KolumnePlädoyer gegen das Dagegen

Brennende Autos beeindrucken optisch durchaus – den Weltfrieden befördern sie nicht. Eingeworfene Scheiben bringen keinen Diskurs in Gang. Und in der Wut geschleuderte Steine verletzen die Einsatzkräfte, doch auf der politischen Ebene zeigen sie keine Wirkung.

Sie denken sich bereits, worauf ich hinaus möchte: Die gewaltsamen Proteste gegen den G20-Gipfel haben wieder einmal gezeigt, wie medienwirksam es ist, dagegen zu sein. Gegen profitgierige Unternehmen, gegen Kapitalismus, gegen Globalisierung.

Solch eine Haltung ist schlicht Dummheit.

Deutsche Kartoffeln auf einem globalen Feld

Unternehmen Sie eine kurze Exkursion mit mir in die Welt der konsequenten Anti-G20, der Anti-Globalisierung und des Anti-Profits:

Am Morgen weckt Sie Ihr analoger Wecker – klar, ein Smartphone eines ausländischen Herstellers besitzen Sie natürlich nicht. Sie schlüpfen in Ihre Trigema-Klamotten, hüpfen in die Birkenstock-Latschen und gehen selbstverständlich ohne kolumbianischen Kaffee aus dem Haus. Sie steigen in Ihren in Deutschland produzierten Opel Corsa – puh, war das schwer, ein Modell ohne Einzelteile aus den USA zu bekommen – und fahren zur Arbeit im regionalen Bauernmarkt. Angebot heute: deutsche Kartoffeln natürlich! Den Feierabend lassen Sie gemütlich vor Ihrem Metz-Fernseher ausklingen – die Namen Samsung oder Panasonic haben Sie nie gehört, von Netflix ganz zu schweigen. Ihre Kinder treiben unterdessen die Telefonrechnung in die Höhe, weil sie ihre Freunde weder über Facebook, noch über Whatsapp oder Instagram kontaktieren können …

Wenn Sie so leben – was ich bezweifle – dann haben Sie meiner Ansicht nach die Berechtigung, die Globalisierung anzuprangern und dagegen zu sein. Wenn hingegen Menschen in Nike-Klamotten und mit iPhone in Hamburg auf die Straße gehen und sich den Hals gegen die Globalisierung wund schreien, dann kommt das in etwa einem vehementen Umweltschützer gleich, der nach der Demo in seinem überholten, Abgase speienden VW-Bus nach Hause stottert.

Die Globalisierung ist also längst in Deutschland angekommen. Das zu leugnen, wäre schlicht naiv. Die Frage ist, welche Verantwortung Sie in ihr übernehmen.

Deutschland ist keine Insel

Denn gegen etwas zu sein, ist zunächst einmal extrem leicht. Es bedeutet keine Übernahme von Verantwortung, sondern vielmehr eine Abgabe der Schuld und damit auch der Macht. „Jemand anders“ hat das globale Szenario verbockt und man selbst macht es sich gemütlich in der Opferrolle. Wie soll es denn auch anders gehen, angesichts der Übermacht der profitgierigen Unternehmen und Geberländer?

Ja, so könnte man argumentieren. Ich möchte dem eine andere Perspektive gegenüberstellen: Es gibt gar keine Alternative zu dem Modell, dass Länder und Unternehmen im globalen wie regionalen Kontext Profit machen. Ich behaupte sogar: Das ist ihre Verantwortung. Ein Unternehmen, das nicht profitabel arbeitet, kann seine Mitarbeiter nicht bezahlen, kann nicht investieren, kann keine Innovationen fördern. Ein Land, das nicht profitabel wirtschaftet, ist angewiesen auf Hilfe von außen, benötigt fremde Fördergelder, vernachlässigt zwangsläufig die Entwicklung seiner Bürger. Oder auf einen Punkt gebracht: Es ist nicht zukunftsfähig.

Wenn Deutschland am globalen Markt mitspielen möchte, bildet es da keine Ausnahme. Deutschland ist keine Insel. Natürlich ist es von den Umbrüchen und Veränderungen auf dem Weltmarkt betroffen. Deshalb ist es gerade nicht verwerflich, dass Deutschland und die restlichen G20-Staaten profitorientiert agieren. Denn ohne Profit können sie global nichts Positives bewirken. Und wenn sie nichts bewirken, nicht nutzenstiftend arbeiten und zusammenarbeiten, hören Sie schlussendlich auf zu wachsen und müssen sich einen neuen Ort suchen.

Das ist für mich das Horrorszenario, und nicht die globalen Märkte und das Profitdenken. Ein Land, eine Wirtschaft, die nicht mehr wächst, stirbt.