EnergiepreiseDie europäische Energiekrise greift auf die gesamte Welt über

Ein russischer Frachter hat an einer Ladestation für verflüssigtes Erdgas (LNG) im chinesischen Tianjin festgemacht.
Ein russischer Frachter hat an einer Ladestation für verflüssigtes Erdgas (LNG) im chinesischen Tianjin festgemacht. IMAGO / VCG

Diesen Winter wird die Welt um etwas kämpfen, das unsichtbar ist, aber so lebenswichtig wie selten – denn es ist in nur alarmierend geringen Mengen verfügbar. Die Rede ist von Erdgas. In Zeiten des Kohleausstiegs und der verstärkten Nutzung sauberer Energiequellen sind Länder mehr denn je auf den Brennstoff angewiesen, um Haushalte zu heizen und Industrien mit Energie zu versorgen. Doch gibt es derzeit nicht ausreichend Gas, um den wirtschaftlichen Aufschwung nach der Pandemie zu bewältigen und zugleich vor den kalten Monaten aufgebrauchte Speichervorräte aufzufüllen.

Schon überbieten sich Länder im Wettlauf um Liefermengen, während Exporteure wie Russland bestrebt sind, mehr Erdgas im eigenen Land zu halten. Der Engpass wird sich weiter zuspitzen, sobald die Temperaturen sinken. Dabei ist die nun spürbare europäische Energiekrise nur ein Vorgeschmack auf die Probleme, die den Rest der Welt erwarten. Denn die Regierungen des Kontinents warnen inzwischen vor Stromausfällen und der Schließung von Fabriken.

Die Vorräte in den europäischen Speichern sind so niedrig wie nie zu dieser Jahreszeit. Zu wenig Erdgas strömte aus den Pipelines von Russland und Norwegen nach Europa. Die Situation ist umso alarmierender, weil die Windkraftanlagen wegen mangels Wind weniger Strom erzeugt haben, während alternde Atomkraftwerke in Europa abgeschaltet werden oder zu Ausfällen neigen. Dadurch ist Gas noch unverzichtbarer. So ist es nicht verwunderlich, dass die europäischen Gaspreise im vergangenen Jahr um fast 500 Prozent in die Höhe geschossen sind und jetzt in der Nähe ihrer Rekordstände notieren.

Der Höhenflug zwang bereits einige Düngemittelhersteller, ihre Produktion zu drosseln. Es wird erwartet, dass weitere folgen. damit könnten auch die Kosten für Landwirte steigen, was womöglich die weltweite Teuerung von Lebensmitteln weiter anheizt. In Großbritannien haben die hohen Einkaufspreise eine ganze Reihe von Versorgern aus dem Geschäft gedrängt.

Preisanstieg fordert weltweit seinen Zoll

Selbst ein durchschnittlich kalter Winter in der nördlichen Hemisphäre wird die Gaspreise in weiten Teilen der Welt absehbar weiter nach oben treiben. In China könnte eine Folge sein, dass industrielle Hersteller von Keramik, Glas oder Zement mit Preisaufschlägen reagieren. In Brasilien müssen sich private Haushalte auf höhere Stromrechnungen gefasst machen. Volkswirtschaften, die sich den Brennstoff bald gar nicht mehr leisten können – darunter Pakistan oder Bangladesch – könnten schlicht zum Erliegen kommen.

Versorgern und Politikern bleibt nur die Möglichkeit, für einen milden Winter zu beten, denn inzwischen ist es zu spät, um die Vorräte noch aufzustocken. Bei den Notenbanken könnte die Aussicht auf steigende Energiepreise in Kombination mit angespannten Lieferketten und Höchstständen bei Lebensmittelpreisen doch noch Zweifel aufkommen lassen, ob der gegenwärtige Inflationsschub so kurzlebig ausfällt wie erhofft. Anleger werden von jetzt bis Dezember jede Wetterprognose genauestens unter die Lupe nehmen.

„Wenn der Winter wirklich kalt wird, befürchte ich, dass wir in Teilen Europas nicht genug Gas zum Heizen haben werden“, sagte Amos Hochstein, der für Energiesicherheit zuständige Berater des US-Außenministeriums, in einem Interview mit Bloomberg Television. Für einige Länder „wird es nicht um Fragen von weniger gehen, sondern tatsächlich um die Frage, ob es überhaupt ausreichende Kapazitäten gibt, um Gas zum Heizen bereitzustellen. Das berührt den Alltag“.

Asien kauft andere Brennstoffe zu

In Asien zahlen Importeure von verflüssigtem Erdgas (LNG) derzeit Rekordpreise für diese Jahreszeit, um ihre Versorgung zu sichern. Einige Länder beginnen damit, umweltschädlichere Brennstoffe wie Kohle und Heizöl zuzukaufen, für den Fall, dass sie nicht ausreichend Gasnachschub bekommen. Die Anstrengungen der Regierungen, ehrgeizige Klimaziele zu erreichen, werden damit gefährdet: Denn Gas verursacht bei der Verbrennung nur etwa halb so viel Kohlendioxid wie Kohle.

 

Auch China, der weltweit größte Abnehmer von Erdgas, hat seine Lagerbestände nicht schnell genug aufgefüllt, obwohl die Importe nach Zollangaben fast doppelt so hoch sind wie im Vorjahr. Mehrere chinesische Provinzen rationieren bereits Strom für Industriebetriebe, um die Ziele von Präsident Xi Jinping für Energieeffizienz und geringere Umweltbelastungen nicht zu gefährden. Sollten die Behörden Gas zum Beleuchten und Heizen der Haushalte abzweigen, kann das die Lage in den Betrieben verschärfen. Ausgedehnte Stromengpässe für chinesische Fabriken können wiederum die Weltmarktpreise für Stahl und Aluminium empfindlich in die Höhe treiben. Erschwerend kommt hinzu, dass China auch mit einer Kohleknappheit zu kämpfen hat.

Energieversorger in Japan und Südkorea sind durch langfristige LNG-Verträge, die an den Ölpreis gekoppelt sind, zwar weitgehend geschützt. Die Korea Electric Power erklärte dennoch vergangene Woche, dass sie erstmals in fast acht Jahren die Strompreise erhöht. Eine unerwartete Kältewelle drängt zudem mehr Stromversorger auf den Spotmarkt, wo sie sich zu Spitzenpreisen mit Gas eindecken müssen – wie schon im vergangenen Winter. In Pakistan sorgten die Kosten für die Sicherung der LNG-Lieferungen für politischen Streit. Politiker der Opposition fordern eine Untersuchung der Ankäufe des staatlichen Importeurs.

Heftiger Wettbewerb entbrannt

In Brasilien hat das Parana-Flussbecken den niedrigsten Wasserstand seit fast einem Jahrhundert erreicht. Es wird weniger Strom aus Wasserkraft erzeugt, was die Energieversorger verstärkt auf Erdgas zurückwirft. Das Land steigerte die Gasimporte im Juli auf ein Allzeithoch. Die Stromrechnungen steigen unentwegt. Da die Inflation bereits stark zugenommen hat, könnte die Entwicklung auch die Chancen von Präsident Jair Bolsonaro auf eine Wiederwahl im nächsten Jahr beeinflussen.

Zwischen Asien, Europa, dem Nahen Osten und Südamerika stehen die Weichen auf Verteilungskampf. Es zeichnet sich ein heftiges Hauen und Stechen um LNG-Lieferungen von Exportländern wie Katar, Trinidad und Tobago ab. „Wir haben eine riesige Nachfrage von all unseren Kunden, und leider können wir nicht alle bedienen“, warnte Katars Energieminister Saad Al-Kaabi auf einer Branchenkonferenz im September.

Wohl sind die amerikanischen Exporteure bereit, mehr LNG zu verschiffen als je zuvor. Gegen Ende des Jahres werden neue Projekte in Betrieb gehen. Doch je mehr Gas exportiert wird, desto weniger wird im Inland verfügbar sein. Und obwohl die Gaspreise in den USA deutlich niedriger sind als in Europa und Asien, sind sie gerade auf dem höchsten Stand seit 2014. Die Vorräte liegen unter dem saisonalen Fünfjahresmittel, doch die Schiefergasförderer zögern, ihre Produktion anzukurbeln – aus Furcht, weniger Rendite zu erzielen und damit Anleger zu verprellen.

Schon hat der Verband industrieller Energiekunden (Industrial Energy Consumers of America) das Energieministerium aufgefordert, die US-Exporte zu drosseln, bis sich die heimischen Lagerbestände wieder normalisiert haben. Der Schritt könnte die Engpässe im Ausland noch verschärfen.

Früher hat Otto-Normalverbraucher dem Marktpreis von Erdgas nur wenig Beachtung geschenkt. Es ist ja nicht wie bei Erdöl, wo sich eine kurzfristige Entscheidung der OPEC fast unmittelbar auf den Preis an der Zapfsäule niederschlägt. Aber in diesem Winter wird die Welt wahrscheinlich hautnah erfahren, in welchem Maße die Weltwirtschaft vom Erdgas abhängig ist.

Mitarbeit: Lynn Doan and Anna Shiryaevskaya

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