FinanzevolutionAlles in Einem

Dirk Elsner© Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Kennen Sie dieses Bild: Sie kippen einen Becher mit Nadeln aus. Alle Nadeln liegen chaotisch auf dem Tisch verteilt. Nähert man sich vorsichtig mit einem Magneten, richten sich diese Nadeln aus und beginnen eine neue Ordnung bis die Nadeln schließlich am Magneten heften bleiben. Dieses Bild habe ich im Kopf, wenn ich an die aktuellen Entwicklungen vieler junger Unternehmen denke, die im Bereich der Financial Technology (Fintech) Privat- und Geschäftskunden ihre Leistungen anbieten.

Längst bekannt ist, dass hier in den letzten Jahren eine Fülle neuer Unternehmen entstanden ist. Viele von ihnen haben im Finanzbereich aber nur eine Leistung im Angebot, diese dafür meist technologisch und in der Nutzererfahrung clever umgesetzt. Fachleute wie Ralf Keuper, sprechen vom Unbundling von Finanzdienstleistungen, also der Zerlegung von Bankprodukten in ihre Einzelteile. Diese Zerlegung hat freilich einen großen Nachteil: Kunden, die für ihre bisher bei einer Bank gebündelten Dienstleistungen zu neuen Anbietern wechseln wollen, finden zwar eine Fülle interessanter aber untereinander nicht kompatibler Angebote. Anwender müssen verschiedene Apps installieren und sich registrieren. Das nervt zuweilen und man verliert schnell den Überblick, wo wieviel Geld eingezahlt, gespart und transferiert wird. Die Konsequenz: Nur vergleichsweise wenige Kunden nutzen die neuen Fintech-Angebote.

Eine Möglichkeit, dies zu ändern, wäre es, die Leistungen verschiedener Unternehmen wieder unter einer Benutzeroberfläche zusammen zu legen. Fachleute sprechen dann vom Rebundling. Ein Fintech, das diese Strategie konsequent verfolgt, ist das als Number26 gestartete Unternehmen N26. Number26 wurde 2013 gegründet und ist ursprünglich als moderne Benutzeroberfläche der Kernbankdienstleistungen der Wirecard Bank gestartet. Damals nutzte das Unternehmen die Banklizenz der Wirecard Bank.

N26 integriert Produkte anderer Fintechs in die eigene App

Mit hoher Geschwindigkeit haben sich die Berliner weiterentwickelt. Dabei fährt N26 eine interessante Strategie, denn neben der Erweiterung des eigenen Produktportfolios werden Leistungen anderer Fintechs und Banken unter der eigenen App-Oberfläche integriert. Angefangen haben die Berliner mit Auslandsüberweisungen, die über Transferwise abgewickelt werden und in die N26-App integriert sind. So können Nutzer Guthaben in Euro in mittlerweile 19 Währungen überweisen. Die Überweisungen sollen in ein bis zwei Werktagen abgeschlossen sein. Das Unternehmen betonte nach der Bekanntgabe im Februar, dass dies nur der erste von vielen Partnern in diesem Jahr sein werde.

Tatsächlich gibt N26 Gas. Im Juli haben sie eine eigene Banklizenz in Deutschland erworben. Konkret erlaubt hat die BaFin folgende Tätigkeiten: Abschluss- und Anlagevermittlung sowie Eigen-, Einlagen- und Kreditgeschäft. Das mag zunächst unspektakulär klingen, wenn man bedenkt, dass die gerade verkaufte Fidor Bank eine Zulassung für 17 Geschäftsarten hat. Dennoch sind das zentrale Genehmigungen, die zeigen, wohin sich das Unternehmen bewegen kann.

Die Erlaubnis für Anlagevermittlung hat N26 für die Kooperation mit einem der deutschen Pioniere für digitale Anlageberatung genutzt: Vaamo Finanz AG, die zu den ersten Robo-Advisern in Deutschland gehören. Aus der Zusammenarbeit ist ein Kooperationsprodukt entstanden, welches das Unternehmen „N26 Invest“ nennt. Das Angebot, das von Verbraucherschützern aufgrund seiner Konditionen für Kleinsparer kritisiert wird, ist nahtlos in die App integriert. Hier bekommt man gutes Anschauungsmaterial von der “User Experience”. Kunden brauchen sich also nicht noch einmal bei Vaamo anmelden, sondern nur die zusätzlichen Fragen beantworten, die für die Kapitalanlagen notwendig sind.

In einem Gespräch betonte der Mitgründer von N26, Valentin Stalf, das Unternehmen müsse nicht jedes Produkt selbst machen. Aber der Vorteil für andere Anwendungen ist klar: Einzel-Apps werden seltener genutzt, das eigene Konto aber überprüfen die Kunden fast täglich. So bestehe über N26 eine viel direktere und engere Verbindung auch anderer Fintechs zum Kunden.

Drittanbieter „erben“ Kundendaten

Tatsächlich machen viele Nischenprodukte von Fintech-Unternehmen mehr Sinn, wenn man sie unter einer Oberfläche zusammenfasst. Diesen Plattform-Gedanken verfolgt N26 konsequent weiter. Als nächste Anbindung ist eine Spar-Plattform geplant, verriet Stalf. Hier laufen derzeit Gespräche mit Zinsplattformen. Welche, mochte Stalf nicht sagen. Bekannte derartige Plattformen in Deutschland sind aber Zinspilot, Savedo und Weltsparen.

Weiter arbeitet N26 an einem Angebot für Konsumentenkredite. Auch hier, so Stalf, sei man im Gespräch mit verschiedenen Anbietern. Angst vor einer selbstgemachten Konkurrenz zu den eigens angebotenen Überziehungskrediten hat N26 nicht. Es komme hier mehr auf die Wünsche der Kunden an. Daher profitiere der Kunde vom Wettbewerb auf der Plattform. Außerdem sei man im Gespräch, Versicherungsleistungen anzubieten.

Soweit wie möglich soll bei der Anbindung weiterer Plattformen eine neue Registrierung (Fachleute nennen das gerne Onboarding) vermieden werden. Im Klartext heißt das, der Kunde meldet sich nur einmal an und legitimiert sich auch nur einmal gegenüber N26. Somit “erben” die Drittanbieter bereits die wesentlichen Kundendaten.

Eine ganz normale Bank?

Bisher arbeitet N26 beim Betrieb der Kernbankanwendungen mit Wirecard zusammen. Laut Stalf wolle man letztlich aber mit der Banklizenz mehr auf eigene Kernbankanwendungen setzen. Hier arbeite man mit selbst entwickelten Komponenten und Fremdsoftware (etwa für das regulatorische Reporting). Bei Wirecard habe N26 nicht die technische Hoheit, zumal die Entwicklung auch nicht von Wirecard selbst, sondern von einem Drittanbieter betrieben werde. Ziel sei es, auf eigene (beziehungsweise dazu lizensierte) Technologie zu setzen und die Hoheit über die Entwicklung zu haben. So könne das Unternehmen wesentlich schneller reagieren.

Anfänglich wurde N26 häufig unterschätzt – es wurde schließlich “nur” ein Konto auf Guthabenbasis angeboten. In diesem Jahr zeigen die Berliner, wie schnell man sein Geschäftsmodell erweitern kann. Das Handelsblatt sieht das Unternehmen auf dem “Weg zur normalen Bank” – unter anderem, weil es Gebühren für bestimmte Leistungen eingeführt hat. Persönlich sehe ich N26 viel mehr als Vorreiter – auch für normale Banken. Auf seinem Weg zieht es wie ein Magnet immer mehr Unternehmen in seine Richtung.