FinanzevolutionFintechs sind ohne Netz nichts

© Getty Images

Die Umwälzungen im Bankgeschäft sind nicht mehr zu übersehen, geschweige denn zu überlesen. „Banken stürzen sich auf Fintechs“ überschrieb kürzlich Katharina Schneider einen Beitrag im Handelsblatt oder „Ihr Geld wird smart – wie Fintechs die Finanzbranche aufmischen“ betitelte das Computermagazin c´t ein mehrseitiges Special. Die Wirtschafts- und mittlerweile die Computerpresse haben erkannt, dass unzählige Start-ups im Finanzsektor antreten, um mit frischen Ideen die Geschäftsprozesse zu verändern oder traditionelle Finanzdienstleister zu ersetzen. Das Versprechen ist dabei, Bankdienstleistungen einfacher, bequemer und kostengünstiger anzubieten. Nicht immer geht es dabei darum, Banken überflüssig zu machen. Die Aufstellung von Kilian Thalhammer im Fachblog „Payment and Banking“ dokumentiert unzählige (und längst nicht alle) Kooperationen zwischen Banken und jungen Technologieunternehmen.

Während Banken auf der Suche nach einer geeigneten Strategie für die digitalen Umwälzungen sind, konnten Fachleute Anfang April in Berlin auf der Branchenkonferenz Exec Fintech & Insurtech mit den Gewinnern des „Fintech des Jahres”-Award eine aktuelle Momentaufnahme erhalten. In diesem Jahr gab es bei diesem vom Fachblog Payment und Banking verliehenen Preis vier Gewinner, zwei Publikumspreise und zwei Jurypreise und zwar jeweils als sogenannte early Stage (Gründung 2015 und später) und later stage Start-ups (Gründung vor 2015).

In Namibia fehlt die Basis für die Digitalisierung

Ich hatte die Ehre in der Jury mitwirken zu dürfen. Weil wir zu dieser Zeit durch Namibia reisten, stimmte ich aus Afrika ab. Eigentlich sollte eine solche Fernabstimmungen in Zeiten verteilten Arbeitens und internationaler Vernetzung ganz normal sein, war sie aber nicht. Namibia liegt im Uno-Entwicklungsindex auf Platz 126 (Stand 2013). Eine solche Reise lässt jemanden, der sich viel in einer digitalen Filterblase bewegt, nachdenklich werden in Bezug auf die Wertigkeit der Digitalisierung und der technologischen Abhängigkeit, die wir derzeit schaffen.

Vom vielzitierten Credo der Start-ups „Wir machen die Welt zu einem besseren Ort“ ist nämlich im Süden des afrikanischen Kontinents nichts zu spüren. Fantastische Landschaften und faszinierende Tierwelten stehen im starken Kontrast zu den wesentlichen Grundlagen, die alle für den „Fintech des Jahres“-Award nominierten Unternehmen benötigen: funktionierende Strom- und Kommunikationsnetze. Über die Verfügbarkeit dieser Basisinfrastruktur müssen wir selbst im WLAN-Entwicklungsland Deutschland nicht mehr nachdenken. In Namibia sind zwar beide Infrastrukturen vorhanden, jedoch nicht in der Qualität und Stabilität, wie wir sie gewohnt sind. Damit fehlt eine wichtige Basis für die Digitalisierung ganzer Branchen, denn niemand kann sich dort im Alltag allein auf das „always on“ der Netze verlassen.

Auszeichnung für N26

Zurück zum „Fintech des Jahres“. Fintech steht für Finanztechnologie. Zu der Technologie gehören hier ebenso Strom- und Kommunikationsnetze sowie die aus ihnen in Verbindung mit Computersystemen abgeleiteten Subtechnologien, wie etwa künstliche Intelligenz oder die Blockchain. Manchmal muss man sich Selbstverständliches ins Bewusstsein holen. Ohne Netze würde die Fintech-Szene nicht existieren und es hätte auch keine Preise in Berlin gegeben.

Der Publikumspreis in der Kategorie Early Stage ging an Bilendo. Das Start-up aus München bietet ein Mahnwesen aus der Cloud und unterstützt das Debitoren-Management von Unternehmen. Dabei wird Wert gelegt auf Automatisierung und individuelle Kommunikation, denn langjährigen Kundenbeziehung sollen durch Mahnprozesse nicht ernsthaft gefährdet werden.

Der Publikumspreis Later Stage ging an N26. Das Unternehmen habe ich in dieser Kolumne bereits mehrfach betrachtet (zuletzt hier). Das 2013 in Berlin gegründete Start-up ist der in Deutschland derzeit ambitionierteste Versuch, eine Alternative zu etablierten Banken zu bieten. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben mittlerweile 300.000 Kunden , ist in 17 Ländern aktiv und will in den nächsten Jahren die Millionen-Kunden Marke knacken. Unter den 300.000 Kunden dürften auch zahlreiche Banker sein, denen N26 als Vorbild für das Banking von Morgen dient.

Die Jury wählte als „Fintech des Jahres“ in der Kategorie Early Stage den Newcomer Kontist. Kontist bewegt sich in dem stark umkämpften Segment der Konto- und Buchhaltungsleistungen für kleine Unternehmen und Freiberufler. Das Unternehmen arbeitet dabei für die Kontodienstleistungen mit der Solaris Bank und für die Buchhaltungsfunktionen mit dem Unternehmen Debitoor zusammen.

Und in der Kategorie Later Stage zeichnete die Jury Figo aus. Das 2012 gegründete Unternehmen mit Sitz in Hamburg ist vielleicht am besten mit traditioneller und neuer Bankenwelt vernetzt. Figo bezeichnet sich selbst als Europas erster „Banking Service Provider“ und schlägt eine Brücke zwischen derzeit 3200 Finanzquellen wie Bankkonten, Kreditkarten, Depots, Paypal und Fintechs, die über Figo erreichbar sind. An dem Unternehmen hat sich Ende vergangenen Jahres unter anderem die Deutsche Börse beteiligt.

Wie wichtig funktionierende Strukturen sind

Gerade Figo zeigt, wie wichtig eine funktionierende und stabile IT- und Telekommunikationsinfrastruktur ist und wie sehr auch stabile institutionelle Rahmenbedingungen das Geschäft bestimmen können. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören die EU-Vorschriften und insbesondere die für die technologische Entwicklung im Banking wichtige Novelle der Zahlungsdienste-Richtlinie (im Fachjargon Payment Services Directive 2 oder kurz PSD2 genannt). Diese bis Anfang 2018 in deutsches Recht zu überführende Regelung wird voraussichtlich großen Einfluss auf die Dienstleistungen vieler Fintechs und Banken haben. Die Novelle sieht unter anderem vor, dass Banken unter bestimmten Bedingungen Daten der Kunden standardisiert über sogenannte Programmierschnittstellen (APIs) Drittanbietern zur Verfügung stellen müssen.

Solche regulatorischen Neuerungen mögen vielleicht nicht immer nur gut sein. Doch auch wenn in Europa häufig gegen die umfangreiche und detailverliebte Regulierung gewettert wird, zeigt sich für mich gerade mit den Eindrücken aus Afrika vor Augen, wie wichtig stabile politische und ökonomische Institutionen eines Landes sind. Eindrucksvoll haben das Daron Acemoglu und James A. Robinson in ihrem Buch „Warum Nationen scheitern“ dargelegt. In vielen afrikanischen Ländern werden engagierten jungen Leuten und Investoren wegen unzureichender politischer und auch regulatorischer Strukturen die Anreize genommen, sich wirtschaftlich zu engagieren. Zwar gilt das nicht für das von uns besuchte Namibia, dennoch mangelt es hier noch an Investoren. Dabei liegen die Chancen auf der Hand, denn nach einer Studie von Moody’s Investors Service verfügen hier gerade einmal 48 Prozent über Geldkonten. Helfen könnte es, die technologischen Voraussetzungen für die Digitalisierung zu verbessern.


Dirk Elsner (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.