanien demonstrieren Verbraucher, auf der britischen Insel gehen Versorger reihenweise pleite, Italien kündigt Milliarden-Hilfen an. Die europäischen Einkaufspreise für Erdgas sind seit Jahresbeginn stark gestiegen: zuletzt stellenweise auf das Dreifache. Die Gaspreise sind damit ein wichtiger Treiber des steilen Anstiegs der Energiekosten – auch hierzulande. Das liegt indes weniger an der neuen CO2-Bepreisung für den Klimaschutz als an einer Schieflage von Angebot und Nachfrage.

Schon bevor die Gaspreise im August noch einmal steil nach oben gingen, bewegten sie sich auf hohem Niveau. Nach einem langen und kalten europäischen Winter waren die Reserven knapper als üblich. Die Vorräte liegen ein Viertel unter dem historischen Durchschnitt, errechnete der Economist. In Deutschland sind die Speicher aktuell zu weniger als zwei Drittel gefüllt, wie die Betreiber mitteilten. Es handle sich um einen historischen Tiefstand. In der Einspeisesaison wurden sie nicht so aufgefüllt wie sonst, weil das Angebot knapp und teuer war – und wohl auch, weil mehr Gas zum Ausgleich des begonnenen Kohleausstiegs verbraucht wurde, so Marktanalysten. Nun drängt die Zeit bis zum Winter.

Aber auch woanders ist der Gashunger groß. So haben laut Energieinformationsdienst Platts vor allem die in der Corona-Pandemie früher wieder angesprungenen asiatischen Volkswirtschaften in Kombination mit einem heißen Sommer die Nachfrage und den Preis stark befeuert. Entsprechend zog der Bieterwettbewerb um Flüssiggas – auch mit Lateinamerika – an. Europas Hauptlieferanten Russland und Norwegen drosselten ihre Lieferungen. Als Grund wurden Wartungsarbeiten oder Infrastrukturprobleme genannt – wobei Russland politische Motive unterstellt werden. Der russische Erdgasriese Gazprom hat jüngst signalisiert, er werde in den kommenden Monaten keine größeren Mengen liefern können. Norwegen dagegen schon.

Droht ein Horror-Winter?

Mit besonderer Wucht und in voller Höhe trifft die Preisexplosion die Briten. Die großen Versorger trommelte die Londoner Regierung dieser Tage zu einem Krisentreffen zusammen. Die Unternehmen verlangten Nothilfen. Gasversorger kaufen normalerweise Monate im voraus und schützen sich so vor Preisextremen. Aber 250 Prozent höhere Einkaufspreise und ein staatlich verordneter Gaspreisdeckel für die meisten Regeltarife zwangen vor allem kleinere Verosrger in die Knie. Fünf Firmen mit einer halben Million Kunden meldeten Insolvenz an, Dutzende – so die Sorge der Energiebranche – könnten folgen, selbst bei größeren Wettbewerbern mit einer Million Kunden drohe Gefahr.

Preisvergleichsportale, die in Deutschland gerade zweistellige Anstiege melden, haben bei den Briten ihre Dienste schon ausgesetzt. Notleidende Unternehmen herauszuboxen, kommt für die konservative Regierung Boris Johnson jedoch nicht in Frage. Schwächelnden Anbietern unterstellt sie „schlechte Geschäftsmodelle“. Große Versorger wie British Gas sollen die betroffenen Kunden übernehmen und für entstehende Lasten staatlich garantierte Darlehen bekommen. Laut Financial Times befürchtet die Energiewirtschaft eine Konsolidierung des Marktes, bei dem nur noch zehn Anbieter bis Ende des Jahres übrigbleiben.

In Europa sind die Briten in ihrem Energiemix mit am abhängigsten von Erdgas. Es steht für fast ein Drittel der Kraftwerksleistung und deckt 40 Prozent des Energiebedarfs (zweimal so viel wie der europäische Durchschnitt laut Economist), 20 Prozent stammen aus Windkraft. Ganze 22 Millionen britische Haushalte – von 27,8 Millionen – kochen ihr Teewasser am Gasherd, und Gas steht für 38 Prozent der Heizwärme. In Deutschland beheizt annähernd jeder zweite Haushalt seine Wohnung mit Gas.

Britisches Nordseeöl und -gas erreichte den Förderhöhepunkt Ende der 1990er-Jahre. So war die Insel seit etwa 2004 Nettoimporteur von Energie – wie die übrigen EU-Länder. Weit weniger als diese ist sie jedoch an Stromnetze der Nachbarländer angebunden. Auch sind die Speicherkapazitäten für Erdgas geringer. Importiert wird unter anderem aus den Niederlanden, die ihre Förderung in Groningen derzeit auslaufen lassen, und aus europäischen Pipelines, die wiederum mit russischem und norwegischem Gas gefüllt sind. Brexit-Kritiker bereitet es Sorge, dass die Insel nun am Ende der Nahrungskette buchstäblich in die Röhre schauen könnte, wenn Europa einen langen und harten Winter erlebt.

Italien plant Milliardenhilfen

Auf dem europäischen Festland sind die Stromrechnungen der Italiener im dritten Quartal um 20 Prozent gestiegen. Sie werden im Schlussvierteljahr um weitere 40 Prozent in die Höhe klettern, wie die Regierung mitteilte. Verbraucherschützer sagen den Haushalten Mehrkosten von 1300 Euro pro Jahr voraus. Beim Energieverbrauch ist Italien mit einem Anteil von mehr als 40 Prozent aus Erdgas in Europa führend. Der Minister für die Energiewende, Roberto Cingolani, schrieb den Kostenanstieg zu 80 Prozent höheren Gaspreisen zu.

Die Regierung von Premier Mario Draghi will die Mehrkosten reduzieren und den Übergang zu einer nachhaltigeren Energieversorgung schnell gestalten, ohne Familien über Gebühr zu benachteiligen. Wie das genau gehen soll, ist noch unklar, aber Rom stellt zur Beschwichtigung kurzfristig 3 Mrd. Euro in Aussicht – ohne genauer zu erläutern wofür.

Pläne der spanischen Regierung, Energieversorger mit einer Sondersteuer zu belasten, schickten kurzzeitig die Kurse in den Keller.
Pläne der spanischen Regierung, Energieversorger mit einer Sondersteuer zu belasten, schickten kurzzeitig die Kurse in den Keller.

Am drastischsten hat bislang Spanien auf die Preiskrise reagiert. Unter dem Druck von Straßenprotesten kündigte Regierungschef Pedro Sanchez eine Sondersteuer für Energieversorger auf „übermäßige Profite“ an sowie einen Energiepreisdeckel und Steuermaßnahmen zur Entlastung von Verbrauchern. Das Land hängt für Strom zu etwa einem Drittel und im Energieverbrauch zu mehr als 20 Prozent von Erdgas ab.

Spanien will europäische Debatte

In einem Schreiben an die EU-Kommission, aus dem Bloomberg zitierte, warnt die Regierung in Madrid davor, dass „die Lage einen Rückschlag für Initiativen zum CO2-Abbau provozieren kann, wie wir es bereits in Frankreich mit der Krise der Gelbwesten gesehen haben“. Dort hatten sich die Proteste an gestiegenen Spritpreisen entzündet. Untragbare Strompreise über eine längere Zeit, so Madrid weiter, könnte die Akzeptanz der eingeschlagenen Klimapolitik gefährden.

Spanien will eine europäische Debatte über das Preisdilemma anstoßen und fordert einheitliche Antworten der Mitgliedstaaten. Tatsächlich werden Haushalte in ganz Europa, glaubt man Schätzungen der Citigroup, etwa 20 Prozent mehr für Energie zahlen müssen. Parallel steigt die Erwartung an die Regierungen, dem etwas entgegenzusetzen – zumal die wirtschaftliche Erholung durch den Preisschock in Gefahr geraten könnte.

Während sich die Energieminister der EU diese Woche in Slowenien mit Klimapolitik beschäftigen, hat Griechenland Stromkunden einen Abschlag für die ersten 300 Kilowattstunden im vierten Quartal versprochen. Auch Frankreich denkt laut Finanzminister Bruno Le Maire über eine Abfederung nach. Schon jetzt werden Energiegutscheine im Wert von 150 Euro pro Jahr an fast 5,5 Millionen einkommensschwache Haushalte verteilt. Diese „wirksame Schutzmaßnahme“ könnte eventuell ausgeweitet werden.

EU-Wettbewerbskommissar Paolo Gentiloni rief die Regierungen der EU-Länder dieser Tage  dazu auf, Familien vor zu hohen Preisen zu schützen. „Der Klimawandel bringt eine Preiserhöhung für die umweltschädlichsten Produkte mit sich“, erklärte er, „und es ist richtig, dass wir uns in den verschiedenen Ländern fragen, wie wir Schirme aufspannen können, um übermäßige soziale Härten zu vermeiden.“

 


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