Die großen Betrüger Das Betrugssystem des angeblichen Erben von Sir Francis Drake

Der Bauernsohn Oscar Hartzell aus Illinois steuerte jahrelang von London aus sein gigantisches Betrugssystem
Der Bauernsohn Oscar Hartzell aus Illinois steuerte jahrelang von London aus sein gigantisches Betrugssystem
Oscar Hartzell gab sich als Nachfahre des legendären Seefahrers Sir Francis Drake aus und versprach seinen Anlegern Anteile an einem gigantischen Vermögen. Mindestens 70.000 Amerikaner fielen auf den Hochstapler herein

Es ist ein eisiger Morgen 1933, als einer der größten Hochstapler der US-Geschichte heimkehrt. Eskortiert wird er von ein paar Marshals. Am Bahnhof von Sioux City im Bundesstaat Iowa warten Scharen von Leuten, Fotografen drängeln sich an den Gleisen. Als der Zug hält, fängt die Menge an zu jubeln. Die Leute winken und rufen seinen Namen: Oscar Merril Hartzell.

Noch auf dem Weg in die Untersuchungshaft sieht Hartzell aus wie jener Gentleman, dem Zehntausende Menschen im Mittleren Westen ihr Geld anvertraut hatten: ein breitschultriger Mann Ende 50 mit blank polierten Budapestern, feinem Mantel und englischer Melone auf dem Kopf. Neben ihm wirken die Marshals mit ihren ausgelatschten Stiefeln wie Tagelöhner. Der Taxifahrer, der die Polizisten und Hartzell ins Gefängnis bringt, weigert sich, Geld zu nehmen. Es sei ihm eine große Ehre, den Mann zu fahren, sagt er.

Ein paar Tage zuvor ist Hartzell verhaftet worden, an Bord der SS Champlain, mit der er von London nach New York übergesetzt hatte. Mehr als 15 Jahre lang war London seine Basis, von hier aus steuerte der Bauerssohn aus Illinois ein gigantisches Betrugssystem. Hartzell gab sich als Erbe des englischen Seefahrers Sir Francis Drake aus. Seinen Anlegern gaukelte er vor, schon bald Eigentümer des sagenhaften Drake-Vermögens zu sein: Ländereien, Gold, Juwelen und Anlagen, einer der wertvollsten Nachlässe der Welt, um den sich schon seit dem Tod des Eroberers im Jahr 1596 zahllose Legenden rankten. Über 100 Mrd. Dollar wert, viel mehr als die damaligen Staatsschulden Großbritanniens und der USA zusammen.

Mithilfe eines Netzes von mehreren Dutzend Agenten sammelte Hartzell in seiner alten Heimat Millionensummen ein – angeblich für seinen Rechtsstreit mit der englischen Regierung, die auf dem Drake-Nachlass sitze. Seinen Anlegern versprach er Renditen von 500 Prozent, bezahlt aus Drakes Milliardenvermögen. Anfang der 30er-Jahre gab es unzählige Leute, die bereitwillig an Hartzells Versprechen schnellen Reichtums glaubten. Der Mittlere Westen litt besonders unter den Folgen des Börsencrashs von 1929 und der Großen Depression. Viele Bauern verloren ihr Land, in manchen Gegenden tobten Aufstände. Konjunktur hatten nur Hochstapler wie Hartzell, die die Sehnsucht der Leute nach easy money bedienten.

Überall plünderten Bauern, Ärzte, kleine Geschäftsleute und Bankbeamte ihre Konten oder nahmen sogar Hypotheken auf – aus Gier, aus Angst, die Chance auf Wohlstand zu verpassen, und weil Hartzells „Drake-Bonds“ in vielen Städten eine soziale Sogwirkung entfalteten: Wer nicht investierte, musste sich rechtfertigen. Aus dem Traum vom schnellen Geld wurde ein Rausch, dem mindestens 70.000 Anleger erlagen. Ein Beamter aus dem U.S. State Department kabelte fassungslos nach Washington: „Sie glauben jetzt an Hartzell mit dem Feuer der rabiatesten religiösen Fanatiker.“

Gier nach Prestige

Hartzell wurde 1876 als Sohn eines deutschstämmigen Farmers in der Prärie von Illinois geboren. Schon als Kind träumte er davon, reich und berühmt zu werden. Es wurde seine wichtigste Triebfeder. Hartzell kaufte und verkaufte Land in Iowa, wurde einer der größten Viehtransporteure in der Region, bekannt bei den Banken und den Brokern in Chicago.

Vom Erbe seines Vaters, der sich aus Versehen mit seinem Revolver erschossen hatte, kaufte er in Texas Land und Farmen. Er hielt sich Rennpferde, veranstaltete teure Partys. Für die Hypotheken, mit denen er den Lebensstil seiner Familie finanzierte, verpfändete er Ländereien und Vieh, teils mehrfach. Als 1908 ein Großbrand seine Ranch zerstörte und ein Virus seine Tiere heimsuchte, musste er Bankrott anmelden. Der Aufsteiger war abgestürzt.

Der Weltumsegler Francis Drake brachte von seinen Seereisen gewaltige Schätze nach England. Legenden über deren Verbleib hielten sich über Jahrhunderte
Der Weltumsegler Francis Drake brachte von seinen Seereisen gewaltige Schätze nach England. Legenden über deren Verbleib hielten sich über Jahrhunderte
© Gemeinfrei

Doch dann nahm Hartzells Leben eine plötzliche Wendung. Durch Zufall lernte er den Anwalt Milo Lewis und dessen Komplizin Sudie Whittaker kennen, die schon seit einigen Jahren Geld mit einem angeblichen Drake-Schatz verdienten. Das Ganovenduo machte sich einen Mythos zunutze, der sich seit dem Tod von Francis Drake 300 Jahre zuvor hielt und um die Jahrhundertwende im Mittleren Westen neue Kraft gewonnen hatte: dass Drakes wahre Erben Amerikaner seien, weil die Nachkommen irgendwann in die USA ausgewandert seien. Auch die Zeitungen des Mittleren Westens berichteten immer wieder über angebliche Drake-Erben in Amerika.

Lewis und Whittaker fuhren von Stadt zu Stadt, im Gepäck ein Gutachten eines Ahnenforschers. Sie trommelten zu Meetings in Rathäusern und Handelskammern, die immer nach dem gleichen Muster abliefen. Whittaker gab sich als Cousine eines „George Drake“ aus Missouri aus, dessen Familie in dem Gutachten als Erbberechtigte genannt wurde. Sie schwärmte von dem Vermögen, das in England auf den Transfer nach Amerika warte. Dann verkaufte sie ihre „Subcontracts“: Anteilscheine für den Drake-Nachlass, 25 Dollar das Stück.

Nach seinem persönlichen Crash begann Hartzell Anfang 1915, für Whittaker und Lewis zu arbeiten. Schon damals kam der hemdsärmelige Mann bei den Leuten in Indiana, Illinois und Iowa an, weil er die Sprache des Mittleren Westens sprach. In seiner Hartzell-Biografie beschreibt der Autor Richard Rayner eine Versammlung in Illinois, bei der Whittakers Geschichte auf Zweifel stieß. Da hob Hartzell sein Glas, prostete den Leuten zu und sprach einen Toast: „Auf diese Zeit im nächsten Jahr, wenn wir alle Millionäre sein werden.“ Am Ende kauften fast alle die Subcontracts.

Dann kam der Sommer 1915. Einer ihrer Anleger zeigte Whittaker wegen Betrugs an, sie musste vor Gericht. Als sie auf Kaution freikam, nutzten Lewis und sie die Gelegenheit zur Flucht nach England. Hartzell nahmen sie mit. Von London aus, in der Heimat Drakes, wollte das Trio seinen Betrug weiterführen. Zwar beschäftigten die Drake-Bonds Gerichte, auch die US-Botschaft in London hatte schon vor der Masche gewarnt. Aber kein einziges Urteil hatte jemals festgestellt, dass ein nicht geklärter Drake-Nachlass definitiv nicht existiere. Die Legende und das Geschäft damit lebten weiter.

Nach ein paar Jahren in London entbrannte jedoch ein heftiger Kampf darum, wer den lukrativen Schwindel kontrollierte. Hartzell hatte verstanden, dass ihm der Drake-Nepp seinen Traum von Ruhm und Geld erfüllen konnte. Nun versuchte er alles, um seine beiden Kompagnons loszuwerden. In seiner unvollendeten Autobiografie, die er später im Gefängnis verfasste, schrieb er: „Es ging nur um sie oder mich.“

Ein erfundener Erbe

Hartzell engagierte Helfer, die den Leuten in Amerika erklärten, dass das Gutachten von Whittaker und Lewis falsch und die Subcontracts wertlos seien. Dabei kam ihm zupass, dass der Supreme Court von Illinois Lewis 1919 die Anwaltslizenz entzog. Statt Subcontracts zu verkaufen, bat Hartzell um „Spenden“ für seinen vermeintlichen Rechtsstreit gegen die Regierung. Eine Einigung sei nur eine Frage der Zeit – und der Prozesskosten. Seinen „Spendern“ versprach er sechs Prozent Zinsen plus einen Bonus von 500 bis 1000 Dollar je gezahltem Dollar, noch mehr als bei Whittaker und Lewis.

Und er dachte sich eine Begründung aus, warum er anders als alle anderen vor ihm tatsächlich Anspruch auf das Milliardenerbe habe – die Geschichte des „Colonel Drexel Drake“: Aus einem bislang unbekannten Testament gehe hervor, dass Francis Drake heimlich ein drittes Mal geheiratet habe. Aus dieser Ehe stamme ein Sohn, und dessen Nachfahre sei Colonel Drexel Drake, ein Mann aus London, der selbst keine Kinder habe. Und weil er, Hartzell, Drexel Drakes Nichte heiraten wolle, habe dieser ihm alle Rechte an dem Nachlass überschrieben.

Als Kronzeugen für seine Ansprüche führte Hartzell „die mächtigsten Instanzen“ des Empires an: die King’s and Lords’ Commission, Lordkanzler Lord Cave, die höchsten Kirchengerichte. All diese Stellen hätten ihn als rechtmäßigen Erben bestätigt, fabulierte er. Schon bald werde er über ein gigantisches Vermögen verfügen. Er trug seine Lügen so selbstsicher, bedeutungsschwer und detailreich vor, dass ihm die Leute Glauben schenkten.

Der geniale Schachzug, sich selbst zum Erben zu machen, war der Durchbruch. Von April 1924 bis September 1926 wuchsen Hartzells Monatseinnahmen von 2250 Dollar auf mehr als 8000 Dollar – nach heutigem Wert jeweils das Zehnfache. Mit dem Geld führte er das Leben eines Dandys: ein Apartment im Stadtteil Knightsbridge, jeden Mittag ging er zum Lunch ins feine Savoy Hotel. Er stellte einen Privatsekretär ein, rauchte dicke Zigarren und ließ sich in der Savile Row Dutzende Maßanzüge schneidern. Er besuchte Jazzclubs, in denen auch Mitglieder der Königsfamilie verkehrten.

In diesen wilden Londoner Jahren bestand Hartzells einzige Arbeit darin, am späten Vormittag zum American-Express-Büro in Kensington zu marschieren. Dort las er die Post von seinen Agenten und Anlegern – und hob frisches Geld ab. Wenn sich Investoren aus den USA besorgt erkundigten, wann denn endlich der Nachlass geregelt sei und er ihnen das versprochene Geld auszahle, schrieb Hartzell in herrischem Ton zurück. Mal schilderte er seine vermeintlichen Verhandlungen mit der Spitze des Empires. Mal erfand er einen Scotland-Yard-Agenten, der sich für ihn verbürgte.

Hartzell war ein Meister darin, seine Anleger bei Laune zu halten, ein genialer Architekt eines Lügengebäudes, das er auch auf realen Ereignissen aufbaute. Als der König seinen Lordkanzler austauschte, nutzte Hartzell dies als Begründung, warum sich die Verhandlungen verzögerten. Gerüchte über eine Abkehr Englands vom Goldstandard führte er auf seine Aktivitäten zurück: Die Bank of England sei nervös, weil bald gigantische Vermögenswerte das Land Richtung USA verlassen würden.

Als der Ökonom John Maynard Keynes in einem Aufsatz über Drakes Eroberungszüge und den Zinseszins-Effekt staatlicher Investitionen schrieb, ließ Hartzell den Text tausendfach verteilen – als Beleg, wie gewaltig das Vermögen mittlerweile sei. „Er war gut, wenn die Dinge schlecht liefen“, schreibt Hartzells Biograf Rayner. Die Anleger hätten den Betrüger in der Krise wie einen Wirtschaftsguru verehrt.

Heiland in Handschellen

Viele Jahre lang ging das Spiel gut. Der Hochstapler profitierte von den Lücken zwischen den verschiedenen Rechtssystemen. Die Zusammenarbeit zwischen den USA und Großbritannien bei der Strafverfolgung war noch nicht weit ausgebaut. Erst im Jahr 1928 bemühten sich die Amerikaner ernsthaft, Hartzell auf der anderen Seite des Atlantiks das Handwerk zu legen. Vor allem ein Mann: John Sparks, ein Detective des Geheimdienstes des U.S. Post Office, der kriminelle Aktivitäten mithilfe von Postdiensten bekämpfte.

Aber auch Sparks kam anfangs nicht richtig voran. Kein einziger der Drake-Anleger wollte gegen Hartzell aussagen. Die britischen Behörden fanden keine Handhabe, gegen den Betrüger vorzugehen, weil dieser keine Gesetze in England verletzt habe. Und Hartzell selbst war geschickt genug, die erfolglose Jagd auf ihn als Propaganda zu nutzen. „Wenn ich ein Betrüger sein soll, warum stoppen die Behörden mich dann nicht?“, schrieb er an seine Anleger.

Noch einmal war Hartzell (r.) in der Öffentlichkeit zu sehen – als Zeuge im Prozess gegen 40 seiner Helfer
Noch einmal war Hartzell (r.) in der Öffentlichkeit zu sehen – als Zeuge im Prozess gegen 40 seiner Helfer

Das Gefühl, für die Polizei nicht zu packen zu sein, ließ ihn jedoch unvorsichtig werden. Die ständige Maskerade und die Prahlereien gegenüber seinen Investoren führten dazu, dass Hartzell in seiner Scheinwelt immer größenwahnsinniger und wunderlicher wurde. Nach einem Autounfall, den er 1930 wie durch ein Wunder unverletzt überstand, begann er, regelmäßig eine Hellseherin zu besuchen.

Diese allerdings setzte einen Privatdetektiv auf ihren reichen Kunden an. Getarnt als texanischer Ölmillionär machte der Detektiv bei einem Saufgelage im Savoy Bekanntschaft mit Hartzell. Und dort leistete sich der Hochstapler einen folgenschweren Fehler: Er brüstete sich mit seiner Betrugsmasche. Der Detektiv wurde später zu einem der wichtigsten Zeugen der Anklage.

Ende 1932 übernahm ein neuer Chief Inspector bei Scotland Yard den Fall, und die Behörde verschärfte die Gangart. In einem langen Verhör verlangten die Ermittler von Hartzell Beweise für seine Ansprüche auf den Drake-Schatz. Doch dieser hatte nichts, nicht einmal gefälschte Dokumente. Er hatte sich auf seine Unverschämtheit verlassen – und auf das ungebrochene Vertrauen seiner Anhänger. Im Dezember 1932 erreichten seine Einnahmen einen neuen Rekord: 18.000 Dollar.

Kurz nach dem Verhör verfügte das britische Innenministerium Hartzells Ausweisung. Am 8. Februar 1933 brachten ihn Beamte von Scotland Yard nach Plymouth, von wo aus auch Sir Francis Drake zu seinen großen Fahrten aufgebrochen war. Noch bevor die SS Champlain im Hafen von New York festmachte, wurde Hartzell in seiner First-Class-Kabine der Haftbefehl vorgelegt.

Doch als er bei der Ankunft in Sioux City die jubelnde Menge sah, wusste er, dass die Massen immer noch auf seiner Seite waren. Verschwörungstheorien kursierten, wonach die Regierungen ihn aus dem Weg räumen wollten. Seine Anhänger im ganzen Land waren in Aufruhr. Wie sollte Hartzell den Drake-Deal zu Ende bringen und die Milliarden nach Amerika holen, wenn er hinter Gittern saß?

Die Helfer machten weiter

Hartzell heuerte ein teures Verteidigerteam an. Er kam auf Kaution frei und mietete für seinen Tross einen ganzen Hotelflügel, wo er Hof hielt wie ein Monarch. Seine Anhänger bat er um Spenden für seine Verteidigung. Innerhalb weniger Monate kam die gigantische Summe von 68.000 Dollar zusammen. Der Staatsanwalt, der ihm den Prozess machte, wurde als Lakai der Wall Street und der Regierung angefeindet. In seinem Plädoyer sagte er über Hartzell: „Dieser Mann ist ein Meister in der Psychologie des Betrugs.“

Am 15. November 1933 fiel das Urteil: zehn Jahre Haft. Doch selbst jetzt war sein Geschäft noch nicht am Ende. Binnen Kurzem gingen noch einmal mehr als 100.000 Dollar ein. Nur die wenigsten Opfer wollten sich eingestehen, dass sie einem Betrüger aufgesessen waren und ihr Geld verloren war.

Nachdem ein Berufungsgericht das Urteil bestätigt hatte, trat Hartzell im Januar 1935 seine Haft im Bundesgefängnis von Leavenworth, Kansas, an, als Häftling Nummer 46137-L. Dort starb er 1943. Dennoch nahmen seine Helfer noch eine weitere halbe Million Dollar ein, bevor auch sie verhaftet wurden. Eine Zeit lang fuhr sogar ein weiterer Hochstapler durch Iowa und behauptete, Hartzell zu sein. Der Schwindel war längst größer als sein Urheber.

Der Beitrag ist erschienen in Financial Crimes: die größten Betrüger, Verbrecher und Spekulanten der Wirtschaftsgeschichte . Das Heft kann im Abo-Shop von Capital bestellt werden


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